- wie einst Ernest von ihr gesagt hatte - die Schwingen entfaltet zum Aufflug in die Heimat der Geister . » Mein Herz stirbt , geliebter Onkel ! « sagte sie leise und sank zu seinen Füßen nieder . » Wohl Dir , teures Kind ! in dem durchwundeten Herzen unseres Gottes findet es sein Leben wieder ! Nimm nur getrost alle Kronen von Deinem Herzen ab , auch die der Kraft , auch die der freudigen und stolzen Zuversicht ; setze keine Grenzen Deiner inneren Verdemütigung und Selbstentäußerung - verlange auch die Dornenkrone nicht , denn das könnte Dich stolz machen ; aber nimm sie selig an , wenn Dein Herr und Heiland sie mit Dir teilen will - und nun komm ' ! die Stunde ist da . « Er segnete sie , hob sie von der Erde auf und sagte mit unaussprechlicher Zärtlichkeit : » Nicht hier nehme ich Abschied von Dir . Ich gehe auch mit nach Würzburg . Ich will selbst das Kleinod meines Herzens im Schrein Gottes niederlegen . « Sie verließen Levin ' s Zimmer . Da stand Uriel an eine Säule gelehnt . » Regina ! « rief er und trat ihr entgegen ; » ist ' s denn wirklich ein Lebewohl für immer ? « » O nein , Uriel ! « sagte sie gefaßt , » nur für die Erde - ein kurzes Lebewohl . Und dann : auf Wiedersehen , lieber Uriel ! « Sie ging vorüber mit Onkel Levin . Uriel folgte ihr gedankenlos . Wie durch einen Schleier sah und hörte er , was um ihn her vorging . Er hörte sprechen , er hörte weinen ; er sah sich umringt von der ganzen Familie , die ihm tausend Liebes und Herzliches sagte und ihm glückliche Reise und glückliche Heimkehr wünschte . Onkel Levin sagte : » Der Engel Raphael geleite Dich zu uns zurück . « Das verstand Uriel , sonst nichts . Er antwortete auf alles ganz gedankenlos : » Ja , ja ! « Der Graf , Onkel Levin , Regina und Hyazinth stiegen in den ersten Wagen ; die Baronin Isabelle mit Corona und Orest in den zweiten . Kinder und junge Mädchen warfen den beiden Schwestern Blumen zu . Die Wagen rollten vom Hof . » Dahin ist mein Glück ! « seufzte Uriel . Er sprang in seinen Wagen , schloß die Augen und sein Kammerdiener sagte zum Postillon : » Fort nach Frankfurt ! von da geht ' s weiter nach Hamburg und rund um die Welt . « Zweiter Band Die Villa Diodati Es war ein herrlicher Oktober . Dieser Monat ist der schönste am Genfersee , ist so sommermäßig , daß die Abende sogar noch warm sind , und verbindet damit die Vorzüge des Herbstes : gleichmäßige Witterung , klare Luft und einen unvergleichlichen Schmelz der Farben auf dem Gebirg und dem See . Die Villa Diodati , berühmt durch den Aufenthalt , den einst Lord Byron dort machte , liegt auf dem Ufer von Savoyen , eine Stunde von Genf , in einem terrassierten Garten , unmittelbar am See , der seinen strahlenden Spiegel wie eine lichtblaue , mit Goldfunken durchblitzte Emaille vor ihr ausbreitet . Auf dem entgegengesetzten Ufer steigen die Rebgelände des Waadtlandes auf , unterbrochen von Schluchten und Hügeln mit reicher Bebaumung und übersäet mit Städten , Dörfern , einzelnen Schlössern und Campagnen . Im Osten schließt das Hochgebirge des Walliserlandes den See ab , schickt ihm aber aus den gewaltigen Gletschern am Fuße der Grimsel und Furka die reißende Rhone zu , die im Westen , bei Genf , an dem Becken des See ' s im ungeduldigen Jugendmut herausbricht und sich ihre eigenen Wege sucht , hinab zur Küste des mittelländischen Meeres . Die Krone des See ' s und der ganzen Landschaft ist der gewaltige Montblanc ; er liegt da wie ein weißer Marmorblock in einem Blumengarten . Es war gegen Abend ; die Sonne sank und zog einen rosenfarbenen Schleier über alle Berge , während der ewige Schnee des Montblanc im feurigsten Rosenlicht aufflammte . Mitten auf dem See , da , wo man die volle Ansicht des Montblanc hat , schwamm eine Barke , leise gewiegt von den rieselnden Wellen , denn die Schiffer hatten die Ruder eingezogen . In der Barke saßen einige Männer und eine Frau . Sie hatte sich in einen weißen Burnus eingewickelt , der ihre hohe schlanke Gestalt hervorhob , nicht verhüllte , und dessen Kapuze über den Kopf gezogen . Sie blickte mit ihrem ernsten schwarzen Auge unverwandt auf den Montblanc und kümmerte sich nicht im mindesten um die Herren und ihre Gespräche . Zwei dieser Herren waren übrigens ebenso schweigsam wie die Dame , obschon sie nicht , gleich ihr , in den Anblick des zauberhaften Naturgemäldes versunken waren . Endlich sagte der eine zu ihr : » Signora Giuditta ! « - aber er mußte es wiederholen , bevor sie die Kapuze ein wenig zurückschob und , ohne nach ihm umzublicken , sagte : » Was wünschen Sie , Graf Orestes ? « » Sie zu hören , da Sie uns das Glück nicht gönnen , Ihr Antlitz zu schauen . « Als ob diese Aufforderung ihrer Stimmung einen Ausdruck gegeben hätte , begann Judith sogleich jenes Lied vom Wanderer zu singen , das durch Schuberts Komposition so berühmt geworden ist : » Ich komme vom Gebirge her - Es ruht das Tal , es rauscht das Meer . « Sie sang alle Strophen durch . Kein Atemzug war in der Barke zu hören ; auch die Schiffer lauschten . Als sie zu Ende war , blieb alles still . » Hat Ihnen das Lied nicht gefallen , Graf Orestes , oder klingt meine Stimme tonlos über der Tiefe ? « fragte Judith . » Das Lied ist so fürchterlich melancholisch , daß man davon angesteckt wird , « entgegnete er . » Ein deutsches Lied ! « antwortete sie mit