nichts auf sich , wir sind alte Freunde , auch wissen die Franzosen nicht , was sich schickt ; sie kennen keinen Unterschied und nennen Alles gradeweg Madame , ein Fischerweib und ihre Königin oder Kaiserin , aber ein Deutscher muß Lebensart lernen , und daher können Sie mich immer nach meinem Titel Frau Professorin nennen , denn selbst der Neid muß es meinem seligen Manne lassen , daß er ein gelehrter Professor war . Der junge Mann schwieg mit Bestürzung , und Dübois sagte lächelnd : Vergeben Sie mir meinen Fehler , wertheste Freundin , wodurch unser Freund auch zum Irrthum verleitet wurde . Ich werde mir die französische Unhöflichkeit abgewöhnen und den Ihnen zukommenden Titel nicht mehr vergessen . Gott bewahre , rief seine Freundin , zwischen uns bleibt es beim Alten , aber die Jugend muß anständig erzogen werden , meinen Sie das nicht auch ? Freilich , freilich , sagte Dübois lächelnd , und nicht wahr , mein Sohn , fuhr er , zu Gustav gewendet , fort , Du wirst die erhaltene Lehre nicht wieder vergessen ? Der Jüngling neigte sich beistimmend , und die Heiterkeit kehrte zu der kleinen Gesellschaft zurück , die ohne weitere verdrießliche Störung ihre Mahlzeit beendigte . - XI Die schüchterne Marie hatte im obern Stockwerke im Speisesaale an der Tafel Platz genommen und hielt sich ängstlich an der Seite ihrer Beschützerin Emilie . Sie konnte ihre Blödigkeit nicht überwinden , und wagte weder zu essen noch ein Wort zu sprechen , so gütig sie auch von allen Seiten aufgemuntert wurde . Die Gräfin bat am Ende , Jedermann möge sie ungestört lassen , weil diese Blödigkeit nur durch die Zeit zu überwinden sei , wo sie sich dann von selbst verlieren würde . Der Arzt fühlte sich gekränkt durch das ungeschickte Betragen seiner Verwandtin und vermuthlichen künftigen Braut ; doch tröstete er sich mit dem Gedanken , daß sie eigentlich noch ein Kind sei , dessen Fähigkeiten unter seiner Leitung ausgebildet werden könnten . Der Obrist Thalheim und seine Tochter , so wie der Prediger nahmen Theil an dem Mittagsmahle , welches durch heitere , freundschaftliche Gespräche zu Mariens Qual verlängert wurde , die erst dann wieder frei athmete , als man endlich die Tafel aufhob . Emilie und Therese beschlossen nach der Tafel einen Spaziergang in den Garten zu machen und forderten ihre neue Freundin auf , sie zu begleiten . Herzlich froh , aus dem Saale zu entkommen , schloß sie sich gern an , und Emilie fragte , als sie in den dunkeln Baumgängen auf und ab gingen , weßwegen sie denn unter lauter wohlwollenden Freunden so ängstlich gewesen sei . Mein Herz war aus großer Ehrerbietung so beklommen , antwortete das unschuldige Kind . Der Graf meint es gewiß gut mit Jedermann , aber er hat so vornehme Augen , daß mir bange wurde , so oft er mich ansah ; vor der Frau Gräfin fürchte ich mich schon weniger , denn sie ist eine Frau , aber auch der junge Herr Graf sieht so vornehm ernsthaft aus und dann der alte Herr Obrist so majestätisch . Wie er hat gewiß der alte König von Preußen ausgesehen , von dem er so viel spricht . Glauben Sie mir , ich kam mir recht unverschämt vor , daß ich mich unterstand , mit allen den Herren zu Tische zu sitzen , und ich weiß nicht , weßhalb sie alle den Herrn St. Julien so zu lieben scheinen , denn der hat doch gewiß ein schlechtes Herz . Wie kommen Sie darauf ? fragte Emilie überrascht . Bemerkten Sie denn nicht , erwiederte Marie , wie er immerfort meinen Herrn Vetter , den Doktor , zum Besten hatte , und doch sagt er selbst , daß er ihm das Leben gerettet hat . Aber können Sie denn läugnen , fragte Therese , daß der Doktor etwas sonderbar in seinem Betragen ist ? Ach ! das verstehen Sie nicht , antwortete die Kleine empfindlich , das kommt von der Gelehrsamkeit . Ich habe viele gelehrte Herren gesehen , die noch viel sonderbarer sich betrugen , und mein seliger Vater selbst , der ein großer Mann war , wie alle Andern sagten , sah doch auch seltsam genug aus . Das müssen Sie nur Herrn St. Julien deutlich machen , sagte Emilie ein wenig spöttisch ; wenn er seinen Fehler einsieht , wird er ihn gewiß verbessern . Gott bewahre mich davor , mit dem Menschen zu sprechen , rief die Kleine erschrocken . Er würde ja noch weit mehr Ursache finden , über mich zu spotten , als über meinen armen Vetter . Sie sind ja sehr gegen ihn eingenommen , bemerkte Emilie . Und Sie kennen ihn so wenig , fügte Therese hinzu , Sie wissen nicht , wie gut er ist , fragen Sie nur Ihren Vetter selbst , ob er ihn nicht herzlich liebt . Das würde wenig beweisen , sagte die Kleine mit altkluger Miene . Meine Mutter hat es tausend Mal gesagt , je größer die Gelehrsamkeit der Herren ist , die sie aus den Büchern haben , je einfältiger sind sie in der Welt , worin sie leben , und deßhalb wird es mein Vetter auch gar nicht bemerken , wenn ihn Herr St. Julien verspottet . Das sehe ich besser ein , wie er , ob ich gleich noch ein Kind bin , wie meine Mutter sagt . Emilie und Therese lächelten über den Eifer ihrer jungen Gefährtin , mit welchem sie den Arzt vertheidigte , und waren sehr zufrieden , als die Töchter des Predigers zum Besuch kamen , deren Alter mehr dazu geeignet war , daß sich die noch sehr junge Marie ihnen anschließen konnte . Sie verlor auch in deren Gesellschaft bald die große Schüchternheit , und in jugendlicher Lust überließ sie sich mit ihnen der Freude , und die jungen Mädchen liefen um die Wette , versteckten sich in den Hecken und tobten als glückliche Kinder umher