Betrachtungen an . Es kam ihr so närrisch vor , daß niemand den Mund öffnen wolle , um der Sache rasch und beherzt auf den Grund zu gehn , daß man nicht Anstalt treffe , so oder so Agnesen beizukommen sie fühlte sich wenigstens Mannes genug , den bösen Geist , welchen Namen er auch haben , in was für einem Winkel er auch stecken möge , kurz und gut auszutreiben , wenn sie nur erst wüßte , wovon es sich handelte , wenn nur der Bruder sie eines Winkes würdigen wollte . Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf den Präsidenten gerichtet , als dieser anfing , in Beziehung auf Agnesen der Gesellschaft einige Verhaltungsregeln ans Herz zu legen , welche hauptsächlich darauf hinausliefen : man müsse , so schwer es auch falle , durchaus sein Gefühl verleugnen , in allen Stücken tun , als wäre nichts Besonderes vorgefallen , man müsse bei dem Mädchen durch kein Wort , keine Miene den Grund ihres Kummers , ihrer Absonderung anerkennen ; man solle Noltens bei jeder schicklichen Gelegenheit und in Verbindung mit den alltäglichsten Dingen bei ihr erwähnen , usw. der gute Mann bedachte nicht , daß die Frauenzimmer zu wenig von dem wahren Standpunkte wußten , um den Sinn dieser Vorschriften ganz einzusehn . - Nannetten war es gewissermaßen behaglich , den Präsidenten unter so bedenklichen Umständen zu beobachten . Wir sprechen , was das Mädchen hiebei empfand , in einer allgemeinen Bemerkung aus . Es gibt Männer , deren ganze Erscheinung uns sogleich den angenehmen Eindruck vollkommener Sicherheit erweckt . Das Übergewicht einer kräftigen , mehr verneinenden als bejahenden Natur , die Rechtlichkeit eines resoluten Charakters , sogar die eigentümliche Atmosphäre , welche Rang und Vermögen um sie verbreiten , dies alles scheint nicht nur sie selber zu Herren jedes bösen Zufalls zu machen , sondern ihre Gegenwart wirkt auch auf andere , die sich ihres Wohlwollens nur einigermaßen bewußt sind , mit der Magie eines kräftigen Talismans : herzlich gern möchten wir solch einen Glücksmann immer auch ein wenig in unsere Sorge und Gefahr verflochten sehn , denn nicht nur etwas Tröstliches , sondern wirklich Reizendes liegt darin , sich eine Person , die uns in jedem Betracht überlegen und unzugänglich scheint , nun durch gemeinsame Not auf einmal so menschlich nahe zu fühlen . Das kleinste Wort aus diesem Munde , der unbedeutendste Trost tut Wunder ; ja einige wollen behaupten , daß selbst die körperliche Berührung durch die weichere Hand , durch das weichere Kleid eines dieser Vornehmen zuweilen etwas Unwiderstehliches habe , und desto mehr , je seltener sie vorkomme . Dies nun empfand Nannette wirklich , als der Präsident vorhin - einer lange still fortgesetzten Gedankenkette gleichsam den letzten Ring anschließend - mit etwas ermuntertem Gesicht von seinem Stuhle aufstand und so im Vorbeigehn mit einer wehmütigen Freundlichkeit das Mädchen unterm Kinn anfaßte ; sie war von diesem kleinen Lichtblick so sonderbar gerührt , daß sie eine Sekunde lang meinte , nun sei die ganze Not am Ende und alles wieder gut . Man ging jetzt auseinander . Eine Person mußte die Nacht wachen ; übrigens kam die ganz anfänglich getroffene Einrichtung , daß Nannette mit Agnes in einem Zimmer schlief , nun freilich sehr zustatten . Die tiefe Pause , welche wie durch einen furchtbaren Zauberschlag im Leben unserer Gesellschaft eingetreten war , bezeichnete auch die nächstfolgenden Tage . Nannette und Margot waren indes von dem Zusammenhang des Übels unterrichtet worden . Alles hatte einen andern Gang im Schlosse angenommen . Es war nicht anders , als es läge ein Todkrankes im Hause ; unwillkürlich vermied man jede Art von Geräusch , auch an Orten , von wo nicht leicht etwas in Agnesens Abgeschiedenheit hätte dringen können ; es schien , das müsse nun einmal so sein , und wahrlich , wer auch nur den Maler ansah , das leidende Entsagen , den stumpfen Schmerz in seiner gesunkenen Haltung , der glaubte nicht leise , nicht zart genug auftreten zu können , um durch jede Bewegung , durch jede kleine Zuvorkommenheit das Unglück zu ehren , das uns in solchem Fall eine Art von Ehrfurcht abnötigt . Der Präsident jedoch tadelte mit Ernst diese Ängstlichkeit , welche sich selbst auf die Dienerschaft erstreckte ; dergleichen , behauptete er , sei auf die Kranke vom übelsten Einfluß , indem sie sich dadurch in ihrem eingebildeten Elend , in ihrer Mitleidswürdigkeit nur immer mehr müsse bestärkt fühlen . Inzwischen erreichte man doch mehrere Vorteile über sie . Die Mädchen durften ungehindert bei ihr aus und ein gehn ; nur gegen das Fräulein , trotz der schwesterlichsten Liebe , womit diese ihr stets nahe zu sein wünschte , verriet sie ein deutliches Mißtrauen . Sie verließ ihr Zimmer manchmal und ging an die frische Luft , wenn sie versichert sein konnte , Theobalden nicht zu begegnen . Ihn aber hie und da von der Ferne zu beobachten , war ihr offenbar nicht zuwider , ja man wollte bemerken , daß sie sich die Gelegenheit hiezu geflissentlich ersehe . Stundenlang las der Präsident ihr vor ; sie bezeugte sich immer sehr ernst , doch gefällig und dankbar . Ein Hinterhalt in ihren Gedanken , ein schlaues Ausweichen , je nachdem ein Gegenstand zur Sprache kam , war unverkennbar ; sie führte irgend etwas im Schilde und schien nur den günstigen Zeitpunkt abzuwarten . Diese geheime Absicht offenbarte sich denn auch gar bald . Der alte Gärtner machte eines Tags dem Präsidenten in aller Stille die Entdeckung : Agnes habe ihn auf das flehentlichste beschworen , daß er ihr Gelegenheit verschaffe , aus dem Schlosse zu entkommen und nach ihrer Heimat zu reisen . Dabei habe sie ihm alles mögliche versprochen , auch selbst die Mittel sehr geschickt angegeben , wie seine Beihülfe völlig verschwiegen bleiben könnte . - Ein solches Verlangen war nun , die Heimlichkeit abgerechnet , so unverzeihlich nicht , der Maler hatte neulich selbst den Gedanken für sie gehabt , man ging jetzt ernstlich darüber