Düfte und namenlosesten Möbel jede Ecke schmückten : » Hätt ' ich aber dies sonst als Bauernsohn aus Elterlein denken sollen ? « dacht ' er . Flitte zog nun das Elfenbein und das Farbenkästchen hervor und erklärte dem Modelle ' je freier und belebter es sitze , desto besser glück ' es dem Maler . Indes hätte sie ebensogut auf dem Nordpol sitzen können , er aber auf dem Südpol kleben : die Ähnlichkeit wär ' ihm nicht anders gelungen ; er , überhaupt kein malerischer Treffer , wollte nichts treffen als das , was sie anhatte . Sie setzte sich hin und verfertigte das Sitz-Gesicht , das die Mädchen unter dem Malen schneiden . Die noble masque , womit sich alsdann der Mensch überstülpen will , ist das Kälteste , wozu er je sein Gesicht aushauet , so daß seltner Menschen als ihre Büsten porträtiert werden . Dieses Gesicht heißet in weiblichen Pensions- Anstalten das Sitz-Gesicht der Mädchen ; - dann kommt das gespannte Frisiergesicht - dann das essende Butterbrot-Gesicht , eines der breitesten - endlich zwei Ballgesichter , das eine , die Wetterseite , für die Putzjungfer , das andere , die Sonnenseite , für den Tänzer . Walt kam jetzt in Gang und ins Feuer , und zwar um selber zu malen , nicht um andere malen zu helfen . Er kelterte -vortrefflich genug - Auszüge aus seiner neuesten Reise um die Welt und mischte beiher ein , daß er ihre Freundin , Wina , unter der Katarakte gesehen . Unter allen Erzählern und Unterhaltern sind Reisebeschreiber die glücklichsten und reichsten ; in eine Reise um 1 / 1000000 der Welt können sie die ganze Welt bringen , und niemand kann ihnen ( zweitens ) widersprechen . Der Notar wollte sich seiner malerischen Stärke in Sommer- und Herbst-Landschaften - Flitte lieferte die Winterlandschaft - noch stärker bedienen und setzte zu einem wandbreiten goldnen Bergstücke der Rosenhöfer Berghörner an ; - aber Raphaela war ganz entzückt davon und brachte die Rede bald auf ihre Freundin Wina , um solche allein fortzuspinnen . Sie erhob deren Reize und Handlungen mit Feuer- sie zeigte ein Mahagoni-Kästchen , worin deren Briefe lagen - sie wies die sogenannte Winens-Ecke im Winkel , wo diese gewöhnlich saß und zwischen der Park-Allee der untergehenden Sonne nachsah - sie glänzte ganz liebend und warm . - Der Notarius war ziemlich schwach bei sich ; nach seinen stillen Augen zu urteilen , jubelte er laut , feierte er Bacchanalien , trieb artes semper gaudendi , lieferte Lusttreffen , sprach sich selber die Seligsprechung - ja er ging so weit , daß er sich zufällig hineinsetzte in Winas Ecke - Der Jubel wuchs ganz . Man trank fort - in jeder halben Viertelstunde machte ein Diener die Türe auf , um einem zweiten spätern Befehle wegzufangen . Flitte wußte gar nicht , wie er auf einmal zu der Glückseligkeit gelangte , daß man so viel sprach ohne alles Langweilen zum Henker , und daß Raphaela sich so herrlich enthusiasmierte . Zufällig rückte Walt den Fenster-Vorhang , und eine Sonne voll warmer Tinten übergoß Raphaelens Gesicht , daß sie es wegkehrte ; auf sprang Flitte , wies ihr ihr Sbozzo , fragte , ob es nicht halb aus den schönen Augen gestohlen sei . » Halb ? Ganz ! « sagte Walt aufrichtig , aber einfältig ; denn sie hätte demselben Bildchen ebensogut mit dem Hinter-Kopfe und Stahlkamm gesessen . Der Elssaser gab ihr darauf einige Küsse öffentlich . Er tats vermutlich zu abrupt , dachte zu wenig daran , daß auch erblickte Empfindungen - so gut als gelesene - vor dem Zuschauer wollen motiviert sein ; Walt sah eiligst in den Park und stand endlich gar auf . » Ich wäre ja ein Satanas « , dacht ' er , » ließ ' ich sie nicht einander abherzen « und schlich unter einem landschaftsmalerischen Vorwand ein wenig auf sein Zimmer . Flitte machte sich , sobald er die Türe zugedrückt , vom schönen Munde wieder ans Malen desselben und punktierte fleißig . » Wie müssen jetzt die Seligen « , sagte oben Walt , » einander an den Herzen halten , und die Abendsonne glüht prächtig dazwischen hinein ! « - In seine eigne Stube quoll das Füllhorn der Abendrosen noch reicher und weiter aus ; dennoch standen seine verschlissenen Zimmer-Pièces ( die Wohn- und die Schlaf-Kammer ) im Abstich von der eben verlassenen Putz-Stube , und er maß die Kluft seines äußerlichen Glücks . Er wurde weich und wollte aus Sehnsucht , die Liebe wenigstens zu sehen , eben eilig hinunter , als Vult hereintrat . Ans Herz , ins Herz flog ihm Walt : » Ach so himmlisch « , sagt ' er , » daß du jetzt eben kommst ! « Vult , mit sanfter Stimmung zurückkehrend , tat zuerst ( nach seiner Gewohnheit ) die Fragen nach fremder Geschichte , eh ' er die nach eigner auflöste . Walt teilte frei und froh den Ablauf des Notariats-Amtes und den Verlust der 70 Stämme mit . » Schlimm ists nur « , sagte Vult gelassen , » daß ich gerade selber verschwende und Geld verachte ; sonst würd ' ich dir aus Vernunft , Gewissen , Geschichte zeigen , wie sehr und wie recht ich meine Ebenbildnerei an andern , z.B. an dir , verfluche . Verachtung des Geldes macht weit mehrere und bessere Menschen unglücklich als dessen Überschätzung ; daher der Mensch oft pro prodigo , nie pro avaro erklärt wird . « - » Lieber ein volles Herz als einen vollen Beutel ! « sagte lustig Walt und sprach sogleich von der neuen Erbamts-Wahl und von der schönen Flittes-Woche und vom Lobe des Elsassers : » Wie oft « , beschloß er , » wünscht ' ich dich her in unsere heimlichen geflügelten Feste hinein ; auch damit du ihn weniger hart richten lerntest ; denn dies tust du , Lieber ! « » Flitte scheint dir erhaben ? ein Seelenklassiker