gekommen sei ; und erzählte ihr den Betrug Jason Philipps und wie die eigene Tochter den Vater verraten hatte ; erzählte ihr , daß sein Vater dreitausend Taler zu Jason Philipp getragen und daß Jason Philipp damals , als der alte Jordan in der schlimmen Not wegen seines Sohnes gesteckt , einen Teil des Geldes hergegeben und daß er , Daniel , auf das übrige verzichtet habe . Mariannes Kopf sank tief auf ihre Brust . » Dein Vater war ein wunderbarer Mann , Daniel , « sagte sie nach langem Schweigen , » aber auf die Menschen hat er sich nicht verstanden , und sein Weib hat er erst recht nicht gekannt . Er war wie einer , der blind ist und das Blindsein verhehlen will und geht und nicht weiß , wohin und steht und nicht weiß , wo . Kommst mir auch oft so vor , Daniel . Mach die Augen auf ! Bitt dich , Daniel , mach die Augen auf ! « Das Kind in ihrem Schoß war eingeschlafen . Als Daniel in Evas Gesichtchen blickte ( ja , er machte die Augen auf ) , als er dies zarte , süße , holdwehe Antlitz der Schläferin so dicht vor sich sah , vermochte er nicht mehr an sich zu halten , er drehte sich gegen die Wand und schrie , wie wenn es ihm das Herz zerrisse : » Ich bin ein Mörder ! « » Nein , Daniel , « sagte Marianne leise ; » oder jeder , der lebt , ist an jedem Toten ein Mörder gewesen . « Aber Daniel krümmte sich in seinem Schmerz und seine Zähne knirschten . » Drinnen ist der Vater , « flüsterte Eva im Traum . 11 Am schwersten fiel Marianne das Zusammensein mit dem alten Jordan , denn der war nur noch ein Schatten seiner selbst . Zu Daniel in die Stube kam er nicht , sie ging immer zu ihm hinauf , und da saß er , still , hilflos , ausgelöscht , ein Bild der Verlassenheit . Er sprach nicht von seinem Kummer , er geriet in Unruhe , wenn er in Mariannes Miene Mitleid las . In seinem Benehmen war dann etwas Höfliches , ja Weltmännisches , das im Verein mit seinem armseligen Aussehen und der armseligen Umgebung erschütternd wirkte . Marianne hoffte von ihm einigen Aufschluß über Daniels Lebenslage zu bekommen . Die sehr bedrängten Verhältnisse des Sohnes waren ihr bekannt , und sie war deshalb schon in großer Sorge ; aber sie wollte auch wissen , was er in der Welt galt , und ob das Musikantentum wirklich eine Sache sei , auf die ein Mensch seine Existenz stellen könne . In diesem Punkt war ihr Mißtrauen und ihre Furcht noch von gleicher Stärke wie ehemals ; nur im Hinblick auf Lenore hatte sie in den letzten Jahren Vertrauen gefaßt ; es war , wie wenn ihr Lenores Art , Lenores Gegenwart eine dunkelferne Ahnung von Musik gegeben hätte . Jetzt kehrten alle Zweifel zurück . Jordan aber zeigte sich verschlossen , sobald sie von Daniel redete . Seine Augen hatten dann einen gepeinigten Ausdruck . Er schaute nach der Tür , steckte die Hände in die Rockärmel und zog den Kopf zwischen die Schultern . Einmal sagte er : » Können Sie mir erklären , liebe Frau , weshalb ich lebe ? Können Sie mir so einen paradoxen Unsinn erklären , wie es mein jetziges Dasein ist ? Der Sohn , ein Lump , spurlos verschollen für die Welt , und für mich nicht mehr vorhanden . Die Töchter im Grab ; beide ; beide im Grab , liebe Frau . Ich bin ein Mann gewesen , ich bin ein Gatte gewesen , ich bin ein Vater gewesen . Ein Vater gewesen ! Was für ein Hohn der Natur ! Essen , trinken , schlafen - was für widerliche Beschäftigungen ! Und doch , wenn ich nicht esse , hungert mich , wenn ich nicht trinke , dürstet mich und wenn ich nicht schlafe , bin ich krank . Wie einfältig , wie zwecklos ! Für mich singen keine Vögel mehr , läuten keine Glocken mehr und haben die Musiker keine Musik mehr . « Da aber Marianne irgendeine Beruhigung um jeden Preis gewinnen wollte , so wandte sie sich an Eberhard und Sylvia , die fast täglich zu Daniel kamen . Die zwei Menschen gefielen ihr ; es war so viel Rücksicht in ihrem Betragen , so viel Feinheit in allem , was sie sagten . Das Fräulein nahm nicht den geringsten Anstoß an Daniels finsterer Schweigsamkeit ; sie behandelte ihn mit einer Achtung , die Marianne wohltat , weil sie ihr bewies , daß er bei den Guten und Edlen geschätzt war . Der Freiherr schien auf geheimnisvolle Weise immer von Lenore zu sprechen , ohne je ihren Namen zu nennen . Es war eine Trauer in seinen Augen , die mit übersinnlicher Gewalt an die Verstorbene mahnte . Oft war es Marianne zumute , als seien Daniel und dieser Fremde Brüder und zugleich Feinde im Schmerz der Erinnerung . Auch Sylvia schien es zu spüren und sich nicht dagegen zu wehren . Als Marianne die beiden einmal auf den Flur begleitete , faßte sie sich ein Herz . » Wie wird ' s ihm denn nun ergehen ? « fragte sie , » er hat kein Amt , spricht nie von Arbeit , was soll da werden ? « » Wir haben daran gedacht , « antwortete Sylvia , » und ich glaube , es ist ein Weg gefunden . Er wird bald Näheres hören , nur , denke ich , darf er nicht wissen , daß wir die Hand im Spiel haben . « Sie schaute ihren Verlobten an , und dieser nickte . Marianne atmete auf . Darüber waren sich Eberhard und Sylvia von Anfang an klar , daß man Daniel in keiner Form Geld anbieten konnte . Kleine oder große Gaben ,