hing , wo ist ein Mensch , von dem ich sagen darf , er sei für deinen Himmel zu gering ? ! « Es war so unbeschreiblich , ihn zu hören . Nie waren mir Menschenworte so tief wie diese in das Herz gedrungen . Das nun folgende längere Schweigen ließ uns ihren Eindruck ganz und voll empfinden . Dann erklang es wieder langsam und rezitierend : » Und alle Welt sei Euer Gotteshaus , In welchem Ihr erklingt als Engelsworte . « Er wartete hier gar nicht , sondern fügte in einer Weise , als ob er nun etwas sehr Wichtiges zu sagen habe , sofort hinzu : » Wer war ' s , der sich in Herrlichkeit und Pracht den Tempel der Unendlichkeit gebaut , wo Stern an Stern die Größe und die Macht des Schöpfers in dem Glanz von Sonnen schaut ? Wer war ' s , der auf die Erde niederfuhr auf Allmachtsflügeln am Beginn der Zeit , in jeden Wurm zu legen eine Spur der Weltensehnsucht nach der Ewigkeit ? Wer war ' s , wer ist ' s , nach dem dies Sehnen bangt in jedes Menschen , jedes Heiden Brust , in der das Herz dorthin zurückverlangt , wo es sich in der Heimat einst gewußt ? « Schon früher hatte ich es bemerkt , und jetzt hörte ich es wieder , daß er immer einen kleinen Teil des Gedichtes und dann die Erklärung hierauf brachte . Was er soeben gesagt hatte , bezog sich auf » alle Welt sei Euer Gotteshaus « . Von dem , was nun kam , war anzunehmen , daß es sich auf » In welchem Ihr erklingt als Engelsworte « beziehen werde . Und richtig ; er fuhr fort : » Der Priester trägt die Liebe wohl hinaus ; was aber ist es , was der Andre bringt ? Du lieber Mann , bleib immerhin zu Haus , weil deine Liebe doch im Haß verklingt ! Du glaubst an deine heilge Mission , jedoch die Welt da draußen traut ihr nicht . Vergeblich klingt dein Wort in Christi Ton , weil Eure Tat in andrem Tone spricht ! « Das klang so schwer , so gewichtig , so vorwurfsvoll , so strafend . Nun war er still , lange , lange Zeit . Eben wollte der Streifen des Mondlichtes , welcher immer weiterstieg , sein Gesicht verlassen ; da sahen wir , daß er die Augen öffnete . Sie richteten sich auf das Bild der Chinesin , welches ihm , wie schon bemerkt , gegenüberhing . Er streckte die Arme schnell , als ob er sie fassen wolle , nach ihr aus , zog sie langsam , langsam wieder zurück , breitete sie dann nach beiden Seiten aus , als ob er eine weite , unbegrenzte Fläche bezeichnen wolle , und sagte dann : » Es liegt die Welt ringsum im Morgengraun ; die Nebel wallen , um emporzusteigen . Mein Auge ist bereit , dich anzuschaun ; o wolle deine Herrlichkeit mir zeigen ! Wo kommst du her ? Ich höre dein Gewand . Es rauscht so glückverheißend aus der Ferne , und dieses Rauschen ist mir wohlbekannt : du streifst mit deines Schleiers Saum die Sterne . « Das , was er jetzt gesprochen hatte , bezog sich jedenfalls nicht auf das Gedicht und seinen Inhalt , sondern auf etwas ganz Anderes . Es tauchte ein neues Gesicht vor ihm auf , welches wahrscheinlich durch den Anblick des jetzt in so eigenartiger Schönheit und Beleuchtung hervortretenden Bildes eingeleitet worden war . Wir hörten seine Worte weiter : » Ein süßer Duft bereitet deinen Schritt ; schon höre ringsum ich die Glocken schlagen . In meinem Herzen tönt die Stunde mit , und deine Zeit beginnt , in mir zu tagen . Vielleicht trittst du jetzt nur in meine Welt , und ich bin es allein , der dich empfindet , doch ist die Uhr für Andre auch gestellt , sobald dein Licht die Dämmrung überwindet . - - - So wie ich wartete auf dieses Licht , so wartet auch das ganze Volk der Erde . Ich ahne dich ; du nahst mir im Gedicht . O , daß dies Bildnis doch verstanden werde ! Nun bist du da ; du schaust mich lächelnd an , als seist du mir schon irgendwo begegnet , und ich , ich sinne zwar vergeblich , wann , doch hast du mich im Himmel einst gesegnet . « Als er hier inne hielt , fragte mich Tsi in flüsterndem Tone : » Wissen Sie , wovon er spricht ? Seine Augen ruhen auf dieser wunderbar schönen , geheimnisvollen Yin und dieser Name ist das chinesische Wort für Güte . Er spricht mit der Güte , welche zu uns niedersteigen muß , wenn uns geholfen werden soll . Doch , hören Sie ! « Der Kranke fuhr fort : » O , segne mich nun hier zum zweitenmal und mit mir Alle , die auf Erden wandeln , damit wir , wie der Vater uns befahl , als seine Kinder an einander handeln . Du bringst die Liebe , die von oben quillt , für alle Kreatur zu uns hernieder . Es strahlt die Seele mir aus deinem Bild ; die Güte ist ' s ; o nimm sie mir nicht wieder ! « Er hatte die letzten Sätze mit erhobener , fast sehr lauter Stimme gesprochen . Nun war er still . Wir warteten zwar ; aber nach längerer Zeit legte er sich , dem Mondschein abgewendet , auf die Seite . Nun war anzunehmen , daß er nicht mehr sprechen , sondern schlafen werde . Wir blieben aber sitzen , doch ohne mit einander zu reden . Es ging dem Chinesen wohl grad so wie mir : der Eindruck dessen , was wir gesehen und gehört hatten , war so tief und gab auch ihm so viel zu denken und innerlich zu ordnen , daß er sich nicht