ermüdet schien ; daß sie überall war , wo man ihrer bedurfte , daß sie für Jeden ein williges Ohr hatte und daß nie der Schatten einer üblen Laune ihr liebes Angesicht streifte , geschweige denn ein böses Wort aus ihrem Munde kam . Zwar ernst sah sie wohl aus und sie sprach auch für gewöhnlich nicht mehr , als eben nöthig war , aber ihr Ernst hatte nichts Schwerfälliges , und ein oder zweimal hatte ich sie auch plaudern hören mit halblauter , anmuthiger Stimme , so wie sie Feen haben mögen , wenn sie mit Menschenzungen reden . Ich theilte meinem Freunde , dem Doctor Snellius , meine Entdeckung mit . » Bleiben Sie mir mit solchem Unsinn vom Leibe « , rief er . » Fee ! dummes Zeug . Es ist immer der Lessing ' sche eiserne Topf , der durchaus mit einer Zange von Silber aus dem Feuer gezogen sein will . Was thut sie denn Außerordentliches ? Sie ist die Beschließerin des Hauses , die Lehrerin der jüngeren Geschwister , die Freundin des Vaters , die Trösterin der Mutter , die Krankenwärterin Beider . Das Alles sind alle guten Mädchen ; dabei ist gar nichts Außergewöhnliches ; ist nur eben in der Ordnung . Aber so ein phantastischer Kopf von zwanzig kann natürlich die Dinge und die Menschen beileibe nicht so sehen , wie sie sind . Heirathen Sie sie ! Das ist das beste Mittel , zu erfahren , daß die Engel mit den längsten , azurfarbenen Flügel immer noch - Frauen bleiben . « Ich fuhr mir mit der Hand über mein Haar , das jetzt in anerkennenswerther Weise seine frühere Fülle wieder anstrebte , und sagte nachdenklich : » Ich Paula heirathen ? Nie ! Ich weiß nicht , wie der Mann sein müßte , der werth wäre , sie zu heirathen ; das aber weiß ich , daß ich es nicht bin . Was bin ich ? « » Vorläufig sind Sie zu sieben Jahren Gefängniß , in dem Zuchthause von S. abzusitzen , verurtheilt und haben also jedenfalls noch ebenso lange Zeit , sich zu überlegen , was Sie sein werden , wenn Sie herauskommen . Hoffentlich werden Sie dann ein tüchtiger Mann sein , und ich wüßte nicht , welches Mädchen , ja auch welcher Seraph für einen tüchtigen Mann zu gut wäre . « » Ich habe noch einen anderen Grund , Doctor , weshalb ich sie auch dann nicht heirathen kann . « » Und der wäre ? « » Weil Sie sie bis dahin schon längst werden geheirathet haben . « » Sie grinsendes , zähnefletschendes Mammuth ! Denken Sie , daß ein Mädchen wie die eine apoplektische Billardkugel heirathen wird ! « Ob der gute Doctor sich über den Widerspruch ärgerte , welchen er sich zu Schulden kommen ließ , indem er so weit von sich wies , was er mir nur eben noch so nahegelegt , oder welchen Grund es hatte - aber das Blut stieg ihm in seinen kahlen Kopf , daß er wirklich jenem merkwürdigen , von ihm citirten Gegenstande auffallend ähnlich sah , und dabei krähte er so ausnehmend hoch , daß er nicht einmal versuchte , sich herabzustimmen . Die Rede des Doctors ging mir ein paar Tage durch den Sinn : es leuchtete dem Zwanzigjährigen sehr ein , daß ein tüchtiger Mann für jedes Mädchen gut genug sei , und also nach dieser Seite hin kein Grund vorliege , weshalb ich nicht Paula früher oder später heirathen sollte . Dann aber , ich wußte selbst nicht wie , gewann die alte Ansicht doch wieder die Oberhand , und wenn ich sie mit ihrer himmlischen Geduld schalten und walten sah , sagte ich mir : Es ist nicht wahr , daß alle Mädchen , selbst nicht einmal die sogenannten guten , sind wie Paula ; und es ist eine ganz alberne Behauptung von dem Doctor , daß ich jemals ihrer werth sein könnte ! Die klarere Luft , die prächtigen Sonnenuntergänge , dürre Blätter , die hie und da von den Bäumen wehten , verkündeten das abermalige Nahen des Herbstes . Es war die Zeit , die ich vor einem Jahre auf Schloß Zehrendorf verlebt hatte ; es waren dieselben Zeichen der Natur , die ich damals so aufmerksam beobachtet hatte , und sie erweckten in meiner Seele eine Fülle von Erinnerungen . Ich hatte diese Erinnerungen tief begraben geglaubt und fand jetzt , daß sich nur eine dünne Decke darüber gebreitet , die jedes leise Wehen des schwermüthigen Herbstwindes zu lüften im Stande war . Ja , manchmal schien es mir fast , als ob die Wunden , die mir vor Jahresfrist geschlagen , wieder aufbrechen wollten . Ich durchlebte noch einmal ganz jene Zeit , aber es war , wie wenn man sich wachend , bei hellem Bewußtsein , einen sehr lebhaften Traum vergegenwärtigt . Was uns im Traume bei der partiellen Thätigkeit unserer Seelenkräfte , sehr natürlich , sehr logisch erschien , sehen wir nun als wunderliches Phantasma , und was uns dort als unbegreiflich ängstigte , wissen wir jetzt zu deuten , weil wir die Stellen , welche die springende Traumphantasie leer gelassen , auszufüllen im Stande sind . Ich brauchte ja nur meine damalige Lage auf die jetzige zu zeichnen und das traumhafte Zerrbild war fertig . Damals hatte ich mich frei gewähnt und war in der That so eingesponnen gewesen in die traurigsten , widerwärtigsten Verhältnisse wie eine Fliege in das Netz der Spinne ; jetzt schlief ich allnächtlich hinter eisernen Gittern und fühlte mich innerlich so beruhigt und sicher , wie wenn man vom schwankenden Kahn den Fuß auf das feste Land gesetzt hat . Damals glaubte ich meine eigentlichste Bestimmung erreicht zu haben und sah jetzt , daß jenes Leben nur eine Fortsetzung und gewissermaßen eine letzte Consequenz des plan- und ziellosen Jugendtreibens gewesen war . Und in welchem Lichte erschienen mir die Menschen , an deren Schicksal ich damals einen