hat eine ausgeschlossene Seele die Pforte des Himmels mit verlangenderen Gedanken belagert als das Freifräulein die Tür der Nummer fünfzig in der Kronenstraße . Erst in der letzten Stunde , am Abend des gestrigen Tages , sollte sie Einlaß finden . Gestern abend führte der Polizeischreiber das Freifräulein und Helene vom Turm des Sternsehers heim , und wieder schritten sie durch die Kronenstraße . Schwer seufzte Juliane , als sie sich der Wohnung der Schwägerin näherten , und zog ihren Arm aus dem des Schreibers . Dunkel und stumm , öde und leer lag das Haus des Bankiers Wienand ; vor der Tür der Nummer fünfzig lehnte flegelhaft frech Herr Baptiste und unterhielt sich lachend mit einem gähnenden Standesgenossen . Das Freifräulein stand still : » Was macht die Frau Baronin ? « Baptiste sah aus , als ob er am liebsten eine unverschämte Antwort geben würde , bezwang sich jedoch , neigte ein wenig das Haupt und antwortete : » ' s steht nicht gut . Der Herr Medizinalrat waren vorhin wieder da , gaben aber wenig Hoffnung . « » Friedrich « , rief Juliane von Poppen , » ich ertrage es nicht länger . Ich will es noch einmal versuchen , sie zu sehen . Führen Sie das Kind nach Haus - o Gott , ich werde wahrscheinlich bald genug nachkommen . « Sie setzte den Fuß auf die Treppenstufe , und großer Selbstbeherrschung zeigte sich Baptiste fähig , als er ihr Platz machte . Der drohend erhobene Krückstock tat freilich das Seinige dazu . Die Tür schloß sich hinter dem Freifräulein und dem Bedienten , und Juliane kam nicht zurück . Nach einer Stunde sandte sie nach ihrer Wohnung am Schulplatz und ließ sagen : Fräulein Helene möge sich zu Bett legen und nicht warten , Fräulein von Poppen werde in dieser Nacht nicht heimkehren . Als Juliane in das Haus ihrer Schwägerin eintrat , schreckte sie zusammen unter dem feuchtkalten Hauch , der ihr entgegenschlug . Es war totenstill darin . Die Köchin war zu einer Freundin gegangen , weil ihr daheim graute . Baptiste verlor sich in den untern Räumen des Gebäudes , ohne sich weiter um die Eingetretene zu kümmern . Er hatte die Kellerschlüssel in seines seligen Herrn Schreibtisch gefunden - ihm graute nicht . Langsam hinkte Juliane die Treppe hinauf , und krampfhaft fest faßte sie ihren Krückstock , als sie auf einmal aus einem Winkel ein klägliches Winseln vernahm . Das war nur der Schoßhund der Baronin , welchen die Kammerjungfer aus dem Zimmer ihrer Herrin geworfen hatte und langsam verhungern ließ . Matt , den Leib auf dem Boden hinschleifend , kroch das arme Geschöpf hervor , als wolle es Barmherzigkeit und Hülfe von der fremden Frau erbitten . Jetzt konnte das Freifräulein nicht darauf achten , obgleich ihr das Tier unendlich leid tat . Ein niederbrennendes Licht war auf den Fußboden im ersten Stock dicht an die oberste Treppenstufe gestellt und erfüllte den Korridor mit übelriechendem Qualm . Allerlei gebrauchtes Gerät , Schüsseln , Teller , Gläser samt einem Haufen schmutziger Wäsche versperrten die Tür , die in das Gemach der Baronin führte . Das Freifräulein schritt darüber fort und öffnete die Tür . Kein Laut ! Die Lauscherin drückte die Hand auf das Herz , sie stand mitten im Zimmer . Die Fenstervorhänge waren niedergelassen , die gegenüberliegende Tür stand halb offen , und hinter den Portieren hervor drang mit dem Dunst der Krankenstube ein matter Schein . Dieser schwächliche Schimmer und das Licht , welches die Straßenlaternen draußen gaben , erhellten allein das erste Gemach , über dessen weichen Teppich Juliane jetzt unhörbar hinschritt . Wir kennen das Zimmer . In jenem Lehnstuhl hatte sich Leon gestreckt und gedehnt , wenn er seine Mutter durch seine Scherzreden quälte . Auf jenem Diwan hatte Viktorine von Poppen ihre Tage halb verschlummert , halb verwimmert . An jenem Tisch hatte Frau von Eichel gewitzelt , Frau von Flöte gefrömmelt , Lydda von Flöte gezimpert . Über tausenderlei Nippsächelchen und Spielereien streifte das unbestimmte Licht , und mit einer unbeschreiblichen stolzen , fast wilden Handbewegung wies das Freifräulein Juliane von Poppen , die Letzte ihres Geschlechts , diese ganze jämmerliche Welt von sich , als sie den Vorhang faßte , welcher sie von dem Sterbebett der Baronin trennte . Noch einmal stand sie still und beobachtete , ehe sie eintrat , und wieder drückte sie die geballte Hand auf die Brust . Elise , die elegante Kammerjungfer , hatte die beiden Fußlichter an dem großen Toilettenspiegel angezündet , betrachtete ihre liebenswürdige Figur holdlächelnd vom Kopf bis zu den Füßen und rückte zu gleicher Zeit das kokette Häubchen zurecht . Am Ofen rührte die Krankenwärterin , Frau Rosenmeier , nachlässig in einem Töpfchen ; die Kranke stöhnte auf ihrem Lager , aber keines der beiden Frauenzimmer achtete im mindesten darauf . » Wasser , Wasser ! Gebt mir doch Wasser ! « ächzte Viktorine von Poppen . » Gleich , Frau Baronin ! « brummte schnaufend die dicke Madam am Ofen . » Gleich , gleich , gnädige Frau ! « lispelte geziert am Spiegel Mamsell Elise , ohne sich umzuwenden . Auf ihrem heißen Lager warf sich die Kranke hin und her . Ihre fieberglühenden schwarzen Augen leuchteten verzweifelt , unheimlich in dem dämmerigen Winkel , wo das Bett stand . » Zu trinken ! Oh , ihr laßt mich verbrennen ! « Es dauerte noch eine geraume Zeit , ehe sich eins der Weiber herbeiließ , der armen Frau das Glas an die Lippen zu halten . Die Lauscherin hinter dem Vorhang zerbiß fast die Lippen vor Wut . Auf ihrer Decke , in ihren Kissen herum griff die Kranke . » Ich liege so schlecht - das ist wie Stein - o Elise , so komm doch - Frau Rosenmeier ! - Elise , Elise ! « » Gleich , gnädige Frau , gleich ! « kreischte die Kammerzofe , und die Wärterin stürzte auf das Bett