die Vernunft ; auch ließ er merken , daß er als Mitglied der Behörde derselben zum Siege zu verhelfen hoffe . Der Wirt dagegen sagte geradezu , er wolle sehen , ob er es um die Regierung verdient habe , daß man ihm das Haus seiner Väter in eine Einöde setze ! Herabzusteigen und an dem feuchten Wasser sich anzunisten wie eine Fischotter , dazu werde man ihn nicht überreden ; oben , wo es trocken und sonnig , sei er geboren , und dort werde er auch bleiben ! Hierauf versetzte sein Gegner lächelnd das möge er unbehindert tun und von der Freiheit träumen , während er ein Untertan seiner Vorurteile sei ; andere zögen es vor , in der Tat frei zu sein und sich munter umherzutreiben . Schon fing die Gelassenheit an zu weichen und bei den beiderseitigen Anhängern Worte wie Starrsinn und Eigennutz ! laut zu werden , als ein fröhlicher Haufe den Tell zur Fortsetzung seiner Taten abholte ; denn er sollte noch auf die Platte springen und den Vogt erschießen . Etwas zornig brach er auf , indes auch die übrigen sich zerstreuten und nur Anna mit ihrem Vater und ich sitzen blieben . Die Unterredung hatte einen peinlichen Eindruck auf mich gemacht ; besonders am Wirt hatte mich dies unverhohlene Verfechten des eigenen Vorteiles , an diesem Tage und in solchem Gewande , gekränkt ; diese Privatansprüche an ein öffentliches Werk , von vorleuchtenden Männern mit Heftigkeit unter sich behauptet , das Hervorkehren des persönlichen Verdienstes und Ansehens widersprachen durchaus dem Bilde , welches von dem unparteiischen und unberührten Wesen des Staates in mir war und das ich mir auch von den berühmten Volksmännern gemacht hatte . Ich äußerte diesen Eindruck in vorlauten Worten gegen Annas Vater , hinzufügend , daß mir der Vorwurf der Kleinlichkeit , des Eigennutzes und der Engherzigkeit , welcher den Schweizern von fremden , namentlich deutschen Reisenden gemacht würde , nun bald gerecht erschiene . Der Schulmeister milderte in etwas meinen Tadel und forderte mich zur Duldsamkeit auf mit der menschlichen Unvollkommenheit , welche auch diese sonst wackeren Männer überschatte . Übrigens , meinte er , sei nicht zu leugnen , daß unsere Freiheitsliebe noch zu sehr ein Gewächs der Scholle sei und daß unseren Fortschrittsmännern die wahre Religiosität fehle , welche in das schwere politische Leben jenen heitern , frommen , liebevollen Leichtsinn bringe , der aus warmem Gottvertrauen entspringe und erst die rechte Opferfreudigkeit , die allerfreieste Beweglichkeit von Leib und Seele möglich mache . Wenn unsere fleißigen Männer einmal einsähen , daß im Evangelio noch eine viel aufgewecktere und schönere Beweglichkeit gelehrt würde , als diejenige sei , welche der Holzhändler predige , so werde das Politisieren noch viel erklecklicher vonstatten gehen und erst die reifen Früchte bringen . Ich wollte eben hiegegen mein rundes Veto einlegen , als jemand mir auf die Achsel klopfte ; als ich mich umwandte , stand der Statthalter hinter uns , welcher freundlich sagte » Obgleich ich nicht der Ansicht bin , daß man in einer guten Republik stark auf die Meinungen der Jugend achte , solange die Alten das Salz nicht verloren haben und Toren geworden sind , so will ich doch versuchen , junger Herr ! Euern Kummer zu lindern , damit Euch über vermeintlichen trüben Erfahrungen nicht dieser schöne Tag zuschanden gehe ; zudem habt Ihr noch nicht einmal jenes Jugendalter erreicht , welches ich eigentlich meine , und da Ihr schon so kräftig zu tadeln wißt , so versteht Ihr gewiß noch ebensogut zu lernen . Vor allem freut es mich , Euch in betreff der beiden Männer , welche soeben weggingen , Euern Mut wiederaufzurichten ; es mögen allerdings nicht alle gleich sein in unserm Schweizerlande ; doch vom Herrn Kantonsrat sowohl wie vom Leuenwirt mögt Ihr sicher glauben , daß sie Hab und Gut sowohl dem Lande in Gefahr hingeben als es einer für den andern opfern würde , wenn er ins Unglück geriete , und das vielleicht gerade desto unbedenklicher , als der andere sich heut kräftiger um die Straße gewehrt hat . Sodann merkt Euch für Eure künftigen Tage wer seinen Vorteil nicht mit unverhohlener Hand zu erringen und zu wahren versteht , der wird auch nie imstande sein , seinem Nächsten aus freier Tat einen Vorteil zu verschaffen ! Denn es ist ( hier schien sich der Statthalter mehr an den Schulmeister zu wenden ) ein großer Unterschied zwischen dem freien Preisgeben oder Mitteilen eines erworbenen , errungenen Gutes und zwischen dem trägen Fahrenlassen dessen , was man nie besessen hat , oder dem Entsagen auf das , was man zu schwächlich ist zu verteidigen . Jenes gleicht dem wohltätigen Gebrauche eines wohlerworbenen Vermögens , dieses aber der Verschleuderung ererbter oder gefundener Reichtümer . Einer , der immer und ewig entsagt , überall sanftmütig hintenansteht , mag ein guter harmloser Mensch sein ; aber niemand wird es ihm Dank wissen und von ihm sagen dieser hat mir einen Vorteil verschafft ! Denn dieses kann , wie schon gesagt , nur der tun , der den Vorteil erst zu erwerben und zu behaupten weiß . Wo man dies aber mit frischem Mute und ohne Heuchelei tut , da scheint mir Gesundheit zu herrschen und gelegentlich ein tüchtiger Zank um den Vorteil ein Zeichen von Gesundheit zu sein . Wo man nicht frei heraus für seinen Nutzen und für sein Gut einstehen kann , da möchte ich mich nicht niederlassen ; denn da ist nichts zu erholen als die magere Bettelsuppe der Verstellung , der Gnadenseligkeit und der romantischen Verderbnis , da entsagen alle , weil allen die Trauben zu sauer sind , und die Fuchsschwänze schlagen mit bittersüßem Wedeln um die dürren Flanken . Was aber die Meinung der Fremden betrifft ( hier wandte er sich wieder mehr an mich ) , so werdet Ihr einst auf Euern Reisen lernen , weniger darauf zu achten . Man macht den Engländern und den Amerikanern die gleichen Vorwürfe der Engherzigkeit , des Eigennutzes