ebenso freigebig in seinem Lobe , als er früher verschwenderisch im Tadel gewesen war . Die Dame entdeckte ihrerseits an dem verwandelten Hypochondristen eine Eigenschaft , welche ihn ihr höchst schätzenswert machte . Wilhelmi besaß eine Fülle von antiquarischen Kenntnissen , und setzte Madame Meyer über manches , was sie hatte , durch seine Erläuterungen erst in das Klare . Was ihn aber einer Frau besonders empfehlen mußte , war seine Art , die Tatsachen vorzutragen . Er teilte sie nämlich nicht nach der Weise deutscher Gelehrten weit ausholend mit , sondern gab seine Kunde in kurzen , aphoristischen , alles ausdruckenden Sätzen , welche sich dem Gedächtnisse leicht einprägten und ohne Mühe nachgesprochen werden konnten . Auf diese Weise hatte er die Freundin bald mit einer Menge von Thesen bekanntgemacht , welche sie rüsteten , den Verlegenheiten schlagfertig zu begegnen , denen sie sonst in ihrem Gesprächskreise hin und wieder mit Leidwesen unterlegen war . Denn obgleich manches der Wilhelmischen Lehre nur für problematisch gelten konnte , so verfehlte es doch , mit angenehmer Keckheit von einem schönen weiblichen Munde axiomatisch vorgetragen , nie seine Wirkung auf den überraschten Gegner . Es war , als wolle der Himmel selbst in diesem Falle durch Zeichen und Wunder wirken . Eines Tages , als Wilhelmi mit ihr ein früher noch nicht besehenes Kabinett durchmusterte , stand er vor dem Altarbilde eines heiligen Stephanus still , von welchem die Hälfte fehlte . Die Tafel war dicht an dem Körper des Märtyrers abgespalten worden , von den Peinigern ließ sich nichts erblicken . Madame Meyer , welche Wilhelmi in den Anblick dieses Werks versunken sah , legte die Hand auf seine Schulter und sagte : » Wohl mögen Sie über dieses liebe , gemütliche Bild erstaunen , welches mir doch nur Schmerzen verursacht . Ich achte es für die Krone meiner Sachen , aber ich entsage oft für Monate seinem Anblicke , weil mir der verstümmelte Zustand desselben durch die Seele geht . Was habe ich nicht versucht , getan , aufgewendet , um die andre Hälfte herbeizuschaffen , welche durch die Ungebühr der Zeit oder eine rohe Faust vielleicht für immer vernichtet ist ! « » Madame « , versetzte Wilhelmi , der ganz Erstaunen war , » mich ergreift weniger der Anblick dieses vortrefflichen Werks von seltner Innigkeit des Gefühls , als daß , wenn mich nicht alles trügt , ich den andern Teil der Tafel besitze . Ich verlangte nach dem Heiligen , wie Sie sich nach den Steinigern sehnten . « Die Meyer stand sprachlos . Auf einen Wink Wilhelmis entfernte sich der Bediente , und brachte aus dessen Quartiere das bezeichnete Fragment herbei . Es blieb kein Zweifel ; sobald man nur das Stück angepaßt hatte , zeigte sich die Vermutung bestätigt . Die Gruppe der Steiniger war vollständig , fast noch besser erhalten , als der gemarterte Jüngling . Nie sind häßliche Frevelgesichter von hübschen Augen mit gerührteren Blicken betrachtet worden . Es waltete unter den beiden Kunstfreunden ein langes Schweigen ob , während welches jeder seinen besondern Gedanken nachhing . Endlich brach Wilhelmi dasselbe und sagte , daß , solange er am Orte verweile , er sehr gern die beiden Hälften vereinigt lassen wolle . Madame Meyer nahm dies dankbar an , und fragte schüchtern , ob ihm sein Fragment nicht feil sei , was Wilhelmi ernsthaft verneinte . Man erzählte einander von der Erwerbung dieses Kunstwerks , und brachte bald heraus , daß beide Stücke an einem und demselben Orte von dem spekulierenden Verwalter aufgehobner Klostergüter eingehandelt worden waren . Man untersuchte die Kanten der Fragmente und fand , daß der Riß keinesweges alt war . Aus allerhand sonstigen Anzeichen schloß man zuletzt mit ziemlicher Gewißheit , daß jener klug berechnende Mann , der herrschenden Neigung vertrauend , welche derartige Altertümer auch im verstümmeltsten Zustande aufsuchte , selbst die Tafel zerspalten haben möge , und denn auch wirklich die beiden Teile teurer losgeschlagen hatte , als er vom ungetrennten Ganzen erwarten dürfen . Er hatte also im kleinen mit dem Gute der Kirche vorgenommen , was der Staat im großen ; er hatte dismembriert . Ein eifriges Gespräch , welches dieser fröhlichen Begebenheit folgte , wurde durch den Eintritt der gewöhnlichen Abendgesellschaft unterbrochen . Bei dem Erscheinen der Fremden zeigten sich Madame Meyer und Wilhelmi sehr verlegen , wovon der Grund darin zu suchen , daß zum Schlusse jener andächtigen Kunstunterredung die Hände sich gefunden hatten , und die ersten Eintretenden von dieser Vereinigung Zeugen geworden waren . Die Gäste nahmen nun gebührenden Anteil an dem hergestellten Stephanus und an der Freude der Wirtin , es ließ sich aber aus manchen Mienen und Flüsterworten abnehmen , daß man sich während dieses Abends doch mehr mit dem natürlichen , als mit dem Kunstereignisse beschäftige . Wilhelmi sprach in den nächstfolgenden Tagen nichts als Gutes von der Stadt und ihren Bewohnern , kehrte alles zum Besten , und verwies Hermann seine finstre Laune , obgleich dieser sich ganz ruhig und gleichmütig verhielt . Eilftes Kapitel Inzwischen hatten die Untersuchungen gegen die Demagogen ihren weiteren Verlauf genommen , lieferten jedoch nicht die Ergebnisse , nach welchen die Behörden hauptsächlich hinsteuerten . Die Verschuldungen der Jünglinge lagen so ziemlich klar zutage , ihnen aber war im voraus verziehen ; sie sollten mit dem Schreck davonkommen . Was man am eifrigsten suchte , war , das Dasein und die Glieder jenes Männerbundes zu ermitteln , welcher Staat und Thron allerdings ernstlicher mit dem Umsturze bedrohte . In dieser Beziehung waltete noch ein undurchdringliches Dunkel ; die geheimen Störenfriede und Verderber waren mit solcher Klugheit zu Werke gegangen , daß trotz aller Korrespondenz nach den verschiedensten Gegenden Deutschlands hin , mehr nur Vermutungen als Tatsachen zum Vorschein kommen wollten . Der Beamte , welcher jene Nachforschungen zu leiten hatte , ging in Medons Hause viel ein und aus . Er erzählte dort im Vertraun manches von jenen Dingen , und so erfuhr Hermann , daß der grimmige Mecklenburger durch das ihm