auf die ehemalige Dienerin zu üben , denn sie seufzte tief auf und wurde glühend roth . St. Julien , der die Bewegung der Fremden bemerkte , ohne zu ahnen , daß er sie veranlasse , glaubte , sie habe ein Gesuch bei der Gräfin , und verließ deßhalb bald das Zimmer , um durch seine Gegenwart nicht zu stören . Wer ist dieser junge Mann ? rief die Professorswittwe außer sich , die Hände der Gräfin ergreifend , als sie allein waren . So fällt Ihnen die große Aehnlichkeit auch auf ? fragte die Gräfin mit zitternder Stimme , indem Thränen über ihre Wangen flossen . Mein Gott , mein Gott ! rief die Professorin bebend , es ist ja Herr Blainville , wie er leibte und lebte , sogar das Zucken des Mundes , womit er das Lachen unterdrückte , wie er mich in meiner Alteration bemerkte . Die Gräfin hatte kaum noch Zeit , ihre ehemalige Dienerin mit den Verhältnissen des jungen Mannes bekannt zu machen und sie zu bitten , von allen Leiden , die sie mit einander erlebt hätten , nichts dem Prediger anzuvertrauen , weil es für sie kränkend sein würde , wenn diese Schmerzen ein Gegenstand allgemeiner Gespräche werden sollten , und die Wittwe des Professors hatte kaum feierlich versprochen zu schweigen , als die Tochter derselben blöde und zitternd eintrat , und sich furchtsam der Gräfin näherte , um ihre Hand zu küssen , wie es ihr früher die Mutter befohlen hatte . Die Gräfin fühlte Mitleid mit dem armen Kinde , das , offenbar durch eine übel angebrachte Strenge der Mutter unterdrückt , kaum zu athmen wagte . Sie sprach gütig mit dem eingeschüchterten jungen Mädchen , konnte aber doch nichts als einzelne Sylben von ihr als Antwort gewinnen . Sie machte hierauf der Mutter den Vorschlag , ihre Tochter ganz bei Emilie wohnen zu lassen , weil junge Mädchen besser zu einander paßten , als zu bejahrten Frauen . Die Professorin fühlte sich geschmeichelt und gab ihre Einwilligung , worauf die Gräfin Emilie zu sich bitten ließ , um ihr ihre neue Freundin vorzustellen . Diese betrachtete mit Theilnahme das zitternde Kind , und die Wittwe des Professors sagte , nachdem sie Emilie mit einem scharfen Blick betrachtet hatte , zur Tochter : So kannst Du denn gleich hier bleiben ; ich werde allein zu meinem Vetter , dem Schulzen , zurück gehen und unsere Sachen herschaffen lassen , damit wir noch heute in Ordnung kommen . Die Worte hatte sie mit Härte und Trockenheit an die Tochter gerichtet . Hierauf trat sie zu Emilie , faßte ihre Hand und sagte , mit einer Thräne im Auge : Ich lasse gern mein Kind bei Ihnen , Sie sehen gut und milde aus , und werden eine Waise nicht verspotten , wenn sie auch die feinen Manieren nicht hat , die ich ihr nicht habe geben können und der selige Professor auch nicht . Der gute Mann verstand nichts von Kindererziehung , obgleich er dicke Bücher darüber schrieb . Emilie drückte die Hand der rohen , aber guten Frau und sagte : wenn Ihre Tochter mir Vertrauen schenken will , so werde ich sie als meine liebe Freundin betrachten . Lieber Gott , erwiederte die Professorin , was hat so ein Kind zu vertrauen ? Das wäre ja ein Unglück , wenn die schon ihre Geheimnisse hätte . Die Gräfin konnte das Lächeln über dieses Mißverständniß nicht unterdrücken und sagte : Lassen Sie Ihre Tochter ohne alle Sorge bei uns , meine liebe Freundin , und eilen Sie , sich Ihrem Wunsche gemäß einzurichten , damit ich die Freude habe , Sie bei mir recht bald einheimisch zu sehen . Die Professorin ging und es ließ sich bemerken , daß die blöde Marie nach der Entfernung der Mutter tief aufathmete und sich sichtlich erleichtert fühlte . Sie ließ sich nun auch zum Sprechen bewegen , und obgleich sie in allen Kenntnissen selbst für ihr Alter zurück zu sein schien , so ließ sich doch eine natürliche Munterkeit des Geistes , ja selbst eine Anlage zur Schalkhaftigkeit nicht verkennen , und man bemerkte deutlich , indem sie über ihre häuslichen Einrichtungen sprach , daß sie mit der von der Mutter erhaltenen Erziehung nicht so zufrieden war , wie diese es zu verdienen glaubte , sondern es regte sich in dem jungen Mädchen eine lebhafte Sehnsucht nach allen ihr versagten Kenntnissen , und sie hüpfte fröhlig an Emiliens Hand hinweg , indem sie ihr Glück pries , sich zum ersten Male in ihrem Leben ohne die Gegenwart der Mutter einer jungen Freundin gegenüber zu befinden . Die Wittwe des Professors besorgte mit gewohnter Thätigkeit ihre Geschäfte und bezog schon vor der Mittagstafel die von Dübois auf dem Schlosse für sie eingerichteten Zimmer . Der Haushofmeister hatte für seine Freundin auf ' s Beste gesorgt , und sie fand Alles bequem und sauber eingerichtet , auch ein zu ihrer Bedienung bestimmtes Mädchen . Er war ihr auch beim Auspacken und Ordnen ihrer Kleider behülflich und führte sie dann nach dem Zimmer , wo er für sich und seine Gäste die Tafel hatte bereiten lassen , und wo er ihr seinen jungen Freund Gustav vorstellte . In Eintracht setzten sich diese drei zu Tische , und heitere , ungezwungene Gespräche würzten das Mahl . Dübois bediente mit ächt französischer Höflichkeit seine Freundin , für die er ein ungeheucheltes Wohlwollen empfand , der junge Gustav fand sich durch das Beispiel des Haushofmeisters zu gleicher Aufmerksamkeit bewogen , und Beider Bestrebungen wurden von der Wittwe des Professors dankbar anerkannt . Da aber Dübois sie immer Madame anredete , so folgte sein junger Freund auch hierin seinem Beispiele , und dieß verdüsterte , nachdem es einige Male geschehen war , sichtlich die Stirn der Frau Professorin . Mit auffallendem Verdruß wendete sie sich zu dem jungen Menschen und sagte mit ziemlicher Heftigkeit : Mein lieber junger Herr , wenn mich Herr Dübois Madame nennt , so hat das