vor einiger Zeit eine Fremde in meiner Nachbarschaft an . Ich erzähle Dir wohl einmal mehr von ihr . Sie ist krank , unglücklich , wahnsinnig , weiß der Himmel , was nicht alles ! genug , es ist so etwas Verhülltes , das mich faßt , mich an sie zieht . Du kennst mich ja . Moralische Räthsel finden an mir ihren Mann . Je verschlungener der Knoten ist , desto erpichter bin ich darauf , den Fäden nachzuspüren . Das ist meine Aufgabe . Es ist eine unerquickliche Begleitung , nebenher zu laufen . Aber das Keimen und Werden , eine Hülle nach der andern abwerfen , und immer freier und freier hervortreten - ! Wie das spannt , Heinrich ! Was die Phantasie da arbeitet , wie man vorausschließt , sich irrt , die Richtung ganz verliert , und dann plötzlich wieder auf der natürlichsten , einfachsten Spur ist ! Man wird nicht müde , man weiß nichts von der Zeit . Gottlob ! daß einem immer wieder solche Probleme aufstoßen . Sie sind der einzige Sporn zum Leben ! Nun , die Kranke ist eine solche Aufgabe . Ich weiß nicht , ist sie jung oder alt ? Ihr Gesicht sah Niemand . Darüber giebt es nun Fabeln ohne Ende . Es ist aber kein Grund für irgend eine vorhanden , darum sind sie alle bodenlos , und das ist es eben , was mich dabei stachelt . Je mehr die Sache ohne allen Zusammenhang , wie ein Dunstbild , in dem weiten Umkreis der Muthmaßungen schwebt , desto mehr treibt sie zur Forschung und spannt die Fähigkeiten des Verstehens . Es ist keine Komödie , die sie spielt , wenn sie nur bei Nacht aus ihrem Versteck hervor tritt , und ruhelos die Gegend durchstreift . Sie ist auch keine Mondsüchtige , wie man anfangs sagte , ich bin ihr in der Dunkelheit wie im Sternenlicht begegnet , und , beim Himmel ! wenn sie so am See , unter den Weiden , in ihrem Garten sitzt , und in der Hoffnung , daß sie hier Niemand belauscht , laut und herzzerreißend weint , dann spüre ich nichts von Bewußtlosigkeit in ihr ; diese Thränen preßt ein heißes , bitteres Gefühl aus . Du wirfst es mir vor , ihr so unbescheiden zu folgen ! Ich sage Dir aber , ich suche sie nicht . Wir begegnen einander so , als wenn es sein müßte . Das war schon früher der Fall , auf ihrer Reise in einer fürchterlichen , stürmischen Nacht , in einem Augenblick , wo eine heiße , ungeduldige Erwartung mir kaum den Blick für etwas Fremdes ließ . Und doch ! und doch ! Ich meide sie seitdem . Zuweilen vergesse ich sie , wie mich , bin in meinen eigenen Gedanken , und gerade dann , eben als wenn es sein müßte ! Gewiß ist es , irgend eine geheime Beziehung treibt mich dann den Strom hinauf nach dem See hin , der sich in diesen ergißt . Und wäre es auch nur eine unbewußte , magnetische Beziehung . Ich sagte das gestern im Scherz zu Elisen . Sie lachte mich aus . Wir stritten darüber . Es kam nicht viel heraus . Sie war zuletzt empfindlich . So sind die Frauen ! Durch tausend Umwege beziehen sie die Dinge auf sich , und vollends , wenn sie ein Recht auf uns zu haben meinen . Muß denn Alles rechtskräftig hier auf Erden sein , um Ansprüche auf freie Existenz zu gewinnen ? Auch die Liebe ? Wenn sie doch der nicht das häusliche Matronenkleid über die glänzenden Flügel ziehen , und sie wieder zur Puppe machen wollten , was sie war , als die Seele heraustrat ! - - - - Es sind aufs neue Wochen hingegangen . Ich hatte Dir eben nichts zu sagen . Ich war verdrießlicher , als ich es rechtfertigen kann . Der Oheim erinnerte so oft , daß es Zeit werde , an meine Verbindung mit Elisen zu denken . Die Welt , sie selbst erwarte es vielleicht . Ich konnte ihm nicht unrecht geben . Aber , nenne es , wie Du willst , erkläre es , wie Du kannst , mich befiel jedesmal ein Grauen , das mich kalt durchrieselte , so oft ich an die entscheidende Minute dachte . Gestern Abend endlich versprach ich , mich in den nächsten Tagen ganz in der Stille trauen zu lassen . Ich schreibe hinüber nach dem Kloster . Ein Geistlicher von dort soll die Handlung verrichten , und zuvörderst das Aufgebot von der Kanzel lesen . Der Brief geht fort . Unwohl , frierend , mit heißem Kopf und klopfender Brust rette ich mich , vor unnützen Nachgedanken ins Bett , unter verhüllende Decken . Nicht von einem Traume , nicht durch ein Geräusch , ich besinne mich keines Tones , keiner deutlichen Empfindung , genug aber , ich erwachte . Es lag mir wie ein Band um die Brust . Kaum kannte ich früher eine ähnliche Angst . Lange in solchem Zustande auszuhalten , ist nicht meine Sache . Ich warf mich hin und her . Endlich sprang ich aus dem Bette , nahm meinen Mantel um , und trat ans Fenster . Es war eine schöne Nacht , heller Mondschein ! Ein Gang durch den Garten , sagte ich mir , wird die Nebel verjagen . In wenigen Augenblicken war ich an der Thür . Sie war verschlossen . Wieder umkehren , Jemand wecken , aufschließen lassen , war mir zu umständlich . Am andern Ende des Coridors führt ein Fenster nach dem Wildzwinger ! von da kommt man durch eine Allee in den Park . Der kürzeste Weg der beste ! dachte ich , und bin im Begriff , jenes Fenster zu öffnen - da sitzt - Herr des Himmels ! ich denke in die Erde zu sinken - da sitzt eine verschleierte Frau auf Emma ' s Sitz in der