bis die Sonne , welche diesem thränenvollen und hoffnungsseligen Tage geleuchtet hatte , hinter den Felsen sich neigte ; und gerade in dieser Stunde war es , wo Hippolits düstere Erscheinung sie so gewaltsam zwang , sich der Erde und dem Leben auf ihr wieder zuzuwenden . Mitternacht war längst vorüber und noch immer zitterten Schrecken und Schmerz in den Nerven der armen Gabriele . Vergebens bemühte sie sich , auf das morgende entscheidende Gespräch mit Hippoliten sich vorzubereiten ; es war ihr unmöglich , irgend etwas darüber zu beschliessen . » Wahr und treu und schonend will ich seyn , und das Uebrige Dem überlassen , der heut mich würdigte , wie durch ein Wunder Hippoliten als Retterin vom Untergange zu erscheinen , « sprach sie endlich sich zum Troste . Immer mußte sie indessen des Fläschchens noch gedenken und wohin sie auch die Augen wenden mochte , glaubte sie es sich entgegen blinken zu sehen . Ihr schauderte davor , und doch konnte sie es nicht lassen , mit Nachdenken und Forschen sich zu quälen : wo sie es früher gesehen haben könne ? Glücklicherweise ohne Erfolg . Denn hätte sie sich darauf besonnen , daß gerade ein solches Fläschchen in der Todesstunde ihres Vaters an einer goldnen Kette von seinem Nacken geöffnet herabhing , so wäre ihr auch mit einemmale die Art seines Todes klar geworden , und mit dieser Klarheit ein ewig nagender Schmerz in ihr kindlich frommes Gemüth gedrungen . Vielleicht hatte das Bild dieses Fläschchens sich ihr in jenem Moment eingeprägt , wo sie von Schmerz , Schrecken und Angst ; auch wohl von dem durch das ganze Zimmer sich verbreitenden betäubenden Duft des Kirschlorbeers ergriffen , zu den Füssen ihres sterbenden Vaters ohnmächtig hinsank . Vielleicht war auch die Ahnung einer Vergiftung damals in ihrer Seele entstanden , war in bewußtlosem Zustande , in welchem sie sich während ihrer , gleich darauf folgenden langen Krankheit befand , wieder verloschen , und jetzt durch den Anblick des Fläschchens aufs neue in ihr rege geworden . Vielleicht aber auch hatte der verklärte Geist , dessen Nähe sie den ganzen Tag über erfleht , und zu empfinden geglaubt , diese Ahnung ihr in die Seele gegeben , um Hippoliten zu retten , und ihr das Glück zu gewähren , ihn gerettet zu haben . Wer vermag es , hier zu entscheiden ? und wer , der es könnte , möchte hart genug seyn , diesen frommen Glauben , den Gabriele endlich freudig ergriff , als thörichten Wahn zu verdammen oder zu verspotten ? Hippolits Erwachen aus schwerem betäubendem Schlummer , glich am andern Morgen dem Erwachen aus Grabesdunkel in einer andern Welt . Die ganze Vergangenheit war ihm entschwunden und nur in ängstlichen Traumbildern schwebten die zuletzt verlebten Stunden vor seiner Seele . Als er allmählig zur vollen Besinnung gelangte , wünschte er nun wieder einzuschlafen , um von neuem alles zu vergessen . Mit unendlichem Grausen ergriff es ihn , wie alles jetzt so ganz anders seyn könne , hätte nicht Gabriele ihn wunderbar vor sich selbst errettet . Er bebte mit Entsetzen vor dem geheimnißreichen Schleier der Ewigkeit zurück , den er gestern im verzweiflungsvollem Erdreisten mit kecker Hand zu lüften im Begriffe stand . Dann wendete er den Blick zur Erde . Er sah sich selbst bleich , regungslos erkaltet , entstellt vielleicht zum Unkenntlichen , ein Grausen- nicht Wehmuth erregender Todter , von dem Layen und Geistliche sich fromm bekreuzend den Blick abwandten . Fern , Allen zum Graus in ungeweihte Erde gebettet , hob kein bethräntes Auge von dem niedrigen Hügel sich mit tröstender Hoffnung gen Himmel . Freunde und Verwandte konnten nur den Wunsch hegen , ihn sobald als möglich der Vergessenheit zu übergeben ; darum durfte kein Stein mit seinem Namen den Ort bezeichnen , wo man ihn hinlegte . Hippolit hatte den Tod nie gescheut , oft in jugendlichem Unmuth ihn herbei gerufen , wenn das Leben sich in frühern Zeiten seinen Wünschen nicht fügen wollte . Späterhin war er ihm oft dreist entgegen gegangen , wenn er aus keckem Uebermuth , oder um das Lächeln einer schönen Frau , oder wegen ein paar unbedacht hingeworfener Worte seiner Jugendgesellen das Leben wagte , als wäre es eine Seifenblase . Doch vor der abschreckenden Gestalt , in welcher der Tod jetzt seiner Fantasie vorschwebte , konnte er nur schaudernd sich abwenden . Das Blinken des krystallnen Fläschchens , das noch auf seinem Tische lag , verwundete ihn mit stechendem Schmerz , und er eilte , es wieder tief und sorgsam zu bewahren , um nur das Entsetzliche nicht mehr zu sehen . Dann bereitete er sich zu der gewünschten und gefürchteten Zusammenkunft , die ihm in den nächsten Morgenstunden bevorstand . Es gelang ihm , eine ruhigere Stimmung zu erringen , und nun begann er , seiner gestrigen Verzweiflung sich herzlich zu schämen . Wie damals , als er zwischen den Ruinen der Brandstätte erwacht war , schalt er auch jetzt sich unmännlich feig , und fühlte mit tiefer Reue , wie grausam und unwürdig er im Begriff gewesen war , auch Gabrielens Frieden auf immer zu zerstören , den geringen Antheil häuslichen Glücks , der ihr ward , zu vernichten , und vielleicht selbst ihre Ehre vor der Welt unheilbar zu verwunden . Endlich ward er zu Gabrielen gerufen . Er wagte es nicht , die Augen zu ihr zu erheben , bis er ihre sanfte rührende Stimme hörte , mit der sie freundlich ihn begrüßte , nach seinem körperlichen Befinden sich erkundigte . Doch als er sie anblickte , wär ' er beinah in ehrfurchtsvoller Anbetung vor ihr hingesunken . So glaubte er noch nie sie gesehen zu haben . Hoch und hehr , bei aller gewohnten Einfachheit , stand sie vor ihm wie eine Königin ; ihr Auge stralte in ungewohntem Glanz , ihre Wange war höher geröthet und alle Züge ihres schönen Gesichts trugen den Ausdruck festen , wenn gleich durch innre Güte gemilderten Ernstes