ergriffen in der Stube herumsprangen . Das zweck- und ziellose Herumjagen in dem schönen Park , das lichttrunkene Träumen im Baumschatten zur Zeit der heißen Mittagsstunden — die weisen Gespräche , das ernsthafte und eifrige Streiten über alle Weltfragen , von denen man nichts verstand ! Aber war das thöricht ! Ach , war das alles gesund und gut und schön ! Jugend , Leben , Kraft- und Frohsinns-Überfülle . Agathe schrieb einmal einen langen Brief an Eugenie , in dem sie eine glühende Schilderung von den köstlichen Ferien in Bornau bei Onkel August Bär entwarf . Martins Name kam fast in jedem Satze vor , aber doch nur in den harmlosesten Beziehungen . Daß der unausstehliche , komische Junge Agathe ein Strähnchen grüner Wolle , das sie notwendig zu ihrer Stickerei brauchte , gestohlen hatte , schrieb sie nicht . Auch schwieg sie von der furchtbaren Aufregung , in die er Agathchen versetzte , wenn er in Gegenwart der ehrwürdigsten Tanten , der moquantesten Onkels , von Mama und Großmama das Wollensträhnchen mit frecher Gelassenheit aus der Brusttasche seiner grauen Sommerjacke hervorzog , es um seine Finger wickelte , es verräterisch hin- und herschlenkerte , und Agathes Verlegenheit und Zorn aufs Höchste steigerte , indem er das Andenken — allerdings mit entsprechenden Vorsichtsmaßregeln , er ging nämlich dazu in die Fensternische — an sein Herz und seine Lippen drückte . Und niemals hätte sie sich entschließen können , Eugenie zu erzählen , daß der kühne Bursche einmal , als sie beide allein im Zimmer waren , neben dem Stuhl , auf dem sie saß , niederkniete und sagte , er wolle hier liegen bleiben , bis sie ihm einen Kuß geben würde , und es kümmerte ihn gar nicht , wenn jemand hereinkäme und es sähe — wenn sie sich so lange zieren wollte , wäre es eben ihre Schuld ! Agathe hatte ihn darauf von sich gestoßen , war aufgesprungen und fortgelaufen , die Treppe hinunter . Sie hörte Martin hinter sich , drei Stufen auf einmal überspringend und floh durch das eiserne Gitterthor , das sie kräftig zuwarf . So jagten sie sich eine Viertelstunde lang um die Linde durch den Hof und um die Ställe herum , bis die Mittagsglocke läutete . Er hatte sie nicht gefangen , niemals war sie so leichtfüßig gewesen . Vielleicht hatte Martin auch ihren ehrlichen Schrecken gesehen und sie gar nicht einholen wollen . Während Agathe glühend und außer Atem ihre aufgelösten Zöpfe wieder flocht und feststeckte , fühlte sie sich sehr tugendhaft und erhaben . Sie war doch eigentlich etwas ganz Anderes als Eugenie , die sich in einer dunklen Stube einem Kommis aufs Knie setzte . Sie wollte auch immer streng und abweisend bleiben — bis — ja bis Er kommen würde , der Herrlichste von allen ! Visionen weißer Schleierwolken und brennender Altarkerzen schwebten durch ihre Phantasie . Oder tot — still — im schwarzen Sarg mit der Myrthenkrone über der reinen Stirn — ach wie traurig — o wie schön ! Agathe liefen bei dem Gedanken gleich die stets bereiten Thränen aus den Augen . Mit einem herzlichen Mitleid gegen den armen Vetter erschien die junge Spröde zu spät bei Tisch . Martin füllte sich eben den Teller voll Makkaronipudding , aß tapfer drauf los und sah sie gar nicht an . Agathe war ein wenig enttäuscht . Die edle Strenge bekam eine Beimischung von Piquiertheit . Martin betrug sich in den nächsten Tagen nicht wie ein unglücklich Liebender , auch nicht zudringlich , sondern flegelhaft , grob und ungezogen . Dann brachte er ihr zum Kirchgang am nächsten Sonntag eine von den sonderbaren braunen Calicanthus-Blüten , die es nur noch in dem altmodischen Garten von Bornau gab . Er wußte , daß Agathe ihren starken , schweren Würzduft besonders liebte . Die beiden waren nun wieder gute Freunde . Er machte aber keinen Versuch mehr , Agathe zu küssen . Das grüne Wollsträhnchen kam seit der Zeit nicht wieder zum Vorschein . Herr Heidling war , während die Erziehung seiner Tochter nach der Pensionszeit bei Pastor Kandler gewissermaßen die letzte Weihe empfing , als Regierungsrat in die Provinzhauptstadt zurückversetzt worden . Die Familie bezog hier die zweite Etage in einem eleganten Hause des neuen Stadtteils , welcher als Verbindungsglied zwischen der engen , dumpfigen , menschendurchwühlten Altstadt und dem im Bau begriffenen mächtigen Centralbahnhof geplant war . Noch konnte jeder Windzug von den Feldern frei durch die erst halb fertigen Straßen blasen . Es war nicht eben behaglich , daß er stets Kalkstaub und Sandwolken von den vielen Bauplätzen in die Luft emporzuwirbeln fand und den Dampf , sowie den durchdringenden häßlichen Geruch des Asphalts , der in großen schwarzen Kübeln auf offenen Feuern erhitzt und für die Pflasterung der Trottoire zubereitet wurde , bald nach dieser , bald nach jener Seite wehte . Die bereits fertig gestellten Häuser ragten , mit ihren schweren geschnitzten Hausthüren , ihren mit Stuckwerk , Karyatiden und Balkons überladenen Fassaden und den nackten , fensterlosen Seitenflanken , unbeschützt durch gleichgroße Nachbarn , in geradezu erschreckender Höhe empor . Dennoch sah man schon , daß dieser neue Stadtteil binnen Kurzem die Zierde von M. sein würde . Jeder fand es begreiflich , daß man das neue Gute durch ein unangenehmes Übergangsstadium erkaufen müsse . Die Wohnungen waren begehrt und sehr teuer . Hier sollte Agathe ihr Leben als erwachsener Mensch beginnen . Sie wollte es sich ganz nach eigenem Sinne gestalten . Zwar — auf die Eltern hatte sie Rücksicht zu nehmen , aber Papa und Mama liebten sie ja so sehr , daß sie ihr gewiß in allem entgegenkommen würden , besonders da sie nur das Gute wollte und den schönsten Idealen nachstrebte . Beichte und Abendmahl hatten doch eine entsündigende Macht ! Sie fühlte sich frei und leicht , die Seele war ihr wie abgebadet . Und eigentlich — nun sie erwachsen war , konnte es doch auch nicht so schlimm sein , wenn sie manches wußte ,