. Sein Auge hing unverwandt an dem jungen Mädchen , dessen Spöttereien er kaum zu hören schien . Die Fürstin hielt es aber jetzt doch für nötig , dem Mutwillen Wandas ein Ziel zu setzen . Sie wandte sich zu ihrem Sohne mit so vollkommener Ruhe , als habe die vorhergehende Scene gar nicht stattgefunden . » Du hast ja deinen Bruder noch nicht gesehen , Waldemar , und deinen Oheim gleichfalls nicht . Ich werde dich zu ihnen führen . – Du bleibst doch den Tag über bei uns ? « Die letzte Frage wurde in einem Tone hingeworfen , der das Bleiben als selbstverständlich voraussetzte . » Wenn du es wünschest . « Das klang schwankend , ungewiß , aber es hatte nichts mehr von der trotzigen Energie der früheren Antworten . Waldemar dachte augenscheinlich nicht mehr daran , zu gehen . » Gewiß wünsche ich es . Du wirst doch diesen ersten Besuch nicht so kurz abbrechen wollen ? Komm , liebe Wanda ! « Der junge Nordeck zögerte noch eine Minute , als aber Wanda der Aufforderung nachkam , war auch sein Entschluß gefaßt . Er legte Hut und Reitpeitsche , die er bisher hartnäckig festgehalten , auf den Sessel , den er vorhin in aufloderndem Zorne fortgestoßen , und folgte geduldig den voranschreitenden Damen . Ein kaum bemerkbares , aber triumphierendes Lächeln spielte um die Lippen der Fürstin . Sie war eine zu gute Beobachterin , um nicht zu wissen , daß sie das Spiel bereits in den Händen hatte , freilich war ihr der Zufall dabei zu Hilfe gekommen . In dem Wohngemache der Fürstin befanden sich Graf Morynski und Leo , Sie hatten durch Pawlick bereits Waldemars Ankunft erfahren , aber die erste Zusammenkunft zwischen Mutter und Sohn nicht stören wollen . Der Graf sah nur etwas verwundert auf , als Wanda , die er auf ihrem Zimmer glaubte , gleichfalls mit eintrat , aber er unterdrückte die Frage , die ihm auf den Lippen schwebte ; der junge Nordeck fesselte für den Augenblick sein ganzes Interesse . Die Fürstin nahm die Hand ihres jüngeren Sohnes und führte ihn zu dem älteren . » Ihr habt euch bisher nicht gekannt , « sagte sie bedeutsam , » und erst heute ist es mir vergönnt , der langen Trennung zwischen euch ein Ende zu machen . Leo bringt dir die volle Geschwisterliebe entgegen , Waldemar . Laß mich hoffen , daß er auch in dir einen Bruder findet . « Waldemar maß mit einem raschen Blicke den vor ihm stehenden Bruder , aber der Blick hatte nichts Feindseliges mehr . Die Schönheit des jungen Fürsten nahm ihn unwillkürlich gefangen ; das sah man , vielleicht war er auch weicher gestimmt durch das Vorhergegangene , und als Leo , noch halb in scheuer Zurückhaltung , ihm die Hand hinstreckte , ergriff er sie lebhaft . Graf Morynski trat jetzt auch heran , um dem Sohne seiner Schwester einige Höflichkeiten zu sagen , die dieser ziemlich einsilbig beantwortete . Die Unterhaltung , die sich aus Rücksicht für Waldemar ausschließlich in deutscher Sprache bewegte , würde gezwungen und matt gewesen sein , hätte die Fürstin es nicht verstanden , sie mit einer wahren Meisterschaft zu leiten . Sie vermied jede naheliegende Klippe , jede verletzende Erinnerung ; sie wußte den Bruder , ihre Söhne und Wanda nacheinander in das Gespräch zu ziehen und für eine halbe Stunde wirklich den Anschein zu erwecken , als herrsche die vollkommenste Harmonie zwischen den Familiengliedern . Leo stand dicht neben dem Sessel Waldemars , und nichts war geeigneter , den Kontrast zwischen den Brüdern schärfer hervorzuheben , als diese Nähe . Auch der junge Fürst hatte erst kürzlich die Knabenjahre hinter sich gelassen ; auch er war noch nicht zum Manne gereift , aber wie anders zeigte sich der Übergang hier ! Waldemar hatte nie abstoßender ausgesehen als neben dieser schlanken elastischen Jünglingsgestalt mit dem vollendeten Ebenmaß in jeder Linie , mit der leichten Sicherheit in Haltung und Bewegungen und dem idealistisch schönen Kopfe . Der junge Nordeck mit seinen scharfen , eckigen Formen , mit den unregelmäßigen Zügen und den finsteren Augen unter dem blonden Haargewirr rechtfertigte nur zu sehr die Empfindung , mit welcher der Blick der Mutter auf beiden ruhte , auf ihrem Lieblinge , ihrem schönen lebensvollen Jüngsten , und jenem andern , der gleichfalls ihr Sohn hieß und mit dem sie doch nicht ein einziger Zug des Äußeren , nicht eine einzige Regung des Herzens verband . Es war heute etwas in der Art Waldemars , das ihn noch unvorteilhafter erscheinen ließ als gewöhnlich . Das Schroffe , Herrische , das sonst in seinem Wesen lag , so wenig anziehend es war , es paßte doch zu der ganzen Erscheinung , und gab ihr mindestens etwas Charakteristisches . Er hatte es während der ganzen Unterredung mit der Mutter bewahrt ; erst seit dem Augenblicke , wo die junge Gräfin Morynska eintrat , war es verschwunden . Zum erstenmal in seinem Leben schien er sich scheu und befangen zu fühlen , zum erstenmal schien er den Einfluß einer Umgebung zu empfinden , die ihm in jeder Beziehung überlegen war , und das raubte ihm mit dem Trotze auch die Sicherheit . Er war gekommen , um etwas Feindseligem zu begegnen , und dies gab ihm eine gewisse rauhe Überlegenheit . Jetzt gab er den Kampf auf , aber die Überlegenheit mit ihm ; er war unbeholfen , zerstreut , und der verwunderte Blick Morynskis schien bisweilen zu fragen , ob denn dies wirklich der Waldemar sei , über den man so viel Abschreckendes gehört . Das Zusammensein hatte etwa eine halbe Stunde gewährt , als Pawlick mit der Meldung erschien , daß der Tisch bereit sei . » Leo , du wirst es wohl heute deinem Bruder überlassen müssen , Wanda zu führen , « sagte die Fürstin , indem sie aufstand und den Arm ihres Bruders nahm . Sie schritt mit ihm voran nach dem Speisezimmer