unser selbst . Sie wird es ewig bleiben – wohl ihr ! Mir ist es nicht so gut geworden . “ Man hätte es den kecken braunen Augen des jungen Capitains kaum zugetraut , daß sie so ernst blicken konnten , wie in diesem Momente , wo er sich zu dem Bruder herabbeugte . „ Reinhold ! “ sagte er halblaut . „ In der Nacht , als ich entfloh , um mich einer Willkür zu entreißen , die mir Freiheit und Zukunft verschütten wollte , da hatte ich Alles geplant und vorhergesehen , nur das Eine , Schwerste nicht , die Minute , wo ich an Deinem Bette stand , um Dir Lebewohl zu sagen . Du schliefst ruhig und ahntest nichts von der Trennung , aber ich – als ich Dein kleines blasses Gesicht auf dem Kissen sah und mir sagte , daß ich es nun lange Jahre nicht , daß ich es vielleicht nie wieder sehen würde , da wollten all die Freiheitsgelüste nicht Stand halten , und ich rang schwer mit der Versuchung , Dich zu wecken und mit mir zu nehmen . Später , als ich die dornenvolle Laufbahn des abenteuernden , heimathlosen Knaben mit all ihren Gefahren und Entbehrungen kosten mußte , da habe ich oft Gott gedankt , daß ich der Versuchung widerstand , wußte ich Dich doch sicher und geborgen im Hause der Verwandten , und jetzt “ – die kräftige Stimme Hugo ’ s bebte wie im unterdrückten Grolle oder Schmerz – „ jetzt wollte ich , ich hätte Dich damals mit hinausgerissen in Mangel und Entbehrung , in Sturm und Gefahr , aber auch in die Freiheit hinaus ; es wäre besser gewesen . “ „ Es wäre besser gewesen , “ wiederholte Reinhold tonlos ; dann auf einmal erhob er sich ungestüm . „ Laß uns abbrechen ! Wozu die Klagen , die das einmal Geschehene doch nicht ändern ? Komm ’ ! Man erwartet uns oben im Hause . “ „ Ich wollte , ich hätte Dich auf meiner ‚ Ellida ‘ und wir könnten der ganzen Sippschaft den Rücken kehren auf Nimmerwiedersehen ! “ sagte der junge Seemann mit einem Seufzer , während er sich anschickte , der Aufforderung nachzukommen . „ So schlimm habe ich mir die Sache doch nicht gedacht . “ Die Brüder hatten kaum das Haus betreten , als die Unentbehrlichkeit Hugo ’ s sich auch schon wieder zu zeigen begann . Von nicht weniger als drei Seiten ward er zugleich in Anspruch genommen . Jeder verlangte seinen Rath , seine Hülfe . Der junge Capitain schien die beneidenswerthe Fähigkeit zu besitzen , sich sofort von einer Stimmung in die andere werfen zu können , denn unmittelbar nach dem tiefernsten Gespräch mit dem Bruder sprühte er schon wieder von Heiterkeit und Uebermuth , half Jedem , sagte Jedem Artigkeiten und verspottete dabei Alle in der schonungslosesten Weise . Diesmal war es der Buchhalter , der ihn schließlich „ abfing “ , wie Jonas sich ausdrückte , um seine Vereinsangelegenheit vorzutragen , und während die beiden Herren darüber debattirten , trat Reinhold in das Eßzimmer , wo er seine Frau bereits mit den Vorbereitungen für die erwähnte Gesellschaft beschäftigt fand . Ella war heute in Sonntagstracht , aber das änderte wenig in ihrer Erscheinung . Der Anzug von feinerem Stoffe war deshalb nicht kleidsamer ; die Haube , die ihrem Schwager ein solches Entsetzen einflößte , umgab und entstellte auch heute das Gesicht . Die junge Frau widmete sich ihren Hausfrauenpflichten so emsig und ausschließlich , daß sie kaum den Eintritt ihres Gatten zu bemerken schien , der sich mit ziemlich finsterer Miene ihr näherte . „ Ich möchte Dich doch bitten , Ella , “ begann er , „ in Zukunft etwas mehr Rücksicht auf meine Wünsche zu nehmen und meinem Bruder in der Weise zu begegnen , die er von seiner Schwägerin erwarten kann und darf . Ich sollte meinen , das Benehmen Deiner Eltern und des ganzen Hauses könnte Dir als ein Beispiel dienen ; aber Du scheinst ein eigenes Vergnügen darin zu finden , ihm jedes Verwandtenrecht zu versagen und ihm eine förmliche Antipathie zu zeigen . “ Die junge Frau sah bei dieser in nichts weniger als liebevollem Tone gegebenen Zurechtweisung genau so furchtsam und hülflos aus , wie damals , als die Mutter von ihr verlangte , sie solle gegen die musikalische „ Manie “ ihres Mannes einschreiten . „ Sei nicht böse , lieber Reinhold ! “ entgegnete sie zaghaft , „ aber ich – ich kann wirklich nicht anders . “ „ Du kannst nicht ? “ fragte Reinhold scharf . „ Freilich , das ist ja Deine stete Antwort , wenn ich etwas von Dir verlange , und ich dächte , es käme doch selten genug vor , daß ich einmal eine Bitte an Dich richte . Diesmal aber bestehe ich ganz entschieden darauf , daß Du Dein Benehmen gegen Hugo änderst . Dieses scheue Ausweichen und consequente Schweigen auf jede seiner Anreden ist ja geradezu lächerlich . Ich bitte Dich jetzt ernstlich , etwas mehr dafür zu sorgen , daß ich meinem Bruder nicht gar zu bemitleidenswerth erscheine . “ Ella schien im Begriff zu sein , zu antworten ; aber die letzte schonungslose Bemerkung schloß ihr die Lippen . Sie senkte den Kopf und machte auch nicht den leisesten Versuch mehr , sich zu vertheidigen . Es war eine Bewegung so sanfter , geduldiger Fügsamkeit , daß sie wohl Jeden entwaffnet hätte ; Reinhold aber achtete gar nicht darauf , denn in diesem Augenblicke hörte man drinnen im Nebenzimmer den alten Buchhalter sich verabschieden . „ Wir dürfen also auf die Ehre Ihrer Mitgliedschaft rechnen , Herr Capitain ? Und hinsichtlich unserer Präsidentenwahl habe ich Ihr Wort , daß Sie zu der Opposition stehen ? “ „ Ganz der Ihrige , verehrter Herr ! “ tönte Hugo ’ s Stimme . „ Und selbstverständlich nur bei der Opposition . Ich schlage mich grundsätzlich