die ohne eigenen Wunsch nur für die Zukunft ihres einzigen Kindes bangt . “ „ Durchaus nicht , “ sagte Raven ungeduldig und offenbar gelangweilt von dem Gespräche . „ Sie hören ja , daß ich diese Regungen für sehr natürlich halte , und deshalb wiederhole ich Ihnen meine Zusicherung . Da das gesammte Vermögen von meinem Schwiegervater stammt , so soll es auch dereinst an seine Enkelin fallen . Wenn sich Gabriele , wie es wahrscheinlich ist , noch bei meinen Lebzeiten vermählt , so werde ich für die Mitgift Sorge tragen ; nach meinem Tode – sie ist , wie gesagt , meine alleinige Erbin . “ Der Nachdruck , mit dem er das Wort hervorhob , zeigte der Baronin , daß sie für ihre Person nichts zu hoffen habe ; indessen war mit der Zukunft der Tochter ja auch die ihrige gesichert und damit ihr Hauptzweck erreicht . Die kaum durch äußere Höflichkeitsformen verschleierte Verachtung , mit welcher der Freiherr sie behandelte und die der feine Instinct Gabrielens sogleich beim ersten Empfange herausgefunden , wurde von der Mutter entweder nicht gefühlt oder nicht beachtet . Sie war sich bewußt , ihrem Schwager ebensowenig Sympathie entgegen zu bringen , wie er ihr , und sie beugte sich nur der Nothwendigkeit , wenn sie seine Schroffheit mit der äußersten Liebenswürdigkeit vergalt , aber die Aussicht , an der Spitze eines so glänzenden Haushaltes zu stehen , wie der Gouverneur ihn führte , als seine Verwandte hier in R. die erste Rolle zu spielen und in allen Cirkeln den Vortritt zu haben , söhnte sie einigermaßen mit dieser Nothwendigkeit aus . Als Raven einige Minuten später durch das Vorzimmer schritt , dessen Fenster nach derselben Seite hin lagen , hielt er noch einen Augenblick inne und warf einen flüchtigen Blick hinab . „ Daß das Kind auch solchen Eltern und solcher Erziehung anheimfallen mußte ! sagte er halblaut . Wie lange wird es dauern , so ist Gabriele eine Kokette , wie ihre Mutter , die nichts weiter kennt , als Toilette , Intriguen und Salonklatschereien – schade nun das Kind ! “ Die Regierungskanzlei , nach welcher der Gouverneur sich jetzt begab , lag , wie schon erwähnt , im unteren Stockwerke des Schlosses . Er pflegte die meisten Sachen zwar in seinem eigenen Arbeitszimmer zu erledigen , betrat aber sehr oft die Kanzlei und die übrigen Verwaltungsbureaux . Die dort arbeitenden Beamten waren nie sicher vor dem stets plötzlichen und unerwartete Erscheinen ihres Chefs , dessen scharfen Augen nie die geringste Unregelmäßigkeit entging . Wer sich auf einer solchen betreffen ließ , mußte , gleichviel , ob seine Stellung hervorragend oder untergeordnet war , die schärfste Zurechtweisung von Seiten des Chefs hinnehmen , der Alles so viel wie möglich persönlich leitete und die eiserne Disciplin , welche seine Verwaltung auszeichnete , auch auf seine Bureaux übertrug . Die Bureaustunden hatten längst begonnen , und die Beamten waren sämmtlich auf ihren Plätzen , als der Freiherr eintrat und mit leichtem Grüßen durch die Räume schritt . Einzelne der Abtheilungen überflog er nur mit einem kurzen , prüfenden Blicke ; bei anderen blieb er stehen , warf hier eine Frage , dort eine Bemerkung hin und ließ sich , hin und wieder ein Schriftstück reichen . Sein Verkehr mit den Untergebenen war gemessen , aber höflich , und doch sah man es den Gesichtern der Herren an , wie sehr sie das Stirnrunzeln des Chefs fürchteten . Als dieser das letzte Zimmer betrat , erhob sich ein älterer Herr , der dort allein arbeitete , ehrfurchtsvoll von seinem Pulte . Es war eine lange , hagere Gestalt mit steifer Haltung und einem faltenreichen , sehr würdevollen Gesichte . Das graue Haar war mit größter Sorgfalt geordnet , und dieselbe peinliche Sorgfalt verrieth sich auch in dem feinem schwarzen Anzuge , der nicht das geringste Fältchen oder Stäubchen zeigte , während eine hohe weiße Halsbinde von ganz ungewöhnlichen Dimensionen ihrem Träger etwas ungemein Feierliches gab . „ Guten Morgen , lieber Hofrath ! “ sagte der Freiherr mit mehr Freundlichkeit , als sonst in seiner Art lag , während er zugleich mit einer Handbewegung den Genannten aufforderte , ihn in das seitwärts liegende Cabinet zu folgen , wo er gewöhnlich die einzelnen Beamten empfing . „ Ich bin froh , daß Sie wieder zurück sind ; ich habe Sie in den wenigen Tagen Ihrer Abwesenheit recht vermißt . “ Hofrath Moser , der Chef der Bureauverwaltung , nahm mit sichtlicher Genugthuung dieses Zeugniß seiner Unentbehrlichkeit hin . [ 178 ] „ Ich habe die Rückkehr so viel wie möglich beeilt , “ entgegnete er . „ Excellenz wissen ja , daß ich den Urlaub nur erbat , um meine Tochter aus dem Kloster abzuholen . Ich hatte bereits die Ehre , sie vorzustellen , als wir Excellenz gestern in der Gallerie begegneten . “ „ Mir scheint , Sie haben das junge Mädchen zu lange in der geistlichen Obhut gelassen , “ warf Raven hin , „ sie macht ja jetzt schon den Eindruck einer Nonne . Ich fürchte , die Klostererziehung hat sie vollständig verdorben . “ Der Hofrath zog die Augenbrauen in die Höhe und blickte mit dem Ausdrucke starren Entsetzens seinen Chef an . „ Wie meinen Excellenz ? “ „ Ich meine , für die Welt verdorben , “ verbesserte der Freiherr , auf dessen Lippen ein kaum bemerkbares Spottlächeln erschien , als er dieses Entsetzen gewahrte . „ Ah so ! Ja freilich , da haben Excellenz Recht – “ der Hofrath ließ nie eine Gelegenheit vorbei , den Titel seines Chefs zu nennen , und wenn er ihn dreimal in einem Satze hätte wiederholen sollen . „ Aber der Sinn meiner Agnes war von jeher dem Weltlichen abgewendet , und in Kurzem wird sie sich vollständig davon lossagen . Sie hat sich entschlossen , den Schleier zu nehmen . “ Der Freiherr hatte einige Papiere zur Hand genommen und durchflog dieselben , während er zugleich