Graf wurde in diesen Tagen erwartet . – Bereits waren mehrere Wochen vergangen , seit der Gutsherr von Dobra , der bisher allein dort gewohnt , seine junge Schwester hatte zu sich kommen lassen . In dem äußeren Haushalt hatte deren Ankunft wenig oder gar keine Veränderung hervorgerufen , denn so großartige Summen der neue Besitzer auch auf seine Güter verwendete , so anspruchslos zeigte er sich in Allem , was seine Person und seine nächste Umgebung betraf . Das Schloß , ein großes und trotz seiner Verwahrlosung doch in vieler Hinsicht prachtvolles Gebäude , war unter allen Dingen das letzte , was sich seiner Aufmerksamkeit erfreute . Er hatte eben nur diejenigen Räume in Stand setzen lassen , die für seine persönlichen Bedürfnisse nothwendig waren , und denen sich in letzter Zeit noch die Zimmer für seine Schwester und deren Erzieherin beigesellten ; alle die übrigen Gemächer standen leer und unbewohnt , und der höchst einfache Haushalt , dem nur die nothwendigste Dienerschaft beigegeben war , ging auch nach der Ankunft der beiden Damen ganz in gewohnter Ruhe und Regelmäßigkeit seinen Gang . In diese Ruhe und Regelmäßigkeit aber kam nun Fräulein Lucie wie ein Wirbelwind hineingefahren . Sie ließ keinen Menschen und kein Ding in Ruhe , kehrte das Unterste zu oberst und brachte mit ihren Einfällen und Neckereien oft genug das ganze Haus in Aufruhr . Noch viel zu kindisch , um sich an den Bruder oder die Erzieherin anzuschließen , fand sie im Gegentheil in den halberwachsenen Knaben des Inspectors die willkommensten Spielcameraden , und diese hoffnungsvollen Sprößlinge hatten nicht sobald die Entdeckung gemacht , daß Alles , was die junge Dame anstiftete , ungestraft passirte , als sie ihr nach Kräften dabei halfen . Jetzt verging kein Tag , an dem nicht Diesem oder Jenem im Hause irgend ein Possen gespielt ward , dessen Urheber sich wohl errathen , aber niemals erwischen ließ , und Letzteres um so weniger , als gewöhnlich die gesammte Haus- und Hofdienerschaft , deren erklärter Liebling Lucie gleich vom ersten Tage an geworden war , mit im Complot steckte . Man trug das junge Fräulein geradezu auf Händen ; und obgleich Niemand vor ihren Koboldstreichen sicher war , und ein Jeder gewärtig sein mußte , daß morgen die Reihe an ihn kommen werde : wo die braunen Locken flatterten und die blauen Augen strahlten , da war auch Sonnenschein und es gab Niemand in ganz Dobra , der es vermocht hätte , diesem Sonnenschein gegenüber auch nur eine Stunde lang ernstlich zu grollen . Günther erfuhr in Folge dessen nur selten etwas von solchen Vorgängen . Durch seine Thätigkeit meist draußen festgehalten , fand er in der That nicht viel Zeit , sich um das Haus und um seine Schwester zu kümmern . Im Ganzen behandelte er sie mit ziemlicher Nachsicht , wie ein verzogenes Kind , dessen Launen und Thorheiten man hingehen läßt , so lange sie unschädlich sind , und denen man mit einem einfachen Verbot ein Ende macht , sobald sie anfangen , unbequem zu werden . Er ließ Lucie meistentheils gewähren , sobald es sich aber um irgend eine ernste Angelegenheit handelte , schob er sie ohne Weiteres als gänzlich überflüssig und unzurechnungsfähig bei Seite . Freilich wurde das Selbstgefühl der jungen Dame dadurch auf ’ s Tiefste verletzt , aber sie hatte bereits hinreichend erfahren , daß bei dem Bruder mit Bitten und Schmeicheln ebensowenig auszurichten war , wie mit Schmollen und Weinen , und diese Erfahrung war denn auch die einzige Rücksicht , die ihrem Uebermuth einen heilsamen Zügel auferlegte , der sich , sobald Bernhard nur den Rücken wandte , Alles erlaubte und auch Alles erlauben durfte . Dieser Mann mit seinem scheinbar so nichtssagenden Gesicht und seiner so gleichgültigen Ruhe , die nichts überstürzte , aber auch nichts verzögerte , und stets zur rechten Zeit und am rechten Orte eingriff , wußte , wie er ganz Dobra in Respect hielt , auch seine junge Schwester in Respect zu halten , und letzteres war nach der unumstößlichen Meinung von deren Erzieherin jedenfalls das Schwerere von beiden . „ Nein , Lucie , das geht denn doch etwas zu weit ! Ich sollte meinen , wir hätten Alle schon genug von Ihren Koboldstreichen zu leiden gehabt , daß Sie nun endlich Ruhe geben könnten , aber dieser letzte übersteigt wirklich alle Begriffe ! “ Die Erzieherin , welche diese Strafpredigt hielt , während sie in aller Majestät einer zürnenden Gouvernante vor ihrem Zöglinge stand , gehörte nun allerdings nicht zu jener Kategorie , die Lucie in ihrem Protest dem Bruder gegenüber so treffend gekennzeichnet hatte . Es bedurfte nur eines einzigen Blickes auf diese resolute Dame , um sie von dem Vorwurf der Nervosität ein für alle Mal frei zu sprechen , und wer die energischen Bewegungen sah , mit denen sie ihre Rede begleitete , kam auch nicht mehr in Versuchung , sie für steif zu halten . Fräulein Reich mochte bereits im Anfange der Dreißig stehen , konnte aber dessen ungeachtet noch für hübsch gelten . Groß und kräftig gebaut , mit starken , aber nicht unangenehmen Zügen , blond und helläugig war sie jedenfalls eine äußerst stattliche Erscheinung , und obgleich ihre Stimme jetzt in allen Tonarten des Zornes grollte , und sie dabei wie aus einem Donnergewölk auf ihre kleine zarte Pflegebefohlene herabblickte , machte dieser Zorn doch einen mehr komischen als widerwärtigen Eindruck , man konnte sich dabei des unwillkürlichen Gedankens nicht erwehren , daß es nicht so schlimm gemeint sei , als es aussah . Fräulein Lucie saß in der Laube und zeichnete ; sie hatte den Kopf tief auf die Arbeit herabgebeugt , ob aus Zerknirschung über die Strafpredigt , leider nicht die erste , die ihr gehalten ward , oder um das verrätherische Zucken ihrer Mundwinkel zu verbergen , ließ sich nicht entscheiden , jedenfalls zeichnete sie sehr eifrig und beachtete ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit nicht im Geringsten das Bitten und Schmeicheln ihres kleinen Hundes