kleinen Beine werde ich bestricken können . « Immer mehr fühlte Rudolf sich in einem dunklen Kreis gefangen . Auf einem Reviergange ließ er sich von dem alten Andrees den als Ehemann aus der Anstalt zurückgekehrten jungen Holzschläger zeigen : es war ein gesund ausschauender robuster Bursche ; nur in seinen Augen war noch etwas wie ein stumpfes Überhinsehen . Rudolf beobachtete ihn lange , wie er unter den andern die Axt mit seinen starken Armen schwang dann ging er fort , ohne ein Wort an ihn zu richten . Aber schon am folgenden Tage stand er , er wußte selbst nicht wie , an demselben Platze unter den Holzschlägern ; der Mensch hatte eine unheimliche Anziehungskraft für ihn gewonnen . Plötzlich wandte er sich ab ; es trieb ihn mit Gewalt nach Hause , er mußte und wenn auch nur einen Blick in die klaren Augen seines Weibes tun . Aber er brauchte nicht so weit zu gehen ; als er in den Fahrweg einbog , der durch den Wald führte , kam sie ihm entgegen . » Anna ! « rief er und schloß sie in seine Arme . » Ja , da bin ich , Rudolf ; so auf gut Glück bin ich dir nachgelaufen . « Und langsam erhob sie ihre Augen zu den seinen ; es war , als ob sie recht tief in ihnen lesen wollte . » Was hast du , Liebste ? « frug er . » Dich ! « erwiderte sie zärtlich . » Sonst nichts ? « » Doch ; noch einen Einfall ! « Und sie nickte lächelnd zu ihm auf . » Laß hören ! « sagte er zerstreut ; er war in ihren liebevollen Augen ganz verloren . » Ja , weißt du , Rudolf – aber du darfst mich nicht so ansehen , sonst hörst du doch nicht – , ich war im Schuppen , wo das Kabriolett steht ; es ist ja morgen Sonntag ; wollen wir nicht zu Bernhard fahren ? Auf unserer Hochzeit haben wir es ihm so fest versprochen ! Du mußt einmal hinaus , und auch ich möchte gern die kleine Julie wiedersehen ; ich glaube « , fügte sie lächelnd bei , » sie hat dich damals mir wohl nur so kaum gegönnt . « Rudolf blickte noch immer auf seine Frau , aber seine Augen schienen ohne Sehkraft . Zu Bernhard – jetzt zu Bernhard ! Warum überfiel es ihn plötzlich , als habe er kein Recht auf dieses Weib , das doch sein eigen war , deren jugendlichen Leib er jetzt , in diesem Augenblick , in seinen Armen hielt ? Die Worte seiner Mutter klangen ihm wieder vor den Ohren : wenn Bernhard auch nur um eine Stunde ihm zuvorgekommen wäre ! » Rudolf , lieber Mann « , sagte Anna leise . Aber er schloß nur seine Arme fester um sie ; seine Gedanken ließen ihn nicht los . Was würde werden , wenn ihn ein Unfall , wenn der Tod ihn fortnähme ? – Er richtete sich straff empor , als müsse er das Bild , das seine Augen sahen , überwachsen ; aber es wurde nicht anders , und er sagte es sich dennoch : über seinem Grabe würde jener um sie werben , und Anna – würde Anna widerstehen ? Eine nie empfundene Leidenschaft für sein schönes Weib ergriff ihn ; es drängte ihn , sich vor sie hinzuwerfen , es ihr zu entreißen , daß seine Gedanken ein Frevel an ihrer Liebe seien , daß das niemals , nie geschehen könne . Aber es war etwas , das seinen Mund verschloß ; etwas , das er verschuldet hatte , das nicht wiedergutzumachen war . Demütig löste er die Arme von ihrem jungen Leibe ; sie aber zog sein Haupt zu sich herab und küßte ihn . » Lassen wir es ! « sagte sie freundlich , » es wird noch mehr der schönen Tage geben , eh der Winter kommt . « Er ergriff eine ihrer Hände , drückte sie heftig und ließ sie wieder : » Ja , Anna ; später – später einmal ; ich habe morgen auch den ganzen Tag besetzt . « Sie hing sich an seinen Arm , und während sie aus dem Walde und an dessen Rand entlang nach Hause gingen , suchte sie den beklommenen Atem ihrer Brust zu meistern und über die kleinen Dinge ihres Tagewerks mit ihm zu plaudern . Das Jahr rückte weiter : der erste Blätterfall begann schon hie und da den Wald zu lichten ; Schwärme von Vögeln , deren Stimmen man nur im Herbst zu hören pflegt , zogen hoch unter den Wolken dahin oder fielen rauschend in die Büsche und flogen weiter , wenn sie an den roten oder schwarzen Beeren sich gesättigt hatten ; auch an der Eiche , die das Dach des Försterhauses beschattete , begannen sich die Blätter bunt zu färben . Auf dem herrschaftlichen Schlosse hatte inzwischen der Graf noch eine neue Arbeit für seinen jungen Förster ausgesonnen : die große Wildnis sollte endlich wieder in ordnungsmäßige Kultur genommen , ein daranstoßender Sumpf trockengelegt und dann bepflanzt werden ; oberflächliche Vermessungen , so gut es hier und bei der treibenden Eile des Grafen geschehen konnte , waren bereits vorgenommen worden ; nun galt es , Karten zu entwerfen und Kosten- und wer weiß was sonst für Anschläge auszuarbeiten und in kürzester Frist dem stets ungeduldigen Gebieter vorzulegen . Aber Rudolf konnte seinen Gedanken nicht mehr wehren , immer ihren eigenen dunkeln Wegen zuzustreben , und so rückte trotz seines Fleißes alles doch nur mühsam weiter . Schon ein paarmal war es darüber zwischen ihm und dem Grafen zur Erörterung gekommen , und in seinem Hirn begann ein Brüten , wie er alledem entrinnen möge . Sein geliebtes Klavier stand trotz Annas Bitten seit Monden unberührt ; die Kunst , welche auch in ihren düstersten Abgründen nach dem Lichte ringt , durfte nichts von dem