Er aber wandte sich zu meinem Vater und rief abermalen : » Christiane , Christiane ! Siehe zu in der Gemeinde ! Und packe den höllischen Gaukelnarren , so du ihn findest , feste bei den Ohren , daß du ihn samt seinem Sauschwanze fundatim exstirpiren mögest ! « – – In dieser Nacht lag ich gar lange wachend in meiner Bettstatt , sahe durch die Scheiben die schwarzen Wolken über den hellen Himmel fliegen und hörte auf das Brausen , das vom Wald herüberfuhr . Wollte mich fast reuen , daß ich das von dem Fingaholi gegen unsern Gast herausgeredet ; denn an die leutselige Art meines lieben Vaters gewöhnet , wollte dessen gewaltige Rede mir nicht allsogleich gefallen , obschon seine geistliche Weisheit und Eifer für das Reich Gottes meine gerechte Ehrerbietung heischeten . Er selber aber schien indessen eines gar kräftigen Schlafes zu genießen ; denn da gegen Morgen draußen das Toben sich geleget hatte , hörte ich durch Böden und Wände von der Gastkammer herauf sein mächtig und ebenmäßig Schnarchen . In den zweien Tagen , welche Herr Petrus Goldschmidt noch bei uns verblieb , saß selbiger am Vormittage eifrig unter meines Vaters Büchern , wobei er , wenn ich zu ihm eintrat , durch seine prompte Kenntniß der sonderbarsten loci mein gerechtes Staunen herausforderte . Meine Anerbietung , ihm dabei zu dienen , wies er mit einer ruhevollen Bewegung seiner Hand zurück : » Betreibet Euere eigenen studia , junger Mann ! Was einer vermag , dazu soll man nicht zweie brauchen ! « Am Nachmittage aber , wenn mein lieber Vater der Ruhe pflegte , nahm er seinen Stock und Dreispitz und wanderte im Dorf umher , redete mit Weibern und Greisen und klopfete die Kinder auf ihre blonden Köpfe , daß am andern Tage schon alles vor die Thüren lief , da er wieder mit seinem tönenden Räuspern nur von fern dahergeschritten kam . Als sodann am dritten Tage der merkwürdige Mann seinen Gaul bestiegen hatte und davongeritten war , wurde es gar still in unserem Hause . Mein lieber Vater sahe ein wenig müde aus , und meine Mutter sagte scherzend : » Ich muß dich pflegen , Christian ; eine so gewaltige und robuste Gottesgelahrtheit ist nicht vor eines jeden Constitution ! « Im Dorfe aber war es wie in einem Bienenstocke , der da schwärmen soll ; überall ein Gemunkel , welches nicht laut werden wollte und doch nicht stumm sein konnte ; die Älteren redeten wieder von der Hexen , so sie vor zwanzig Jahren in Husum hätten einäschern sehen sollen , der aber die Nacht zuvor in der Fronerei ihr Herr und Meister das Genick gebrochen ; aus Flensburg kam einer , der hatte auf dem Südermarkt gehört , die Hexen hätten wieder einmal in der Förde alle Fisch vergiftet ; im Dorfe selber wurde Unheimliches auf den und jenen gedeutet ; so fast beklommen ich aber aufmerkete , des Hofbauren geschah darunter nicht Erwähnung . So rückete die Zeit heran , daß auch ich , und auf gar lange , meinen Abschied nehmen sollte . Renate war seit etlichen Tagen bei dem Husumer Küster auf Besuch , und da ich abends vor meiner Abreise auf den Hof kam , war sie noch nicht wieder da . » Ich hätt sie heut erwartet « , sagte der Bauer ; » nun wird ' s wohl morgen werden ; da möget Ihr sie unterweges treffen oder in Husum zu dem Küster gehen ! « Mit dem kam die alt Marike mit ihrem langen Strickstrumpf in die Thür , sahe den Bauer fast verstöret an und wollte wieder fort . Der aber rief ihr zu , sie solle heut als wie zum Abschiedstrunke noch eine von den Rheinischen aus dem Keller holen ; und die Alte brummelte so etwas für sich hin und lief zur Thür hinaus . Nach einer Weile kam auch die Jungmagd und setzete eine Flasche auf den Tisch ; aber der gute Wein wollte mir heut gar übel munden , da wir in dem weiten Gemache so allein beisammen saßen . Nahm deshalben auch bald meinen Abschied und war mir gar seltsam im Gemüthe , da ich aus dem Hause unter die alten Eichen hinaustrat , welche mit ihrem gelben Herbstlaub schon den Grund bestreuet hatten . Der Hofbauer stund noch und hatte meine Hand gefaßt . » Lebet wohl , Herr Studiosi « , sagte er ; » habet nur da draußen recht die Augen offen ; und wenn Ihr heimkommet , ich denke , des Hofbauren Thür , die werdet Ihr wohl wiederfinden ! « Er schaute mich mit seinen dunkeln Augen an , als wolle er mich noch zurückhalten oder als habe er noch etwas mir zu sagen . Aber er sprach nichts mehr , und ich ging fort , ohn ' Ahnung , daß ich diesen Mann niemalen sollte wiedersehen . – – Da ich an diesem Abend meinen lieben Eltern gute Nacht gegeben hatte , öffnete ich mein Kammerfenster und schaute auf das Dorf hinaus . Eine Weile sahe ich nach einem einzeln Lichtschein drüben in des diaconi Hause , bis auch der erlosch ; aber mein Gemüthe war voll Unruh , und endlich , da es vom Glockenthurm die eilfte Stunde schlug , war ich schon draußen in der freien Nacht und schritt bald danach über die Bischofshöhe den bekannten Steig hinab . Es war aber Anfang Octobris , und eine klare Mondhelle stund über der schönen Gotteswelt ; der Hof unter seinen düsteren Bäumen lag , als ob er schliefe , in dem mit sanftem Licht erfülleten Erdenraume . Es war so still , daß ich nur das Fallen der Blätter hörte und unterweilen den Schrei eines Hirschen aus dem Wald herüber . Ich horchte nach dem Hause ; aber dorten war kein Laut zu hören ; dann trat ich unter die Bäume und schaute durch ein Fenster in die große Stube . Dicht vor mir sahe ich die