Frau Benedikte aber las nicht weiter ; sie sah Herrn Hennicke mit ihren kleinen Augen an , als ob sie ihm bis auf den Grund der Seele bohren wolle ; dann , ihr schweres Schlüsselbund vom Gürtel nestelnd , ging sie schweigend aus dem Zimmer . Draußen lag noch derselbe Sommertag auf Wald und Wiesen ; doch neigte sich die Sonne schon allmählich , und auf Eekenhof streckten sich die Schatten der beiden Treppengiebel schon bis auf die andere Uferseite des Ringgrabens ; die mächtigen Eichen aber leuchteten noch bis zur Wurzel im warmen Sonnengold . An einem Mauerringe des Hauses stand mit gesenktem Kopf die Schecke des blonden Reiters angebunden , und eben trat er selber aus der Tür und mit ihm die jungfräuliche Gestalt Heilwigs . Der Reiter löste sein Pferd von dem Ringe ; dann , je zu einer Seite es am Zügel fassend , schritten beide mit dem ruhig folgenden Tiere über die Zugbrücke , um es in einer der jenseits stehenden Scheuern unterzubringen . Schweigend gingen die schönen jungen Menschen nebeneinander ; aber das Antlitz des Mädchens war von Freude gerötet , und in ihren Augen war ein stiller Glanz ; wie eine Braut nach dem erharrten Bräutigam blickte sie mitunter über den Bug des Pferdes nach dem Reiter hin . Als sie dieses in dem verfallenen Gebäude untergebracht hatten und wieder in das Freie traten , lag ein schweres Sinnen auf der Stirn des jungen Reiters . » Nein , Heilwig « , sprach er zu dem Mädchen , das sorgend zu ihm aufblickte ; » es ist nicht um meines Erbes willen ; ich trag ernste Kunde für uns beide . « Und da sie leicht zusammenbebte , setzte er hinzu : » Wir wollen nach unseren Kinderplätzen , Heilwig ; erschrick nur nicht ; meine Hand soll dich um so fester halten ! « Sie gingen um den Ringgraben , dem Hecktore des Waldes zu , und waren in dessen Schatten bald verschwunden . – – Über eine Stunde ist dann wohl vergangen , und der Eekenhof hat wie verzaubert einsam dagelegen . Leise breiteten sich die Schatten aus und verbleichte das Licht des Himmels . Und als im letzten Abendschein die beiden jugendlichen Gestalten aus dem Dunkel des Waldes wieder aufgetaucht , da ist das Mädchen mit den schwarzen Flechten blaß wie eine Lilie gewesen , und die blauen Augen haben weit offen und von Tränen voll gestanden . Mit gesenktem Haupte ging sie neben ihrem ernst blickenden Genossen . » Und ist es denn ganz , ganz gewißlich wahr ? « frug sie leise . Der junge Reiter hatte ihre Hand gefaßt , als ob er sie daran halten müsse . » Dem reichen Kaufherrn « , sprach er , » der unerkannt seines Vaters und Geschlechts Geschicken nachforschte , ist nichts verschwiegen worden . « Stumm schritten sie über die Zugbrücke dem Hause zu ; da sprach er wieder : » Es ist spät , und wir müssen den kargen Schlaf des Alters schonen ; morgen , des bin ich sicher , wird da drinnen die alte Frau es uns bestätigen . « Sie neigte ihr Haupt noch tiefer , und wie in Demut zog sie seine Hand an ihren Mund . » Mein Bruder ! « sprach sie ; es kam nur wie ein Hauch von ihren Lippen . In der Kammer oben neben dem Rittersaal , an deren Wänden einst sein erster Schrei und seiner Mutter letzter Hauch erloschen war , hatte man zur Nacht dem Gast die Lagerstatt bereitet . Aber sie blieb unberührt ; im offenen Fenster lehnte er und blickte über die Waldblöße hinaus , die sich unten jenseit des Ringgrabens ausdehnte . Es war eine jener lichtgrauen , schwülen Sommernächte ; nichts rührte sich draußen weder das Schleichen eines Nachttieres noch das Flattern eines Vogels ; dann aber rauschte es plötzlich wie aufatmend durch die Wipfel , und hinter ihm im Hause war es , als ob unsichtbare Hände an allen Klinken rührten . Die Nachtkerze , welche man ihm mitgegeben hatte , flackerte und erlosch ; zugleich sprang die Tür auf , welche durch eine Reihe anderer Kammern nach dem oberen Flur hinausführte . Er trat zurück und spähte in die leeren Räume nebenan ; dann zog er die offene Tür ins Schloß und drehte wie unwillkürlich von innen den rostigen Schlüssel um . Wieder sank die schwüle Stille auf Haus und Wald , und wieder lehnte er halb wach , halb träumend in dem offenen Fenster . Schon seit lange hatte es von der Glocke aus dem Giebel zwölf geschlagen : nun war nichts hörbar als oben von dem Uhrboden her das einförmige Klirren der Eisenräder und das Rucken der Ketten , an denen die Gewichte hingen . Da endlich scholl wieder ein dröhnender Glockenschlag in das Haus hinunter ; der Junker wandte sich vom Fenster ab und lauschte . Es folgte kein weiterer Schlag , es hatte eins geschlagen . Aber nebenan im Rittersaale rauschte es wie von Frauenkleidern , und jetzt deutlich hörte er » Detlev ! Detlev ! « wie mit angsterstickter Stimme seinen Namen rufen . Als er die Tür zum Saale aufriß , erblickte er bei dem Nachtschimmer , der durch die Fenster drang , eine weiße Frauengestalt , welche beide Arme ihm entgegenstreckte . Einen Augenblick nur stutzte er ; dann trat er rasch auf die Erscheinung zu . » Du , Heilwig ! « rief er , als eine warme Hand die seine faßte . » Was ist dir ? Was hat dich nachts hier nach dem öden Saal hinaufgetrieben ? « Sie blickte ängstlich um sich her . » Die Uhr schlug so fürchterlich ; ich wollte zu dir ; mir war , als droh dir Unheil hier im Hause ! « Er stützte sie sanft in seinen Armen . » Du träumst , Heilwig ! « sagte er , » was sollte mir in meiner Mutter Haus geschehen ? « – »