Tänzerinnen gab es nur allzuviel in den höchsten gesellschaftlichen Sphären der Residenz Seiner Durchlaucht Alex des Dreizehnten . Es war wirklich nicht notwendig , ihre Überzahl durch Zufuhr aus den Reihen der Bourgeoisie zu vermehren , und wenn die guten Kinder mit noch so gutem Rechte in diesem winzigen Staatswesen zur noblesse de robe zu rechnen waren . Während also der Bruder im fürstlichen Palais sich mit dem weiblichen Teile des hohen Adels des Landes , im Glanz der Girandolen und unter der Musik des fürstlichen Leibgarde-Jägerbataillons im Kreise drehte , hatte Schwesterchen Lina still zu Hause bei ihrem Strickstrumpf und hinter einem Bande von Börnes gesammelten Schriften ( wiederum verstohlen ) gesessen und – an ihren Fritz gedacht . An ihren Fritz ! Es war zu Boden schmetternd , und es war um so zerschmetternder , da niemand im Hause eine Ahnung davon hatte , daß das Kind , während andere tanzten , sich auf ihr eigen Fäustchen einen Tänzer , und zwar für den Ball des Lebens ausgesucht haben könnte ! Einen Tänzer nach ihrem Geschmack ! Den braven Fritz Hessenberg , den anrüchigsten aller Bewohner der Stadt ! Und Fritze hatte auch die Rechtskunde studiert oder sich doch unterm Vorgeben , sie zu studieren , von verschiedenen Universitäten relegieren lassen . Und Fritze war politisch anrüchig und die Entrüstung über ihn war um so größer in der Residenz , als er ihre Verachtung mit vollkommener Gemütlichkeit auf seinem breiten Rücken trug . Seine Lasterhaftigkeit hatte lange zum Himmel – einen üblen Geruch gesendet , – der gutmütige Fürst hatte ihn persönlich gewarnt , und es hatte alles , alles nichts geholfen . Nachher ist es herausgekommen : der Unhold hatte sogar während der Audienz , während sein langmütigster Landesvater ihn so väterlich ermahnte , sich zu bessern – auf der bloßen Brust , nur vom Hemde verdeckt , ein schwarzrotgoldenes Band getragen . Der Legationsrat von Nebelung unter der Isenburger Warte erinnerte sich des Entsetzens der Residenz bis in die leisesten Schwingungen . Wegen demagogischer Umtriebe wurde der biedere Fritze in jener Ballnacht verhaftet ; und mit der Welt , die selten etwas anderes sagt , als was schon vordem gesagt worden ist , meinte der Auskultator Alex Nebelung : » Der Krug geht so lange zu Wasser , bis er bricht . « Der in den höheren Kreisen so gut angeschriebene junge Rechtsgelehrte sollte aber auch noch über verschiedenes andere seine Meinung abgeben . Vom Schlosse heimkehrend , fand er auch die Schwester eingesperrt , den Papa in sich zusammengekniffen und die Mama auseinander gegangen . Fritzes Papiere hatte man von Amts wegen versiegelt , aber mit Linas Papieren war ganz das Gegenteil vorgenommen worden . Linas Papiere lagen auf dem Tische , offen und teilweise von einer scharf zugreifenden Hand arg geknittert : die Mama hatte die geheimsten Verstecke im Schreibtische des Töchterleins sofort aufgefunden ; und für den soliden Gang ihres Hauswesens war es ein Glück , daß der deutsche Bund ihre Talente in dieser Hinsicht nicht gekannt hatte . Großer Gott , die Schriftstücke , die das Gericht in der Wohnung des Verbrechers gefunden und eingesiegelt hatte , waren nichts , gar nichts gegen die Dokumente von seiner Hand , die Papa und Mama Nebelung im Besitze ihrer Tochter fanden . Der hatte Fritze sein Herz aufgeschlossen , – der hatte er gesagt , wie er dachte – der hatte er nichts verhehlt , gegen die war er gerade herausgegangen ! O , und was für einen Stil er schrieb ! einen braven Stil , einen biederen Stil ; der Landesvater selbst schrieb keinen braveren . Und er schrieb , wie er war ; und bei allen Mächten im Himmel und auf Erden , er war ein alter guter Junge , und Linchen hatte ihn mit dem eingeborensten Instinkt für altdeutsche Treue und Redlichkeit für sich aus der Blüte des Vaterlandes herausgefunden und herausgepflückt : was konnte sie dafür , daß er der Residenz und dem durchlauchtigen Deutschen Bunde so schlecht gefiel ? Das war nun dreißig Jahre her , aber für einen Mann ohne Phantasie , wie der Rat Nebelung , war ’ s um so merkwürdiger , wie scharf und klar jegliche Einzelheit jener denkwürdigen Nacht aus dem Dunkel emportauchte . Nicht nur die Menschen , sondern auch die Sachen standen ganz deutlich an diesem Abend vor Pfingsten 1858 vor dem inneren Auge des Legationsrates . Nicht nur der Papa und die Mama , sondern auch ihre Porträts über dem Sofa , die Uhr in dem antiken Tempel an der Wand gegenüber , und vor allem der Tisch mit der roten wollenen Decke und den konfiszierten Papieren des Schwesterchens , – der Tisch , an dem das Schwesterchen selbst lehnte , die Hand fest auf die Platte gestützt und trotz ihrer verweinten Augen mit einem lachenden Zug um diese Augen und einem trotzigen um die Lippen . Der Wanderer hörte die teilweise so lange verklungenen Stimmen , und vor allem anderen hörte er die Rede des bildhübschen , schlanken , naseweisen neunzehnjährigen Dinges , der Schwester Lina . » Nun , was wollt ihr denn eigentlich ! Ja , es ist so , wie es jetzt herausspioniert ist ; ich habe ihn gern und er mich , und das sind seine Briefe an mich ! Mit mir könnt ihr machen , was ihr wollt ; aber was ihr ihm anhaben könnt , das will ich doch erst einmal sehen . Festung ? Er auf die Festung ? Ach , du lieber Gott , da baut euch doch erst eine ! ... Und ich – Wasser und Brot ? Gütiger Himmel , Papa , ganz so tief im hohen Mittelalter und im tanzenden Schädel am Rabenstein , im Konrad von Strahlenburg und dem wandelnden Geist auf der Kuksburg stecken wir doch nicht mehr . Eine schlechte Kreatur bin ich ? Ach , Mama , liebe Mama , das bin ich auch ; denn ich habe ihn verführt , und ich will es