mit Mühe den Fensterladen aufstieß , der von dem üppigen Geäste und Blätterwerke eines Feigenbaumes gesperrt und dicht überflochten war , geschah es im Widerstreite zweifelnder Gedanken . Er war mit dem Vorsatze entschlafen , seinen gewalttätigen Freund und das allzu abenteuerliche Veltlin ohne Zögern und auf dem nächsten Wege über Chiavenna zu verlassen . Ein erquickender Schlaf jedoch hatte die gestrigen Eindrücke gemildert und seinen Entschluß wankend gemacht . Die Liebe zu seinem merkwürdigen Jugendfreunde gewann die Oberhand . War es denn dieser heftigen und , wie er sich sagte , nicht durch städtische Bildung veredelten Natur stark zu verargen , wenn sie losbrach , wo Heimat und Leben gefährdet war ? Und kannte er nicht von früher her Jürgs jähen Stimmungswechsel , seine wilden , heißblütigen Scherze ! Eines jedenfalls war für ihn außer Frage : Durch plötzliche Abreise hätte er ein Unheil nicht verhütet , das aus dem halben Geständnisse entstehen konnte , welches ihm Jürg abgezwungen ; blieb er aber , teilte er seinem Freunde das Erlebte vollständig mit , so erwiderte dieser sicherlich sein Vertrauen und er erfuhr , wie sich Jürgs Verhältnis zu Lucretias Vater so grenzenlos verbittert hatte . Dann erst kam der Augenblick , seinen versöhnenden Einfluß geltend zu machen . So ritten sie in vertraulichem Gespräche nach Fuentes . Jenatsch kam nicht auf das Gestrige zurück und war freudig wie der helle Morgen . Fast leichtsinnig nahm er Wasers ausführlichen Reisebericht entgegen und bereitwillig antwortete er auf dessen eingehende Fragen . Aber Waser erfuhr weniger und minder Wichtiges , als er erwartete . – Nach einem letzten Universitätsjahre in Basel , erzählte Jürg , sei er ins Domleschg zurückgekehrt . Dort habe er seinen Vater auf dem Sterbelager gefunden und sei nach dessen Ableben von den Scharansern trotz seiner grünen achtzehn Jahre einstimmig zu ihrem Pfarrer gewählt worden . Auf Riedberg habe er einen einzigen Besuch gemacht , wobei er allerdings mit Herrn Pompejus über politische Dinge in Wortwechsel geraten sei . Persönliches habe sich nicht eingemischt ; aber der Eindruck auf beide sei der gewesen , daß sie sich besser mieden . Als der erste Volkssturm gegen die Planta sich erhoben , habe er von der Kanzel abgewarnt , denn er sei damals noch der Meinung gewesen , ein Geistlicher müsse seine Hände von der Politik rein halten ; als aber das Staatsruder bei wachsender Gefahr keinen mutigen Steuermann gefunden , habe ihn das Mitleid mit seinem Volke überwältigt . Das Strafgericht von Thusis , das er für eine blutige Notwendigkeit gehalten , habe er allerdings mit einsetzen helfen und ihm sein Tagewerk angewiesen . Die Verurteilung der Planta dagegen , deren Praktiken übrigens landeskundig gewesen , habe er weder begünstigt noch verhindert , sie sei wie ein einstimmiger Schrei aus dem Volke hervorgegangen . So wendete das Gespräch sich völlig der Politik zu , obwohl Waser zuerst sich bestrebte , es auf den persönlichen Verhältnissen seines Freundes festzuhalten ; aber er wurde überwältigt und hingerissen durch das Ungestüm , mit dem Jürg die den Zürcher höchlich interessierenden und von ihm gründlich erwogenen Probleme europäischer Staatskunst anfaßte ; er wurde erschreckt und aufgeregt durch die Frechheit , mit der Jürg die harten Knoten rücksichtslos zerhieb , deren behutsame Lösung Waser als die höchste Aufgabe und den wünschenswerten Triumph der Diplomatie erkannte . Es war ihm denn in diesem raschen Wechsel der Rede und Widerrede kaum die einzige schüchterne Frage gelungen , ob Fräulein Lucretia während der traurigen Wirren im Domleschg auf dem Riedberge gewohnt habe . Da hatte sich Jürgs Antlitz wie gestern abend wieder plötzlich verfinstert und er hatte kurz geantwortet : » Zu Anfang . – Das Kind hat gelitten . Es ist ein treues festes Herz ... Aber soll ich die Fesseln eines Kindes tragen ? . . . Und dazu einer Planta ! – Torheit . – Du siehst , ich habe ein Ende gemacht . « – Hier hatte er sein Tier so heftig gestachelt , daß es in erschreckten Sprüngen vorwärts setzte und Waser nur mühsam das seinige in Zucht hielt . In Ardenn trieben sie ihre Maultiere vor die Türe des Pfarrers , aber diese war verschlossen . Blasius Alexander war nicht zu Hause . Jenatsch , der mit den Gewohnheiten seines einsam lebenden Freundes vertraut schien , umging das baufällige Häuschen , fand den Schlüssel zur Hintertüre in der Höhlung eines alten Birnbaumes und trat mit dem Freunde in Alexanders Stube . Der von den Bäumen des wilden Gartens verdunkelte Raum war leer bis auf die längs der Fensterseite laufende Holzbank und den wurmstichigen Tisch , auf dem eine große Bibel ruhte . Neben dieser geistlichen Waffe blickte aus der Ecke eine weltliche . Dort lehnte eine altväterische Muskete , über welche nun Jenatsch das ihm von seinem Begleiter gebotene Pulverhorn aus dem Müsserkriege an einen Holznagel aufhängte . Dann riß er ein Blatt aus Wasers Taschenbuche und schrieb darauf : » Ein frommer Zürcher erwartet Dich bei mir heute abend zur Zeit des Ave Maria . Komm und stärk ihm den Glauben ! « Den Zettel legte er in die beim Buche der Makkabäer aufgeschlagene Bibel . Schon brannte die Sonne heiß , als Jenatsch seinem Gefährten die aus dem breit gewordenen Addatale drohend aufsteigende Zwingburg zeigte , das Ungeheuer , wie er sie hieß , das die eine Tatze nach Bündens Chiavenna , die andere nach seinem Veltlin ausstrecke . Auf der Straße nach den Wällen zog eine lange Staubwolke . Der scharfe Blick des Bündners erkannte darin eine Reihe schwerer Lastwagen . Aus ihrer Menge schloß er , daß Fuentes auf lange Zeit und für eine starke Besatzung verproviantiert werde . Und doch ging in Bünden die Rede , daß die spanische Mannschaft durch die hier herrschenden Sumpffieber auf die Hälfte zusammengeschmolzen sei und der Aufenthalt in der Festung unter den Spaniern als todbringend gelte . Das war Jenatsch von einem blutjungen Locotenenten aus der Freigrafschaft bestätigt worden , der in Fuentes erkrankt war und , um solch ruhmlosem