nicht der Klinge des Grafen um meinen Lebensfaden zu zerschneiden . Ist es nicht so , wird mir seine gefährliche Waffe nichts anhaben können . « – » Mache mich nicht ungeduldig ! « versetzte er , sich rasch nach mir umdrehend . » Jede Minute der Frist , die uns bleibt , ist kostbar und muß benützt werden – nicht zum Fechten , denn in der Theorie bist du unsträflich und dein Phlegma « , hier seufzte er , » ist unheilbar . Es gibt nur ein Mittel dich zu retten . Wende dich an Unsre liebe Frau von Einsiedeln , und wirf mir nicht ein , du seist Protestant – einmal ist keinmal ! Muß es sie nicht doppelt rühren , wenn einer der Abtrünnigen sein Leben in ihre Hände befiehlt ! Du hast jetzt noch Zeit für deine Rettung viele Ave Maria zu sprechen , und glaube mir , die Gnadenmutter wird dich nicht im Stiche lassen ! Überwinde dich , lieber Freund , und folge meinem Rate . « – » Laß mich in Ruhe , Boccard ! « versetzte ich über seine wunderliche Zumutung ungehalten und doch von seiner Liebe gerührt . Er aber drang noch eine Weile vergeblich in mich . Dann ordneten wir das Notwendige für morgen und er nahm Abschied . In der Türe wandte er sich noch einmal zurück und sagte : » Nur einen Stoßseufzer , Schadau , vor dem Einschlafen ! « – Sechstes Kapitel Sechstes Kapitel Am nächsten Morgen wurde ich durch eine rasche Berührung aus dem Schlafe geweckt . Boccard stand vor meinem Lager . » Auf ! « rief er , » es eilt , wenn wir nicht zu spät kommen sollen ! Ich vergaß gestern dir zu sagen , von wem der Graf sich sekundieren läßt – von Lignerolles . Ein Schimpf mehr , wenn du willst ! Aber es hat den Vorteil , daß im Falle du – « er seufzte – » deinen Gegner ernstlich verwunden solltest , dieser ehrenwerte Sekundant gewiß reinen Mund halten wird , da er tausend gute Gründe hat , die öffentliche Aufmerksamkeit in keiner Weise auf sich zu ziehn . « – Während ich mich ankleidete bemerkte ich wohl , daß dem Freund eine Bitte auf dem Herzen lag , die er mit Mühe niederkämpfte . Ich hatte mein noch in Bern verfertigtes , nach Schweizersitte auf beiden Seiten mit derben Taschen versehenes Reisewams angezogen und drückte meinen breitkrempigen Filz in die Stirne , als mich Boccard auf einmal in großer Gemütsbewegung heftig umhalste und , nachdem er mich geküßt , seinen Lockenkopf an meine Brust lehnte . Diese überschwengliche Teilnahme erschien mir unmännlich und ich drückte das duftende Haupt mit beiden Händen beschwichtigend weg . Mir deuchte , daß sich Boccard in diesem Augenblicke etwas an meinem Wams zu schaffen machte ; aber ich gab nicht weiter darauf acht , da die Zeit drängte . Wir gingen schweigend durch die morgenstillen Gassen , während es leise zu regnen anfing , durchschritten das Tor , das eben geöffnet worden war , und fanden in kleiner Entfernung vor demselben einen mit verfallenden Mauern umgebenen Garten . Diese verlassene Stätte war zu der Begegnung ausersehn . Wir traten ein und erblickten Guiche mit Lignerolles , die unser harrend zwischen den Buchenhecken des Hauptganges auf und nieder schritten . Der Graf grüßte mich mit spöttischer Höflichkeit . Boccard und Lignerolles traten zusammen , um Kampfstelle und Waffen zu regeln . » Der Morgen ist kühl « , sagte der Graf , » ist es Euch genehm , so fechten wir im Wams . « – » Der Herr ist nicht gepanzert ? « warf Lignerolles hin , indem er eine tastende Bewegung nach meiner Brust machte . Guiche bedeutete ihn mit einem Blicke , es zu lassen . Zwei lange Stoßklingen wurden uns geboten . Der Kampf begann und ich merkte bald , daß ich einem an Behendigkeit mir überlegenen und dabei völlig kaltblütigen Gegner gegenüberstehe . Nachdem er meine Kraft mit einigen spielenden Stößen wie auf dem Fechtboden geprüft hatte , wich seine nachlässige Haltung . Es wurde tödlicher Ernst . Er zeigte Quart und stieß Sekunde in beschleunigtem Tempo . Meine Parade kam genau noch rechtzeitig : wiederholte er dieselben Stöße um eine Kleinigkeit rascher , so war ich verloren . Ich sah ihn befriedigt lächeln und machte mich auf mein Ende gefaßt . Blitzschnell kam der Stoß , aber die geschmeidige Stahlklinge bog sich hoch auf , als träfe sie einen harten Gegenstand , ich parierte , führte den Nachstoß und rannte dem Grafen , der , seiner Sache sicher , weit ausgefallen war , meinen Degen durch die Brust . Er verlor die Farbe , wurde aschfahl , ließ die Waffe sinken und brach zusammen . Lignerolles beugte sich über den Sterbenden , während Boccard mich von hinnen zog . Wir folgten dem Umkreise der Stadtmauer in flüchtiger Eile bis zum zweitnächsten Tore , wo Boccard mit mir in eine kleine ihm bekannte Schenke trat . Wir durchschritten den Flur und ließen uns hinter dem Hause unter einer dicht überwachsenen Laube nieder . Noch war in der feuchten Morgenfrühe alles wie ausgestorben . Der Freund rief nach Wein , der uns nach einer Weile von einem verschlafenen Schenkmädchen gebracht wurde . Er schlürfte in behaglichen Zügen , während ich den Becher unberührt vor mir stehen ließ . Ich hatte die Arme über der Brust gekreuzt und senkte das Haupt . Der Tote lag mir auf der Seele . Boccard forderte mich zum Trinken auf , und nachdem ich ihm zu Gefallen den Becher geleert hatte , begann er : » Ob nun gewisse Leute ihre Meinung ändern werden über Unsre liebe Frau von Einsiedeln ? « – » Laß mich zufrieden ! « versetzte ich unwirsch , » was hat denn sie damit zu schaffen , daß ich einen Menschen getötet ? « – » Mehr als du denkst ! « erwiderte Boccard mit einem vorwurfsvollen Blicke