dort soll ’ s gar erstaunlich schöne Weibsbilder geben . “ Mit höchster Aufmerksamkeit , aber regungslos hatte Magdalene dem Alten zugehört . Sie legte den Kopf an die Wand , die Hände ruhten zusammengefaltet auf den Knieen und die langen Wimpern lagen tief gesenkt auf den bleichen Wangen , als ob sie schliefe . Unterdeß wurde droben tapfer weiter musicirt . Antonie ließ sich noch einige Male erbitten , sie sang sogar eine coloriite italienische Arie , deren Ausführung den alten Jacob zu dem Vergleich veranlaßte , es sei gerade , als ob Jemand die Treppe herabfiele und Hals und Beine bräche … Der junge Werner war schon längst vom Fenster zurückgetreten und schien auch das Zimmer verlassen zu haben , denn man sah ihn nicht mehr . Eben , als vier Hände in einem Concert das Clavier nicht gerade meisterhaft bearbeiteten , wurde an Jacob ’ s Fenster geklopft , und als der Alte es öffnete , reichte Werner ’ s Bedienter ein Körbchen voll prächtiger Orangen nebst einem Gruß seines Herrn herein . Der Bursch fügte ausdrücklich hinzu , er habe schon früher herüber gesollt , allein erst sei er beim Präsentiren des Thees beschäftigt gewesen und eben noch habe er Wein herumreichen müssen . Jacob hielt mit einem strahlenden Gesicht Magdalenen das Körbchen hin . „ Siehst Du , Lenchen , “ sagte er , „ das macht mir große Freude Deinetwegen … Weißt Du noch , daß Du Dich einmal beinahe krank nach einem solchen gelben Ding gesehnt hast ? “ „ Ja , “ sagte das Mädchen und hob die Augen zu ihm empor ; sie schwammen in Thränen . „ Ich weiß es noch , guter Jacob . Du machtest mich wieder gesund , indem Du für theures Geld eine Orange kauftest und mir auf den Thurm brachtest . Damals war es mir , als hätte ich einen Blick in meine Heimath gethan , ich war glückselig … Jetzt aber könntest Du mir Schätze hinlegen , ich möchte um Alles in der Welt keine dieser Früchte berühren . “ Jacob sah sie erstaunt an , aber die Seejungfer , die bei all ihrer harmlosen Anschauung die Weigerung des Mädchens nach der stattgehabten heutigen Scene doch erklärlich fand , zupfte ihn bedeutungsvoll an der Jacke , wobei sie ihm zublinzelte . Er schwieg denn auch , holte sein Taschenmesser hervor und zerlegte eine Orange für die beiden alten Frauen . Drüben im Hause war es stiller geworden . Die Musik war verstummt ; auch das Stimmengefurr hatte nachgelassen . Statt dessen grollte ganz fern der Donner , der Nachtwind blies heftiger durch die offenen Fenster , jagte die Vorhänge wie weiße Schwäne hinaus in die pechdunkle Nacht und warf einige Thüren ins Schloß . Der Seejungfer wurde bange . Sie trieb zum Aufbruch , und bald eilten die zwei Frauen , die Köpfe in große Tücher gehüllt , über den Hof . In der offenen Glasthür , welche die Treppe von der Hausflur abschloß , stand Antonie , die Enkelin der Räthin . Sie hatte eben die scheidenden , in Capuzen und Mäntel gehüllten Freundinnen der Reihe nach geküßt und wandte sich lachend zum Fliehen , weil einige derselben sie mit dem „ bezaubernden Vetter “ neckten , als sie die Seejungfer und Magdalenen gewahrte , die sich eben erschrocken wieder zurückziehen wollten . Das junge Mädchen zog die weißblonden Augenbrauen in die Höhe , sah noch einmal blinzelnd hinüber , wobei ein überaus hochmüthiger Zug um Mundwinkel und Nasenflügel erschien , und winkte dann einem mit der Laterne auf seine Herrschaft wartenden Bedienten , der sofort in barscher Weise frug , was die Beiden hier zu suchen hätten . Als sie schwiegen , drehte sich das blonde Mädchen mit einer systematisch nachlässigen Bewegung nach der Treppe um und rief mit dem Ton eines verzogenen , vornehmen Kindes hinauf : „ Großmama , es sind fremde Leute in der Hausflur ! “ Die alte Räthin , die mit einem sehr dicken Herrn langsam im Gespräch herabkam , beeilte möglichst ihre Schritte , und als sie nun unten stand , zornig das falsche Toupet unter der großen Haube schüttelnd , da versammelten sich die in Kapuzen gehüllten jungen Freundinnen schleunigst um sie , wie die Lämmer um den getreuen Hirten , in den frommen , schuldlosen Zügen einen nicht zu bezweifelnden Abscheu , verbunden mit dem Ausdruck unendlicher Wißbegierde . Selbst der Bediente gesellte sich zu der Heerde und hielt , trotz des Lampenlichtes , das von der Decke herabfloß , seine Laterne über die Köpfe der Delinquentinnen , um sie gleich von vornherein der Möglichkeit zu berauben , ihre verbrecherischen Absichten in ein wohlthätiges Dunkel zu hüllen . Die alte Dame faßte ohne Weiteres das schwarze Tuch , das die Seejungfer über ihren Kopf gebunden hatte , und zog es herunter . „ Das ist ja die Seejungfer , “ sagte sie mit harter blecherner Stimme . „ Und wer ist denn diese Mamsell da ? “ fuhr sie fort , indem sie ihren dürren Zeigefinger nach Magdalenen ausstreckte . „ Die mummt sich ja ein , als wäre sie das böse Gewissen selbst . … Auf der Stelle sagt , was Ihr hier gewollt habt . “ Magdalene schwieg abermals , und die Seejungfer brachte vor Schrecken kein Wort heraus . „ Nun , könnt ihr nicht antworten ? “ fragte streng der dicke Herr , ohne Zweifel ein allmächtiger Beamter , dem die Justiz aus Stirn , Augen , Nase , ja , womöglich aus den Rocktaschen guckte . Er hatte mit der Frage zugleich seinen Stock derb auf das Steinpflaster gestampft und schien die unglückliche Seejungfer mit seinen Blicken durchbohren zu wollen . Diese Manöver brachten denn auch endlich Suschens erstarrte Zunge in den erwünschten Fluß , und stammelnd erklärte sie , daß sie bei Jacob gewesen seien . „ Ach , liebster Egon , “ rief in diesem Augenblick sich umdrehend , die alte Räthin mit möglichst weicher und milder