sagte leise : » Höre , Marie , ich muß dir noch was sagen . « » Nu , da sag ' s , Christelchen . « » Wie ich heute mit Müllers Lenchen auf dem Tanzboden war , da hab ' ich auch Mamsell Dore und Frau Sanner gesehen . Die saßen gerade bei der Tür , wo alle Kinder standen und zusahen . Da sagte Mamsell Dore auf einmal : › Na , Frau Sanner , wo steckt denn eigentlich der Joseph , man sieht ihn ja nirgends ? ‹ – › Ei , Mamsell Dore ‹ , sagte des Müllers Lenchen , › wissen Sie ' s denn nicht ? Der steht ja droben bei Schulmeisters Marie . ‹ Guck « , unterbrach sich hier die Kleine , » ich war noch einmal bei den Ziegen , eh ' ich auf den Tanzboden ging , und da war Müllers Lenchen auch mit . Auf einmal sagte die : › Du , dort steht ja Sanners Joseph bei deiner Marie ! ‹ – und das war richtig so . « Marie errötete in heißer Scham , daß die Kinder Zeugen des Zusammentreffens gewesen waren , noch mehr aber erschrak sie über Lenchens Plauderei . » Wie das Lenchen sagte « , fuhr Christel fort , » da wurde doch auch die Margarete wie eine geweißte Wand und ging fort , ohne daß sie auch nur ein Wörtchen herausgebracht hätte . Der Wirt und der Schulze waren auch dabei . Der Wirt schlug eine helle Lache auf , so daß ich ordentlich zusammenfuhr , und der Schulze machte ein Gesicht – na , ich kann dir gar nicht sagen , wie schlimm . Da sagte Mamsell Dore : › Ei , Frau Sanner , da darf man ja wohl gratulieren ? ‹ , und der Wirt meinte , da käme sie ja in eine recht saubere Verwandtschaft . Aber Frau Sanner sagte – warte nur , wie sagte sie doch gleich – ja , so war ' s , ich hab ' jedes Wörtchen gemerkt : › Was meint Ihr denn wohl , Mamsell Dore ? Eure Gratulation ist ganz am unrechten Platze . Mein Sohn wird der Schullehrerstochter zufällig begegnet sein . So weit vergißt sich der nie , mir eine Schwiegertochter ins Haus zu bringen , die keinen ehrlichen Namen hat . Und selbst wenn er das wollte , so würde ich ' s nicht leiden – das bin ich meinem sel ' gen Mann unter der Erde noch schuldig – , denn der hat durch sein ganzes Leben streng auf Ehre und Reputation gehalten . ‹ « » Guck , Marie « , sagte die Kleine weiter , » die Frau Sanner hat immer ein so gutes Gesicht ; aber wie sie das sagte , war sie recht böse ... Gleich darauf kam auch der Joseph herein , der war aber so vergnügt , als ob die ganze Welt sein wäre . Er bestellte beim Wirt einen ganzen Eimer Bier ; denn er wollte alle Burschen freihalten , sagte er ... Weiter habe ich nachher nichts mehr gehört « , fuhr Christel fort , » denn die Mutter ließ mich vom Tanzboden heimholen ... Siehst du , das war ' s , was ich dir noch erzählen wollte ... Na , gute Nacht , Marie ! « Marie lehnte starr , wie ein Steinbild , am Bett des Kindes – nur ihre Hand fuhr mechanisch nach dem Herzen - es stand fast still unter dem entsetzlichen Schlag , der so unerwartet alle geträumte Glückseligkeit zerschmetterte ... Sie habe keinen ehrlichen Namen mehr , hatte die Frau gesagt . Oh , barmherziger Gott , man hatte ihr das einzige geraubt , was sie besessen , was sie behütet mit wachsamem Auge wie ein Heiligtum – verloren , verloren , wenn auch ohne Schuld ! ... Und dieser Verlust zog noch einen anderen nach sich – einen unsäglich bitteren – sie mußte Joseph entsagen . Dieser Gedanke raubte ihr alle Selbstbeherrschung – sie stürzte hinaus ins Gärtchen und lief durch den schmalen Weg . Unten am Apfelbaume stand sie still und bog sich über den Zaun . Durch die dunkle Nacht schimmerten die trüben Lichter des Tanzbodens herüber , und die hellen , schneidenden Töne der Trompete , vermischt mit dem Johlen und Stampfen der Kirmsenburschen , durchschnitten die Luft . Das junge Mädchen starrte mit heißen , tränenlosen Augen hinüber ... Dort stand er vielleicht in diesem Augenblick , umringt von den böswilligen Menschen , die seine Liebe zu der übelberufenen Schulmeisterstochter in den Staub zu reißen suchten , sie lächerlich machten und alles aufboten , ihn von seinem Vorsatz abzubringen ... Und die Mutter erinnerte ihn wohl an den strengen , rechtlichen Vater , an ihr eigenes reines Leben , an den Namen , den er trug und an welchem auch nicht der leiseste Makel haftete . Sie sagte sich mit einem Gemisch von Luft und unsäglichem Schmerz , daß das alles nichts helfen und daß er eher einen Kampf mit der ganzen Welt aufnehmen als von ihr lassen würde . Ihr Glaube an seine Liebe war unerschütterlich , aber gerade diese Überzeugung machte ihr auch den Weg , den ihr das Gewissen unerbittlich vorschrieb , zu einem entsetzlichen . Das trübe Morgenlicht , das heute nur mühsam durch graue Nebelschichten drang , fand Marie an der Kirchhofsmauer . – Das Ergebnis der qualvollen Kämpfe , die während der durchwachten Nacht ihr Inneres durchstürmt hatten war eine scheinbare äußere Ruhe – und die brauchte sie , denn sie hatte eine unsagbar schwere Aufgabe zu erfüllen ... Sie wußte , daß sie gezwungen sei , das Band zu zerreißen , welches der Mutter des Geliebten so verhaßt war ... Im Fieber der Verzweiflung hatte sie anfänglich während der schlaflosen Stunden eine Menge Pläne verfolgt , die eine Vereinigung mit Joseph ermöglichen sollten . Immer wieder aber siegte ihr besseres Selbst und der ihr von ihrem Vater unauslöschlich