‘ nicht besser erwarten . “ Der Schmeichelname , mit welchem der Papa sie einst genannt , konnte nun allerdings nicht mehr gelten : Huschen und Schlüpfen und unversehens in einem Verstecke verschwinden – dieses Gesammtbild von zarter Gliedergeschmeidigkeit und furchtsamer Seele paßte nicht zu dem Mädchen , das der Welt den fleckenlos weißen Schild der Stirn so ruhig zukehrte , das seine kraftvollen , plastisch ausgeprägten Glieder bei aller jugendfrischen Regsamkeit dennoch mit einer Art von stiller Würde beherrschte . Allmählich kam eine behagliche Wärme vom Ofen her ; Käthe zog ein Flacon aus der Tasche und goß einige Tropfen Eau de Cologne auf die heiße Eisenplatte ; ein lieblicher , luftreinigender Duft verbreitete sich . „ Suse wird ganz feierlich zu Mute sein , wenn sie herüber kommt , “ sagte sie heiter und ließ ihre Augen noch einmal musternd durch die Stube gleiten ; es war Alles in Ordnung ; nur die Alkoventhür stand noch offen , und durch den breiten Spalt sah man gerade auf die bunten Nelkensträuße der Bettstelle , die drinnen in der Nähe des Fensters stand . Jetzt erst fiel der Blick des jungen Mädchens auf die plumpen wohlbekannten Blumengebilde , die einst das Entzücken ihrer Kinderseele gewesen waren – die ganze Rosenfrische wich plötzlich von ihren Wangen , selbst ihr roter Mund war blaß geworden . „ Dort ist mein Großpapa gestorben , “ flüsterte sie ergriffen . Doktor Bruck schüttelte den Kopf und zeigte schweigend nach dem südlichen Eckfenster . „ Sie waren bei ihm ? fragte sie hastig und trat ihm näher . „ Ja . “ „ Er ist so plötzlich gestorben , und Moritz hat mir den Trauerfall in so wenig eingehender Weise angezeigt , daß ich nicht einmal weiß , was die Ursache seines Todes gewesen ist . “ Der Doktor stand so , daß sie nur sein Profil sehen konnte ; er war sehr bärtig um Kinn und Lippen ; dennoch konnte sie bemerken , wie sich diese Lippen fest aneinander legten , als werde es ihnen schwer , zu antworten . Nach einem augenblicklichen Schweigen wandte er ihr langsam und voll das Gesicht zu und sah sie ernst an . „ Man wird Ihnen sagen , er sei an meiner Ungeschicklichkeit im Operieren gestorben , “ sagte er mit einer Stimme , der die innere Bewegung fast allen Klang nahm . Das junge Mädchen fuhr vor Schrecken und Bestürzung zurück ; ihr Auge streifte noch einmal den Mund , der gesprochen hatte , dann suchte es den Boden . „ Einzig und allein um Ihrer eigenen Beruhigung willen möchte ich Ihnen die Versicherung geben , daß das durchaus unwahr ist , “ fuhr er mit sanftem Ernste fort ; „ aber wie kann ich von Ihnen verlangen , daß Sie mir glauben sollen ? … Wir sehen uns heute zum ersten Male und wissen nichts von einander . “ Sie hätte sich mit einer einzigen oberflächlichen Phrase aus dieser peinvollen Lage helfen können , aber das fiel ihr nicht ein . Er hatte Recht – wie konnte sie wissen , ob er schuldlos , und die anklagende öffentliche Meinung im Unrechte sei ? Freilich trug seine ganze Erscheinung den Stempel einfacher Geradheit und Wahrhaftigkeit . Sie fühlte sogar heraus , daß es eigentlich seine Art gar nicht sein könne , ungerechten Verdächtigungen gegenüber auch nur ein Wort zu verlieren , ja , daß er sich in diesem Augenblicke mit seiner Versicherung gleichsam herablasse . Dennoch war sie nicht fähig , etwas auszusprechen , für das sie keine innere Rechtfertigung fand . Er hatte wohl auch keine Antwort erwartet ; denn er wandte sich ab , aber mit so viel Würde und stolzer Gelassenheit , daß in Käthe ein Gefühl plötzlicher Beschämung aufstieg und ihre Wangen heiß röthete . „ Darf ich die Kranke nun herüber bringen ? “ fragte sie mit unsicherer Stimme . Er bejahte , und sie verließ mit raschen Schritten das Zimmer . Drüben in der Hinterstube wischte sie sich die hervorquellenden Thränen von den Wimpern und ließ sich den erschütternden Vorgang von der Haushälterin erzählen . „ Die Geschichte hat dem Doktor in der Stadt schrecklichen Schaden gebracht , “ sagte Suse schließlich . „ Erst gab ’ s keinen Besseren und er hatte alle Hände voll zu tun , und nun sagen sie auf einmal , er verstände seine Sache nicht . So sind eben die Menschen , Fräulein Käthchen . Und er ist nicht schuld an dem Unglücke . Es war Alles gut ; ich hab ’ s ja mit meinen eigenen Augen gesehen . Aber da sollte sich der Schloßmüller ganz ruhig verhalten – ja , der und ruhig ! Ich weiß am besten , wie er beim kleinsten Aerger gleich kirschbraun wurde . Da darf nur der Franz draußen zu laut gesprochen haben , oder der Wagen ist zu schnell in den Hof gefahren – da hat schon die Wut in ihm gekocht . So war er . Ich hab ’ genug mit ihm ausgestanden , und zum Dank dafür hat er mich auch mit keinem Pfennig bedacht “ – sie lachte scharf und zornig auf – „ wenn Sie nicht für mich sorgten , da könnte ich jetzt betteln gehen . “ Käthe hob unwillig warnend und Schweigen gebietend den Zeigefinger . „ Nun meinetwegen auch – ich will still sein , “ grollte die Alte und ließ es still geschehen , daß das junge Mädchen ihren vertrockneten Körper wie ein hülfloses Kind in Decken und Kleider einmummte . „ Es tut mir nur leid , daß so ein guter Herr , wie der Doktor , deswegen nun angeschwärzt wird und sein Brod verliert , und seine arme Tante , für die er sorgt und arbeitet , dauert mich auch . Sie hat ihn von ihrem Bischen Vermögen studieren lassen , die alte Frau Diakonus . Sie wohnt bei ihm ; er ist immer ihr ganzer Stolz gewesen – und nun muß sie das mit erleben