dann flog sie , ohne noch einmal die Augen zurückzuwenden , durch die Marmorgalerie hinüber in das Wohnzimmer ihrer Mutter . Dort stand Magnus am Fenster und sah nach dem Wagen , der bereits am Fuße der Freitreppe hielt ; die Gräfin Trachenberg kam eben mit den drei Herren über den Schloßhof her . Es war gut , daß sie nicht sehen konnte , wie ihr Sohn , die » Schlafmütze « , der » Mensch ohne alle Energie « , bitterlich weinend die Schwester umfangen hielt – wie würde sie gezürnt haben über diesen herzzerreißenden Abschied , der » so wenig standesgemäß « war ! Liane stieg mit festen Schritt , den Schleier über das Gesicht gezogen , die Treppe hinab . » Geh mit Gott und meinem Segen , liebes Kind ! « sagte die Gräfin mit theatralischer Gebärde und ließ die Hand einen Moment über dem Haupte der Tochter schweben ; dann hob sie den Schleier empor und berührte die weiße Stirn der jungen Frau mit kühlen Lippen . Wenige Minuten darauf rollte der Wagen auf der Chaussee , die nach der nächsten Eisenbahnstation führte . 5. Nach vierstündiger Fahrt stiegen die Reisenden auf dem Bahnhof der Residenz aus . Hier trat bereits das neue Leben in all seinem Glanz an die junge Frau heran . Die Equipage , die sie erwartete , um sie nach dem eine Stunde entfernten Schönwerth zu bringen , fiel auf durch das Feenhafte ihrer ganzen Ausstattung – man mußte sich sofort sagen , da der mattsilbern schimmernde , milchweiße Atlas im Fond nur bestimmt sein könne , eine junge , verwöhnte Schönheit zu umschmiegen – das staubgraue , schlichte Reisekleid der jungen Dame , die sich still gelassen in die Ecke zurücklehnte , sah demnach fast aus wie die dürftige Hülle eines Köhlerkindes , das ein verliebter Märchenprinz im Walde aufgelesen hat und in sein Schloß entführt . Während Herr von Rüdiger den Platz neben Liane einnahm , schwang sich der Baron Mainau auf den Bock und ergriff die Zügel . Er saß stolz nachlässig droben ; das von im beherrschte Gespann aber brauste wie tollkühn die glatte , breite Chaussee hin , die einen Teil des Parkes quer durchschnitt ... Dort blinkte der Teich auf , und über den Fischerdörfchen kreiste ein Flug weißglänzender Feldtauben , sonst war es totenstill und verlassen da drüben . Nun lief die Fahrstraße zwischen dichtgedrängten Waldbaumriesen hin , die ihr nur widerwillig Raum gaben – hier und da ließ ein jäh vorbeifliegender schmaler Durchhau die sonnige Landschaft draußen wie einen Edelstein im Baumdunkel aufblitzen . Da flog plötzlich , auf fünfzig Schritt Entfernung , seitwärts aus dem Dickicht eine Reiterin mitten auf die Chaussee – fast schien es , als stelle sie die heranbrausende Equipage . » Mainau – die Herzogin ! « rief Herr von Rüdiger , erschrocken auffahrend ; aber schon hemmte das herrliche Gespann , infolge einer einzigen Bewegung seines Lenkers , den rasenden Galopp und ging im Schritt ... Eine zweite Dame sprengte aus dem Walde und folgte der Herzogin . Sie kamen rasch näher . So mag man sich den über das Schlachtfeld reitenden Todesengel denken , wie diese fürstliche Reiterin im langwallenden schwarzen Gewande , unter den in den Nacken zurückgeworfenen bläulich-schwarzen Haarmassen – zu schwer , als daß sie der Windhauch zu heben vermochte – das schöne , aber gespenstig farblose Antlitz , das in diesem Augenblick selbst auf den Lippen nicht die leiseste Färbung der lebendig rollenden Blutwelle zeigte . » Glück zu , Baron Mainau ! « rief sie mit einer stolz grüßenden Handbewegung ihm entgegen , der sich tief vor ihr neigte . Welcher Hohn lag in diesen fast schleppend langsamen , und doch so scharf accentuierten Lauten der vollen , tiefen Frauenstimme ! ... Hatte sie eine unvorsichtige Bewegung gemacht , oder scheute das schöne , feurige Tier , das sie ritt – genug , es trug sie plötzlich mit einem wilden Satze dicht an den Schlag des langsam vorüberrollenden Wagens . » Bleiben Sie sitzen , Herr von Rüdiger ! « winkte sie dem Emporschnellenden herablassend zu , ohne ihn anzusehen – ihre flammenden Augen suchten vielmehr in verzehrender Unruhe den herabgelassenen Schleier der erschrockenen jungen Frau zu durchdringen – im nächsten Augenblick schon stoben die Reiterinnen wieder dahin ; einige Sekunden lang jagten die zwei Pferde , Leib an Leib , nebeneinander , und die geschmeidige Hofdame bog sich zu ihrer Herrin hinüber . » Diese kleine , graue Nonne ist wirklich ein Trachenbergscher Rotkopf , Hoheit « , rief der hübsche Mädchenmund ungeniert . Das Rädergeroll verschlang den Zuruf ; aber Baron Mainau , der sich zurückgewendet hatte , sah die bezeichnende Gebärde der Dame – er lächelte ; Liane sah zum erstenmal dieses stolze Lächeln des Triumphes , der befriedigten Eitelkeit , sah zum erstenmal seine Augen in jenem Feuer aufstrahlen , das so gefährlich war . Die Ecke , in der seine junge Frau saß , hatte sein Blick nicht einmal gestreift – diese absolute Indolenz und Gleichgültigkeit war so sichtlich unbewußt , daß selbst Freund Rüdiger einsah , sie habe mit jener affektierten geringschätzenden Ruhe nichts gemein , die der schöne Mann aus Caprice oft den blendendsten Frauen gegenüber zeigte . Die Apfelschimmel brausten wieder über die Chaussee hin , so wildtosend und schwindelnd schnell , als habe die schöne , bleiche Fürstin mit ihrem » Glück zu ! « alle Glut in den Adern des Lenkers zur Flamme geschürt . Der Blick der jungen Frau hing an jeder seiner Bewegungen . Die Begegnung im Walde hatte plötzlich ein Streiflicht auf die neuen Verhältnisse geworfen – nun wußte sie , weshalb Mainau ihr niemals Liebe geben konnte . Die letzten Waldbäume flogen vorüber , dann ging es bergab in das Schönwerther Thal , durch Anlagen , mit denen sich der herzogliche Park nicht messen durfte . Eine Zeitlang lief ein hohes Gitter , fein wie Spinnweben , in gleicher Richtung mit dem Fahrweg ; weit drinnen ,