. Diese sprach dem rosigen Kinde milde aber ernst zu , sie sprach französisch und die Kleine ant ­ wortete ihr ebenso . Ernestine staunte . Das Mädchen verstand schon eine fremde Sprache und war doch noch kleiner als sie , — und sie verstand keine ! Und sie wollte so klug sein wie ein Junge und wußte noch nicht einmal so viel als das kleine Mädchen ? Und sie mußte es sich gefallen lassen , daß man in ihrer Gegenwart über sie redete , als wäre sie gar nicht da ; sie stand so stumm dabei und konnte sich doch denken , daß es nichts Gutes war , denn sonst hätte sie es ja deutsch sagen können . Die doppelte Beschämung drückte sie nun nieder , die — unwissend zu erscheinen und die , daß man in ihrer Gegenwart gleichsam hinter ihrem Rücken sprach . „ Frau Staatsrätin “ , sagte sie mit bebender Stimme , „ Ich bleibe nicht da , — die Kinder wollen mich nicht , — ich bin zu schlecht für sie ! “ Sie wandte sich zum Gehen wollte nun unwiderruflich fort , — da siegte aber das gute Herz der kleinen Angelika , sie lief ihr eilig nach und hielt sie fest : „ Nein , nein , liebe Ernestine , Du bist nicht zu schlecht für uns ; Du bist nur so sonderbar — ganz anders als wir Alle ! Komm wir wollen mit Dir spielen ! “ Da faßte die Staatsrätin Angelika in die Arme und rief , sie mit Küssen bedeckend : „ So ist ’ s recht , so bist Du wieder meine Angelika , mein braves , süßes Kindchen ! “ Ernestine sah diese Zärtlichkeit mit Staunen und es quollen ihr heiße Tränen aus den Augen : so lieb war nie jemand mit ihr gewesen , welch ein Glück mußte es sein , so geherzt und geküßt zu werden ! Aber das wurde ihr nimmer zu Teil , — warum nicht ? warum liebte sie Niemand ? Angelika war doch auch nur ein Mädchen — warum ließ man es sie nicht entgelten ? Sie war aber auch so herzig , so schön — wer sollte sie nicht gern haben ? Da zuckte es durch das kleine Herz , als würde ein Messer hindurchgestoßen : „ so schön “ — wiederholte sie — „ das ist es — warum man sie liebkost und sich ihrer freut : ich bin nicht nur ein Mädchen — ich bin auch ein häßliches Mädchen ; darum mag mich kein Mensch ! “ „ Nun “ , sagte Angelika , „ warum starrst Du so vor Dich hin ? Komm zu den Andern . “ Sie führte die Willenlose zu dem Springbrunnen , den die kleine Ge ­ sellschaft mittlerweile aufgesucht hatte . Die Kinder unter ­ hielten sich damit , Kieselsteinchen nach den gläsernen Kugeln zu werfen , die der Wasserstrahl auf und nieder trieb . Aber weder Mädchen noch Knaben trafen , die Kugel war jedesmal wieder gefallen , ehe sie der Stein erreichte und sie sollte getroffen werden , wenn sie auf der Spitze des Strahles tanzte . Die Kinder lachten einander weidlich aus und selbst die Erwachsenen und Eltern wurden auf ihre Bestrebungen aufmerksam und kamen herbei . Ernestine sah in ihrer gewohnten brütenden Weise dem Spiele zu . Sie erriet sehr bald , woran der Fehler lag , der Stein brauchte länger , bis er den Sprudel erreichte , als die Kugel oben blieb . Sie rechnete schnell heraus , daß , wenn man richtig nach der Spitze der Wassersäule zielte , während der Ball noch unten war , dieser beim Steigen mit dem Stein gleichzeitig zusammen ­ treffen würde . Eben hatte der vierzehnjährige Hilsborn gefehlt und bewiesen , das auch er nicht wußte , worauf es ankam , — da faßte sie der Ehrgeiz — war sie häßlich , so wollte sie doch wenigstens zeigen , daß sie klug sei — und war sie auch nur ein Mädchen , so wollte sie doch zeigen , daß sie Kraft und Geschicklichkeit habe . Sie blickte unwillkürlich nach dem alten Geheimrat hinüber , ob er sie wohl sehe und als dies der Fall zu sein schien , bückte sie sich schnell , nahm einen größeren Stein als die Andern , um sicherer zu treffen , stellte sich nach Art ihrer bisherigen Gefährten , der Bauernbuben , mit gespreizten Füßen fest hin , schwenkte zielend den Arm dreimal herum und als die Kugel unten war , schleuderte sie mit aller Kraft den Stein nach der Höhe , welche der aufsteigende Strahl erreichen mußte . Der Zufall war boshaft genug , zu begünstigen , der Stein prallte richtig an die emporgetriebene Kugel und der Zusammenstoß war so heftig , daß diese aus der Wassersäule heraus geschnellt weit über die Umstehenden wegflog und einem Kinde auf den Kopf fiel , wo das dünne Glas klirrend zerbrach . Das Kind schrie mehr aus Schreck , als aus Schmerz laut auf ; eine große Bewegung entstand — die Mama des Getroffenen stürzte mit schrecklichen Gebärden auf ihren weinenden Liebling zu , — die „ Wunde “ wurde untersucht , gestickte Taschentücher wurden gleich in das Bassin getaucht und als Umschläge auf den dicken Kopf des Kleinen gelegt und gleich einer düsteren Wolke schwebte die Besorgnis über dem teilnehmenden Kreis — „ es könne gar ein Glassplitter in die Hirnschale ein ­ gedrungen sein ! “ Ernestine stand wie eine Gerichtete da , sie fühlte sich eines Mordes überführt und als sie nun noch von allen Seiten hören mußte : Welch un ­ weibliches Wesen ! — Wie wild und unfein ! — Wie kann man ein Mädchen so knabenhaft erziehen ! und dergleichen mehr — da brach Alles in ihr zusammen . Nun war sie wie ein Junge gewesen , und nun war es auch nicht recht — was sollte sie nur machen , um den Leuten zu gefallen und sich ein klein wenig