Augen umfaßt hielt . Aber nun bemächtigte sich seiner eine fast übermütige Stimmung . Einer dürftig aussehenden Frau , die mit einem elenden Kinde im Arme gerade vor ihm stand , schenkte er ein Fünfmarkstück , und dem alten Sommerfeld , seinem Kutscher , ließ er einen Pokal Glühwein bringen , so groß , daß der Alte sichtlich davor erschrak . » Wenn wir man gut nach Haus kommen ! « meinte er bedenklich . » Rein närrisch ! « gestand Linden sich selbst . Und als einen Augenblick darauf sein Wagen vorfuhr und zugleich die Klänge eines Straußschen Walzers an sein Ohr schlugen , begann er die Melodie der » Rosen aus dem Süden « mitzusingen . Dann rasselte das Gefährt über den Marktplatz auf die finstere Landstraße hinaus , und rascher wie sonst war er in seinem stillen Zimmer daheim und tausend anmutige Gedanken mit ihm . Zu Niendorf im Herrenhause gab es ein Zimmer , darinnen blühten Rosen in Fülle . Nicht nur die in den Scherben zwischen den Doppelfenstern oder auf dem Blumenbrett vor den Scheiben , je nachdem die Jahreszeit es gebot , auch im Stübchen selbst rankten sich Tausende der schönsten Erdenblumen um Bilder und Möbel . Es machte einen 58 wunderlichen Eindruck , besonders wenn man statt des Dornröschens , das man hier schlummernd zu finden meinte , eine sehr alte Frau im Lehnstuhl am Fenster erblickte , unermüdlich beschäftigt , aus farbigem Seidenpapier Blätter und Blättchen zu bilden und aneinander zu fügen , bis endlich eine Rose am Drahtstengel schwankte , von weitem so natürlich anzusehen , als wäre sie eben vom Stocke gebrochen . Tante Rosalie konnte nicht leben , ohne Rosen zu machen . Sie verschwendete die Hälfte ihres bescheidenen Einkommens in Seidenpapier , und wem sie irgend wohlwollte , der erhielt einen Rosenkranz zum Präsent – rote , rosa , weiße und gelbe Blumenkelche , geschmackvoll durcheinander gemischt . Sämtliche Dorfschönen trugen auf dem sonntäglichen Tanzboden Rosen des alten Fräulein Kruse im stark pomadisierten Haar . Die Gräber des Friedhofes zeigten in Menge von Sonne und Wind zerzauste weiße und purpurne Rosen derselben Fabrikation auf , die kleine Kirche wurde alljährlich zum Johannisfeste von der alten Dame verschwenderisch mit diesen ihren Erzeugnissen geschmückt , wobei sie ganz besondere Sorgfalt auf den Kranz verwendete , der die Dornenkrone des Heilandes zu zieren bestimmt war . Das mußten dunkelrote Rosen sein , so rot wie das Blut , das er vergossen . Darauf hielt sie . Kein Weihnachtsbaum prangte im Dorfe , an dem nicht ihre Rosen zwischen den Kerzen 59 hervorleuchteten , und keine Hochzeit fand statt , bei der nicht über der Stubentür des jungen Paares Tante Rosaliens Blumengruß prangte . Sie war im Dorfe bei jung und alt denn auch nur als » Rosentante « oder » Rosenfräulein « bekannt und beliebt , und nicht selten wurde sie auf ihren Spaziergängen von einer Schar Kinder , besonders Mädchen , verfolgt mit der Bitte » Mek ok ' ne Rose , mek ok ' ne Blaume ! « Und die Rosentante war stets darauf eingerichtet . Die weniger gelungenen Exemplare wurden zu diesem Zwecke freigebig aus dem riesenhaften Pompadour hervorgeholt und verteilt . Franz Linden hatte sich längst daran gewöhnt , zuweilen ein Stündchen in Gesellschaft der alten Dame hinzubringen . Bei ihrem Anblick kam unwillkürlich etwas von dem Frieden , der sie umgab , auch auf ihn , und das tat ihm wohl . Sie saß dann still und ruhig hinter ihrem Tischchen , und die feinen welken Hände bildeten emsig des » vollsten Lebens Attribute « . Nach und nach hatte sie ihm in wunderlich feierlicher Weise von den Schicksalen erzählt , die sich unter dem alten spitzen Ziegeldache dieses Hauses abgespielt hatten . Es waren wenig Lichtpunkte darunter und viele Schatten , viel Schuld und menschlich Irren ; ein düster Stück Erdenleben . – Ein Ehepaar , das nicht zusammengepaßt hatte , ein einziges Kind , von beiden vergöttert ; und dieser einzige Sohn hatte sich und sein Elternhaus mit Schande bedeckt und war bei Nacht 60 und Nebel nach Amerika geflohen , wo er verkommen war . Ohne Licht und Stern waren die Eltern zurückgeblieben , jedes dem anderen Vorwürfe machend über die verfehlte Erziehung . Dann starb die Frau vor Gram , und nun begann eine endlose Spanne der Einsamkeit für den alternden Mann , im Banne des Mißtrauens und der Menschenverachtung , niemand zugetan als seinen Hunden . Er verkehrte mit niemand als mit jenem Menschen , dem Wolff , der ihm Nachrichten und Klatsch aus der Stadt überbrachte , und selbst diesen behandelte er mit einer an Beleidigung streifenden Mißachtung . » Aber , sehen Sie , lieber Neffe « , hatte die Erzählerin hinzugefügt , » es gibt Menschen , die hündischer sind wie die Hunde . Ein solches Vieh schreit doch , wenn es getreten wird , aber die Art , zu denen er gehört , lächelt noch verbindlich beim derbsten Fußtritt – und so einer war nötig für den Wilhelm . « Es schneite . Auf den Bergen war es weiß , der Garten lag unter leuchtender Schneedecke , und in der Luft tanzten weiße Flocken . Franz Linden war mit dem Verwalter von der Jagd zurückgekommen und ging nach beendeter Mahlzeit zu der Tante ins Rosenstübchen . Sie stand heute auf , als er hereintrat , und kam ihm entgegen . » Sehen Sie , lieber Neffe , so geht ' s , wenn man einmal nicht zu Hause ist . Sie sollten Besuch bekommen , so einen ganz superfeinen , neumodischen , im 61 prächtigen Schlitten . Ich machte gerade meine Promenade auf dem Korridor , da kam er die Treppe herauf , und hier « – sie faßte in den Pompadour – » ist seine Karte , die er daließ . « Franz nahm die Karte und las : » Artur Fredrich – das tut mir leid « , sagte er lebhaft bedauernd . » Wann