Die Mama ist etwas unwohl , wohl nicht bedeutend , glaub ' ich . Aber es ist besser , wir reisen gleich hin , damit du sie pflegst . Ich holte mir eben Urlaub , und ich denke , mit dem Nachtzuge um zwölf Uhr können wir abreisen , meine umsichtige kleine Frau wird bis dahin reisefertig sein . « Seine Stimme klang so leise , so traurig , daß ich die ganze Wahrheit erriet . Meine Mutter krank , schwerkrank , und ich so weit von ihr ! Mir kam vor Angst keine Träne in die Augen , in fieberhafter Eile rüstete ich alles zur Reise , und erst als wir in der Bahn saßen und ich den Kopf an meines Mannes Schulter legte , konnte ich weinen . Oh , solche Fahrt , so rasch sie geht , wie langsam kommt sie uns vor . » Wirst du sie noch lebend antreffen ? Vielleicht kommst du nur gerade zurecht , ihr die lieben Augen zuzudrücken . O Gott , laß sie noch leben , laß sie noch leben , hilf nur ! « dachte ich , indem ich ruhelos im Abteil hin und her schritt , ohne auf die beruhigenden Worte meines Mannes zu achten . Endlich , am andern Mittag , nach zwölfstündiger , ununterbrochener , langer Fahrt kamen wir an . Der Kutscher trat mit betrübter Miene an den Wagen . Auf die hastige Frage : » Wie geht es , Börner ? « sagte er : » Schlecht , gnädiges Fräulein – wollte sagen , gnädige Frau . Der Herr Bruder sind auch eben gekommen . « Zu Hause trat uns mein Vater mit Tränen in den Augen entgegen . Ich eilte an das Krankenbett : da lag sie , die arme , liebe Mutter , mit glühenden Wangen , und sprach unverständliche Worte und Sätze ; eine Diakonissin erhob sich von dem Stuhl am Bette . » Gottlob , sie lebt noch ! « stammelte ich , als ich vor ihrem Lager niedersank . » O Gott , ich danke dir ! « Es waren bange Stunden , die ich nun verlebte , und die Stunden reihten sich zu Tagen und die Tage zu Wochen . Das Fieber ließ wohl endlich nach , aber eine Mattigkeit trat ein , die das Schlimmste befürchten ließ . Mein Mann war wieder in seine Garnison zurückgekehrt , ebenso mein Bruder , und Briefe und Telegramme brachten ihnen die Nachrichten über das Befinden der teuren Kranken . An Fräulein Siegismund hatte ich manchmal gedacht , während ich die langen Nächte am Krankenbett durchwachte . Ich wiederholte mir in Gedanken ihre einfache Erzählung und erinnerte mich plötzlich , daß ich das kleine Etui , das sie mir gegeben und das ich in der Hand hielt , als wir die Schreckenskunde aus der Heimat empfingen , irgendwo auf einen Tisch oder Schrank des Wohnzimmers gestellt hatte , konnte mich aber nicht besinnen , wo . Nun bat ich meinen Mann , danach zu suchen . Endlich , endlich nach unsäglich langer Zeit , gab der Arzt mir die Versicherung , daß meine gute Mama , wenn auch noch sehr matt , doch außer Gefahr sei . Oh , wie dankte ich dem lieben Gott dafür . Dann schrieb ich an meinen Mann und an meinen Bruder und hatte die Freude , meinen Mann bald darauf hier zu sehen . Er brachte mir auch das kleine Etui und einen Brief von Fräulein Siegismund , den ich hier mitteilen will : » Meine liebe , kleine Frau ! Mit inniger Teilnahme hat Ihre alte Freundin stets an Sie gedacht und mit Ihnen für die Genesung Ihrer teuren Mutter gebetet . Wie unaussprechlich freue ich mich , daß sie Ihnen erhalten blieb und daß ihre Gesundheit wiederkehren wird . Hoffentlich kommen Sie in einiger Zeit wieder zurück ; ich habe Sie sehr , sehr vermißt . Als ich am Tage , nachdem ich die Erzählung meiner Schicksale begonnen , an das Fenster trat , nickte mir kein freundliches Köpfchen meinen Morgengruß herüber . Ich erkundigte mich gleich , da ich glaubte , Sie seien krank , und erfuhr nun erst das Traurige . Ich habe Ihnen , mein liebes Kind , die Fortsetzung meiner Geschichte aufgeschrieben , das Erzählen hatte mich doch recht aufgeregt . Wenn ich so jeden Tag in aller Ruhe ein Stündchen schreibe , brauche ich keine schlaflosen Nächte zu befürchten , und für Sie ist es auch besser so , als wenn Sie meine alte Stimme , die manchmal ganz heiser wird , so lange anhören sollen . Bald bin ich fertig , und dann , hoffe ich , find Sie wieder hier , und ich kann Ihnen meine beschriebenen Bogen überreichen . Wissen Sie noch , wo wir waren ? Ich ließ Sie vor der Tür des jungen Pfarrers stehen . Es dauert lange , ehe Sie hineinkommen . Ihr lieber Mann will diesen Brief mitnehmen . Wie gern käme ich selbst , wäre gleich gekommen , um Sie bei der Pflege zu unterstützen ! Doch was sollten Sie wohl mit einer alten , gebrechlichen Jungfer anfangen ? Tausend herzliche Grüße , mein liebes Kind , von Ihrer alten Nachbarin . N.S. Ihre Blumen habe ich mir herüberbringen lassen und pflege sie nach Kräften . « Nun öffnete ich auch das kleine Etui , und ein Ausbruch des Entzückens entschlüpfte meinen Lippen . Ein Miniaturbild lag darin , auf Elfenbein gemalt . Ein reizendes Mädchenköpfchen hob sich von dem hellen Grunde ab . Es war kaum möglich , etwas Süßeres zu sehen , als dies rosige Gesichtchen mit den großen , blauen Augen unter den schwarzen Bogen der Brauen . Es lag ein solch neckischer und doch wieder schwärmerischer Ausdruck auf diesem länglichen , von dunklen Locken umrahmten Antlitz , daß das Original des reizenden Bildes unendlich anziehend gewesen sein mußte . » Das alte Fräulein war ja einmal sehr schön « , meinte mein Mann . –