nun eine lange peinliche Pause entstand , da wachte Heinz Kerkow aus seinem Stumpfsinn auf , nahm Mitleid und Ritterlichkeit zu Hilfe und zog das fremde Mädchen , dem nicht ein Schlag seines Herzens gehörte , an sich und dankte ihr noch einmal für ihr rasches rückhaltloses „ Ja ! “ und sagte , daß er bestrebt sein wolle , ihre Liebe immer mehr und mehr zu verdienen . Dann küßte er sie etwas scheu und zögernd auf die Stirn über ihren Kopf hinweg aber schweifte sein Blick wie gewaltsam angezogen , zum Fenster hinaus und blieb drunten am Hause des Medizinalrats May hängen . Zum letztenmal ! sagte er sich , denn er wollte – er wollte ein guter treuer Gatte werden , und das war er schließlich doch auch sich selbst schuldig ! Dort unten saß die Familie May bei Tische , und im nämlichen Augenblick als der Blick des Mannes abschiednehmend das Häuschen des Leibarztes streifte , bemerkte dieser , der eben den letzten Löffel Suppe verzehrt hatte . „ Und nun das Neueste , ich weiß es von Durchlaucht höchstselbst – der Heinz Kerkow und die Ribbeneck wollen sich heiraten . „ Das ist nicht wahr ! “ schrie Tante Emilie auf und ihre erschreckten Augen flogen zu Aenne . Aber kein Zug veränderte sich in dem jungen Antlitz . Schweigend erhob sie sich und setzte die Suppenteller ineinander und goß ihrem Vater das Bier ein , wie alle Tage , nur essen konnte sie heute nicht . Aber sie blieb bei Tische bis zu Ende und sagte auch irgendwas zu der Neuigkeit , aber Tante Emilie verstand es nicht recht , nur die Worte „ Freut mich für Toni “ klang es deutlich heraus . Und langsam und ohne Hast erstieg sie die Treppe zu ihrem Sälchen , und was dort oben geschah – das hat niemand gesehen . Aenne May ging folgenden Tages zur gewohnten Stunde mit Tante spazieren . Die kleine lebhafte , in heimlichem Mitleid fast vergehende Frau schlug den Weg nach der Stadt ein , in dem unbestimmten Gefühl , daß es dem Mädchen lieb sein würden den Schloßpark heute zu vermeiden . Aber Aenne fragte . „ Warum denn ^ Und so wanderten sie in dem prächtigen Garten umher , in welchem alles von der Poesie des Herbstes verklärt war purpurn rote Weinranken , die sich um weiße Marmorleiber schlangen , gold und rot gefärbte Boskette , gelichtete Bäume , die zu trauern schienen um ihr Sommergewand , bunte Blätter , die unter ihnen auf feuchtem Rasen lagen oder auf dem stillen Wasser des Bassins schwammen . Aenne war sehr schweigsam , und als ob es sich von selbst verstände , bis zur Schloßterrasse emporstieg . „ Dort oben wird ’ s zugig sein , Goldköpfchen “ meinte ängstlich die Tante . „ Aber die Aussicht desto schöner “ wandte Aenne ein , „ der Sturm der vergangenen Nacht hat die Luft klar gemacht . “ Oben angelangt , stützte sich die stark asthmatische Frau , nach Atem ringend , auf das Geländer und zog ihr Tuch höher an den Hals hinauf , Aenne ging langsam um das Bassin herum zum Pavillon hinüber , in dem gestern noch Heinz Kerkow so lustig geschafft hatte , und lugte durch die Scheiben . Nach ein paar Minuten kam sie zurück , ein bitteres Lächeln um den Mund . „ Nun können wir weitergehen , Tante , “ sagte sie . „ Was war denn in dem Pavillon “ fragte die Angeredete . „ Ein Tüncher , der die Wände überstreicht , so dicht daß man schon nicht mehr erkennt , wie sie ausgesehen haben , “ antwortete Aenne . „ Nicht wahr , “ fuhr sie fort , „ es wäre nett , wenn man es auch so machen könnte mit seinem Herzen , wenn man alles , was da drin gemalt und geschrieben steht , einfach frisch übertünchen könnte – wer das verstände – o ! – “ „ Welch ein Unsinn , Aenne ! “ murmelte die alte Dame . „ Aber , verlaß dich darauf , Tante , ich lasse auch anstreichen hier innen , es wäre noch schöner , wenn man etwas mit sich herumschleppen müßte , das man nicht will , nicht brauchen kann , das weh thut wie ein Dorn den man sich eingerissen hat ! – “ Sie sprach immer im Weiterschreiten , mit zurückgewandtem Kopf und wunderlich flackernden Augen . Dann waren sie unten im Park auf dem breiten Fahrwege angekommen , der in den Wald führt , und gingen wieder nebeneinander diesem entgegen . Hinter ihnen erscholl Pferdegetrappel und das leise Rollen einer Equipage auf Gummirädern Aenne wandte ruhig den Kopf dem vorüberfahrenden Wagen zu . Es war eine Hofequipage , im Fond saßen Frau von Gruber und Toni von Ribbeneck , auf dem Rücksitz Heinz von Kerkow , in Civil und ganz reisemäßig angezogen mit Umhängetasche , Plaidrolle und einem Handköfferchen neben sich . Er sah nach der entgegengesetzten Seite hinüber , wo ein zahmes Reh stand . Toni , in einem blauen Tuchkostüm , einen blauen Filzhut auf dem farblosen Haar , nickte gönnerhaft freundlich Aenne zu . Sie hatte heute Farbe und sah , wie Tante Emilie innerlich zugestand , ordentlich menschlich aus . Aenne grüßte zurück und schritt weiter mit undurchdringlichem Gesicht . „ Hör ’ , Kindchen , “ meinte die alte Dame , „ wenn ’ s dir nichts ausmacht , so geh ’ allein ein Stückchen weiter , ich besuch ’ derweil Fräulein Stübken , kannst mich abholen nachher . “ Fräulein Stübken war das ältliche Fräulein , das dem Oberförster Günther seit dem Tode der Frau den Haushalt führte , eine Person , die als wandelndes Wochenblatt von Breitenfels galt , besonders für die Rubrik „ Hofnachrichten “ . Aenne nickte , es freute sie , allein zu sein . Sie fühlte deutlich , daß in ihr etwas Totes war , von dem eine erschauernde