, trat Gigas aus der Sakristei und schritt auf die Altarstufen zu . Er schien noch ernster als gewöhnlich , und sein Kopf mit dem spärlichen weißen Haar sah unbeweglich über die hohe Radkrause hinweg . Und nun begann er . Erst hart und herbe , wie fast immer die Strenggläubigen , wenn sie von Tod und Sterben sprechen ; als er aber das Allgemeine ließ und vom Tod überhaupt auf diesen Toten kam , wurd er warm und vergaß aller Herbigkeit . Er , dessen stummes Antlitz hier spräche , so hob er mit immer eindringlicher werdender Stimme an , sei ein Mann gewesen wie wenige , denn er habe beides gehabt , den Glauben und die Liebe . Da sei keiner unter ihnen , an dem er seine Liebe nicht betätigt habe ; der Arme habe seine Mildtätigkeit , der Freund seine Hülfe , die Bürgerschaft seinen Rat erfahren , und seine klugen und feinen Sitten seien es gewesen , die bis nach Lübeck und bis in die Niederlande hin das Ansehen der Stadt auf die jetzige Höhe gehoben hätten . Dies wüßten alle . Aber von seinem Glauben und seiner Glaubensfestigkeit wisse nur er . Und wenn schon jeder in Gefahr stehe , Unkraut unter seinem Weizen aufschießen zu sehen , so habe doch diese Gefahr keinem so nahe gestanden wie diesem Toten . Denn nicht nur , daß er eine Reihe von Jahren unter den Bekennern der alten Irrlehre gelebt , die bedrohlichste Stunde für das Heil seiner Seele sei die Stunde seiner zweiten Eheschließung gewesen . Denn die Liebe zum Weibe , das sei die größte Versuchung in unsrer Liebe zu Gott . Aber er hab ihr widerstanden und habe nicht um irdischen Friedens willen den ewigen Frieden versäumt . In seinem Wandel ein Vorbild , werde sich die selige Verheißung , die Christus der Herr auf dem Berg am Galiläischen Meer gegeben , dreifach an ihm erfüllen . Sei er doch friedfertig und sanftmütig gewesen und reinen Herzens . Und nun sangen sie wieder , während die Träger den Toten aufhoben und ihn das Mittelschiff entlang aus der Kirche hinaus auf den Kirchhof trugen . Denn ein Grab im Freien war sein Letzter Wille gewesen . Draußen aber , unter alten Kastanienbäumen , deren Laub sich herbstlich zu färben anfing , setzten sie den Sarg nieder , und als er hinabgelassen und das letzte Wort gesprochen war , kehrten alle heim , und Trud und Gerdt schritten langsam die Lange Straße hinunter , bis an das Mindesche Haus , das nun ihre war . Nur Grete war geblieben und huschte heimlich in die Kirche zurück und setzte sich auf die Bahre , die noch an alter Stelle stand . Sie wollte beten , aber sie konnte nicht und sah immer nur Trud , so herb und streng , wie sie sie früher gesehen hatte , und fühlte deutlich , wie sich ihr das Herz dabei zusammenschnürte . Und eine Vorahnung überkam sie wie Gewißheit , daß Regine doch wohl recht gehabt haben könne . So saß sie und starrte vor sich hin und fröstelte . Und nun sah sie plötzlich auf und gewahrte , daß das Abendrot in den hohen Chorfenstern stand und daß alles um sie her wie in lichtem Feuer glühte : die Pfeiler , die Bilder und die hochaufgemauerten Grabsteine . Da war es ihr , als stünde die Kirche rings in Flammen , und von rasender Angst erfaßt , verließ sie den Platz , auf dem sie gesessen , und floh über den Kirchhof hin . In den engen Gassen war es schon dunkel geworden , der rote Schein , der sie geängstigt , schwand vor ihren Augen , und ihr Herz begann wieder ruhiger zu klopfen . Als sie aber den Flur ihres Hauses erreicht hatte , stieg sie zu Reginen hinauf und umarmte sie und küßte sie und sagte : » Regine , nun bin ich ganz allein . Eine Waise ! « 8. Kapitel . Eine Ritterkette Achtes Kapitel Eine Ritterkette Eine Waise war sie , und sie sollt es nur allzubald empfinden . Anfangs ging es , auch noch um die Christzeit , als aber Ostern herankam , wurd es anders im Haus , denn es geschah , was nicht mehr erwartet war : Trud genas eines Knäbleins . Da war nun die Freude groß , und auch Grete freute sich . Doch nicht lange . Bald mußte sie wahrnehmen , daß das Neugeborene alles war und sie nichts ; Regine kochte den Brei , und sie gab ihn . Daß sie selber ein Herz habe und ein Glück verlange , daran dachte niemand ; sie war nur da um andrer Glückes willen . Und das verbitterte sie . Ein Trost war , daß sie Valtin häufiger sah . Denn Trud hatte für nichts Sinn mehr als für das Kind , und nur selten , wenn sie sich aus Laune oder Zufall auf ihr Hüteramt besann , fiel sie vorübergehend in ihre frühere Strenge zurück . So vergingen die Tage , meist ohne Streit , aber noch mehr ohne Lust und Freud , und als es jährig war , daß sie den alten Minde von seinem Platz vor dem Altar auf den Kirchhof hinausgetragen hatten , ging Grete gen Sankt Stephan , um seiner an seinem Grabe zu gedenken . Es war ein schöner Oktobertag , und die Kastanien lagen ausgestreut umher . Grete setzte sich auf den Hügel , und das Bild des geliebten Toten stand wieder vor ihrer Seele , blaß und freundlich , und sie hing ihm noch in süßer Trauer nach , als sie sich plötzlich bei Namen gerufen hörte . Sie sah auf und erkannte Valtin . Er hatte sie das Haus verlassen sehen und war ihr nachgegangen . » Wie geht es ? « fragte Grete . Valtin antwortete nicht gleich . Endlich sagte er : » Ich mag nicht klagen , Grete , denn dein eigen Herz ist voll