unter uns , Stunde für Stunde , und wir nehmen es nicht wahr . Hören wir doch auch den Ton einer schwirrenden Stimmgabel nicht , bevor sie das Holz berührt und es mitschwingen macht . Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk , ohne innewohnendes Bewußtsein , - ein Kunstwerk , das entsteht , wie ein Kristall nach stets sich gleichbleibendem Gesetz aus dem Gestaltlosen herauswächst . Wer weiß das ? Wie in schwülen Tagen die elektrische Spannung sich bis zur Unerträglichkeit steigert und endlich den Blitz gebiert , könnte es da nicht sein , daß auch auf die stetige Anhäufung jener niemals wechselnden Gedanken , die hier im Ghetto die Luft vergiften , eine plötzliche , ruckweise Entladung folgen muß ? - eine seelische Explosion , die unser Traumbewußtsein ans Tageslicht peitscht , um - dort den Blitz der Natur - hier ein Gespenst zu schaffen , das in Mienen , Gang und Gehaben , in allem und jedem das Symbol der Massenseele unfehlbar offenbaren müßte , wenn man die geheime Sprache der Formen nur richtig zu deuten verstünde ? Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen des Blitzes ankünden , so verraten auch hier gewisse grauenhafte Vorzeichen das drohende Hereinbrechen jenes Phantoms ins Reich der Tat . Der abblätternde Bewurf einer alten Mauer nimmt eine Gestalt an , die einem schreitenden Menschen gleicht ; und in Eisblumen am Fenster bilden sich Züge starrer Gesichter . Der Sand vom Dache scheint anders zu fallen als sonst und drängt dem argwöhnischen Beobachter den Verdacht auf , eine unsichtbare Intelligenz , die sich lichtscheu verborgen hält , werfe ihn herab und übe sich in heimlichen Versuchen , allerlei seltsame Umrisse hervorzubringen . - Ruht das Auge auf eintönigem Geflecht oder den Unebenheiten der Haut , bemächtigt sich unser die unerfreuliche Gabe , überall mahnende , bedeutsame Formen zu sehen , die in unsern Träumen ins Riesengroße auswachsen . Und immer zieht sich durch solche schemenhaften Versuche der angesammelten Gedankenherden , die Wälle der Alltäglichkeit zu durchnagen , für uns wie ein roter Faden die qualvolle Gewißheit , daß unser eigenstes Inneres mit Vorbedacht und gegen unsern Willen ausgesogen wird , nur damit die Gestalt des Phantoms plastisch werden könne . Wie ich nun vorhin Pernath bestätigen hörte , daß ihm ein Mensch begegnet sei , bartlos , mit schiefgestellten Augen , da stand der Golem vor mir , wie ich ihn damals gesehen . Wie aus dem Boden gewachsen stand er vor mir . Und eine gewisse dumpfe Furcht , es stehe wieder etwas Unerklärliches nahe bevor , befiel mich einen Augenblick lang ; dieselbe Angst , die ich schon einmal in meinen Kinderjahren verspürt , als die ersten spukhaften Äußerungen des Golem ihre Schatten vorauswarfen . Sechsundsechzig Jahre ist das wohl jetzt her und knüpft sich an einen Abend , an dem der Bräutigam meiner Schwester zu Besuch gekommen war , und in der Familie der Tag der Hochzeit festgesetzt werden sollte . Es wurde damals Blei gegossen - zum Scherz - und ich stand mit offenem Munde dabei und begriff nicht , was das zu bedeuten habe , - in meiner wirren , kindlichen Vorstellung brachte ich es in Zusammenhang mit dem Golem , von dem ich meinen Großvater oft hatte erzählen hören , und bildete mir ein , jeden Augenblick müsse die Tür aufgehen und der Unbekannte eintreten . Meine Schwester leerte dann den Löffel mit dem flüssigen Metall in das Wasserschaff und lachte mich , der ich aufgeregt zusah , lustig an . Mit welken , zitternden Händen holte mein Großvater den blitzenden Bleiklumpen heraus und hielt ihn ans Licht . Gleich darauf entstand eine allgemeine Erregung . Man redete laut durcheinander ; ich wollte mich hinzudrängen , aber man wehrte mich ab . Später , als ich älter geworden , erzählte mir mein Vater , es wäre damals das geschmolzene Metall zu einem kleinen , ganz deutlichen Kopf erstarrt gewesen , - glatt und rund , wie nach einer Form gegossen , und von unheimlicher Ähnlichkeit mit den Zügen des Golem , daß sich alle entsetzt hätten . Oft sprach ich mit dem Archivar Schemajah Hillel , der die Requisiten der Altneusynagoge in Verwahrung hat und auch die gewisse Lehmfigur aus Kaiser Rudolfs Zeiten , darüber . Er hat sich mit Kabbala befaßt und meint , jener Erdklumpen mit den menschlichen Gliedmaßen sei vielleicht nichts anderes als ein ehemaliges Vorzeichen , ganz so wie in meinem Fall der bleierne Kopf . Und der Unbekannte , der da umgehe , müsse das Phantasie- oder Gedankenbild sein , das jener mittelalterliche Rabbiner zuerst lebendig gedacht habe , ehe er es mit Materie bekleiden konnte , und das nun in regelmäßigen Zeitabschnitten , bei den gleichen astrologischen Sternstellungen , unter denen es erschaffen worden - wiederkehre , vom Triebe nach stofflichem Leben gequält . Auch Hillels verstorbene Frau hatte den Golem von Angesicht zu Angesicht erblickt und ebenso wie ich gefühlt , daß man sich im Starrkrampf befindet , solange das rätselhafte Wesen in der Nähe weilt . Sie sagte , sie sei felsenfest überzeugt gewesen , daß es damals nur ihre eigene Seele habe sein können , die - aus dem Körper getreten - ihr einen Augenblick gegenübergestanden und mit den Zügen eines fremden Geschöpfes ins Gesicht gestarrt hätte . Trotz eines furchtbaren Grauens , das sich ihrer damals bemächtigt , habe sie doch keine Sekunde die Gewißheit verlassen , daß jener andere nur ein Stück ihres eignen Innern sein konnte . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Es ist unglaublich « , murmelte Prokop in Gedanken verloren . Auch der Maler Vrieslander schien ganz in Grübeln versunken . Da klopfte es an die Türe und das alte Weib , das mir des Abends Wasser bringt und was ich sonst noch nötig