sich mit dem ersten hellen Grün bedeckten ; man ahnte sie , mehr als man sie sah , aber gleichsam als Symbol stolz gepflegter Eigenart flatterte über jedem der weiten Gehöfte an hohem Mast eine andere , verschiedene Fahne , deren Farbenzusammenstellung Tschun noch fremd war . Es mußte wohl ein Festtag sein . Die Luft flimmerte voll hellen Sonnenscheins ; die Farben lösten sich im Lichte auf ; die Umrisse verschwammen , von diamantenem Staub umhüllt . Wie aus einzelnen Punkten und Flecken zartester Farbentöne war das Bild zusammengesetzt : silbriges Grau der Gebäude , durchleuchtetes Rosa an einigen fernen Mauern , darüber goldgelbe Kacheldächer , wie lange Lichtstreifen wirkend , hellstes junges Grün der Bäume und zarteste bläuliche Schatten , beinah aufgehoben durch Reflexglanz und allgemeines , überallhin spielendes Sonnenlicht . Nirgends Dunkelheiten . Ueberall zitterndes , glitzerndes , flimmerndes Leuchten . Eine der unvergeßlichen Stunden des kurzen chinesischen Frühlings , der , einem Traume gleich , den sturmdurchbrausten Winter von dem glühendheißen Sommer trennt . In dem ganzen lichten Bild erhob sich nur die hohe Stadtmauer finster und dräuend , von violettem Schatten bedeckt . Von jenseits dieser Mauer , aus der Chinesenstadt her , kam jetzt hoch oben im lichtdurchflossenen Himmelsblau ein Flug grauer Vögel gezogen ; sie glitten mit weit ausgestreckten Flügeln durch den sonnendurchtränkten Frühlingsäther ; sie sangen nicht , und doch klangen unendlich wehmütige , langgezogene Töne von ihnen zur Erde herab . Sie erinnerten an das Stöhnen von Aeolsharfen , und dieses Klagen und Seufzen , das von den doch stumm schwebenden Vögeln durch all den leuchtenden Frühlingsschein herabtönte , hatte etwas Beängstigendes , gleich spukhaften Stimmen aus ewig unerklärlichen Welten . Einen Augenblick schaute Tschun hinauf zu den hoch über ihm ziehenden Vögeln , wie man sich unwillkürlich bei einem Geräusch umsieht , aber er achtete nicht weiter auf sie , denn ihm waren es alltägliche Klänge ; weiß doch jedes Pekinger Kind , daß den zahmen Tauben unter die Schwungfedern leichte Bambuspfeifchen angebunden werden , durch die dann hoch oben in den Lüften der Wind zieht , seltsame , langgezogene Töne ihnen entlockend , die Raubvögel erschrecken und verscheuchen sollen . Uralte Sitte ist es , und an vielen Tagen hatte Tschun dies klagende Klingen der kleinen Windpfeifen vernommen , die die Taubenschwärme durch die Luft tragen . Und gerade , weil diese Klänge so vertraut und alltäglich tönten , ahnte Tschun in seinem nach Neuem strebenden Sinne nicht , daß das an jenem Morgen die Stimmen waren , mit denen das uralte China der Vorväter sein abschweifendes Kind von der Schwelle einer fremden Welt zurück zum Althergebrachten zu locken suchte ! - Tschun sah nur auf die bunten , unbekannten Fahnen , die sich über den Gesandtschaften im leichten Frühlingswinde blähten , als ob sie ihm winkten . Schwächer wurden die langen , seufzenden Töne , höher stiegen die Tauben . - - Tschun aber schritt die gewölbte Brücke herab und dann an der Mauer entlang zu dem Tore , das hier , von der Rückseite aus , in die ihm bekannte Gesandtschaft führte . Unbemerkt kam er an den Pferdeställen und den vielen Nebengebäuden vorbei und wollte sich nun gerade durch die breite Allee schleichen , auf deren anderer Seite das Gesandtenhaus stand , in dem Kuang yin diente . Aber vor dem Hause gewahrte er eine Gruppe Menschen . Die Taitai , deren Schleppe er getragen , stand mit einigen anderen Damen und Herren auf den Stufen , die zur Allee herabführten ; sie schienen in eifriger Verhandlung mit einer ganzen Schar chinesischer Kuriositätenverkäufer , die ihre blauen Bündel vor ihnen aufgemacht hatten und nun gestickte Decken und alte Mandarinenröcke ausbreiteten und Elfenbeinschnitzereien , Götzenfiguren und Cloisonné-Vasen anpriesen . Tschun war in seiner großen Empörung in die Gesandtschaft gelaufen , ohne viel nachzudenken , was er eigentlich dort finden würde . Die vielen Menschen verblüfften ihn , er stand unschlüssig da , überlegend , ob er sich nicht bis zu einem günstigeren Augenblick unbemerkt zurückziehen sollte . Aber da sprang schnuppernd und bellend ein kleiner Hund an ihm empor , in dem er gleich denjenigen erkannte , den der weiße Herr auf dem Jahrmarkt gekauft hatte . Aller Augen richteten sich nun auf ihn . » Das ist ja mein kleiner Page Frühlingswind ! « rief die Taitai . Einer der Herren , der etwas Chinesisch konnte , holte Tschun heran , und es begann ein Kreuzverhör , wo er gewesen , wie es seiner Mutter nun ginge , und ob er jetzt Boy in der Gesandtschaft werden wolle . - Tschun hätte der Taitai am liebsten alles wahrheitsgetreu erzählt und sie gebeten , ihn nun bei sich zu behalten , aber vor all den Menschen konnte er doch nicht den Schimpf erwähnen , der ihm soeben bei Yang hung angetan worden . Während er noch nach Worten suchte , gewahrte er Kuang yin , der von den Dienstbotenquartieren eilig herkam und ihm , ohne daß die Herrschaften es merkten , winkte und allerhand Zeichen machte . Erschreckt und in plötzlicher Angst vor einer etwaigen erzwungenen Rückkehr stammelte er , der Mutter ginge es wieder gut , und er sei nur gekommen , dem Onkel Kuang yin einen Besuch zu machen . Aber davon wollte die Taitai nichts wissen . Tschun müsse dableiben , sagte sie , sie brauche ihn als kleinen Diener , und zwar sofort . Es war plötzlich , als könne die schöne , fremde Dame nicht mehr auskommen ohne den kleinen chinesischen Jungen . Sie wollte ihn mit dem gleichen Ungestüm haben , wie sie vor einer halben Stunde den kleinen Goldbronzebuddha begehrt hatte , der jetzt unbeachtet am Boden stand und den der Händler langsam wieder einwickelte und in einem seiner Aermel verbarg . Er wußte ja ganz genau , daß heute kein Geschäft mehr gemacht werden würde , denn der so zur unrechten Stunde hereingeschneite Tschun hatte für den Augenblick alle anderen Kuriositäten verdrängt . Er war das Götzchen der Stunde