, in eine ganz vernünftige Unterhaltung geraten . Ein paar Tage später war er bei ihr und brachte ihr , wie versprochen , den Klavierauszug von » Eugen Onegin « und einige von seinen Liedern ; bei seinem nächsten Besuch sang sie ihm diese Lieder und manche von Schubert vor , und ihre Stimme gefiel ihm sehr . Bald darauf nahmen sie für den Sommer voneinander Abschied , ohne jede Spur von Wehmut und Zärtlichkeit ; Annas Einladung nach Weißenfeld hatte Georg nur als Höflichkeit aufgefaßt , so wie er seine Zusage verstanden glaubte ; und im Vergleich zu der Harmlosigkeit des bisherigen Verkehrs durfte die Stimmung des heutigen Besuchs Georg wohl eigentümlich erscheinen . Auf dem Stephansplatz sah sich Georg von jemandem gegrüßt , der auf der Plattform eines Stellwagens stand . Georg , der etwas kurzsichtig war , erkannte den Grüßenden nicht gleich . » Ich bins « , sagte der Herr auf der Plattform . » O , Herr Bermann ! Guten Abend « , Georg reichte ihm die Hand hinauf . » Wohin des Wegs ? « » Ich fahre in den Prater . Ich will unten nachtmahlen . Haben Sie etwas besondres vor , Herr Baron ? « » Nicht das geringste . « » So kommen Sie doch mit . « Georg schwang sich auf den Omnibus , der eben weiterzurumpeln begann . Sie erzählten einander beiläufig , wie sie den Sommer verbracht hatten . Heinrich war im Salzkammergut gewesen , später in Deutschland , von wo er erst vor ein paar Tagen zurückgekommen war . » Ach in Berlin « , meinte Georg . » Nein . « » Ich dachte , daß Sie vielleicht in Angelegenheit eines neuen Stückes ... « » Ich habe kein neues Stück geschrieben « , unterbrach ihn Heinrich etwas unhöflich . » Ich war im Taunus und am Rhein , in verschiedenen Orten . « Was hat er denn am Rhein zu tun , dachte Georg , obwohl es ihn nicht weiter interessierte . Es fiel ihm auf , daß Bermann zerstreut , ja beinahe verdüstert vor sich hinschaute . » Und wie steht ' s denn mit Ihren Arbeiten , lieber Baron ? « fragte Heinrich plötzlich lebhaft , während er den dunkelgrauen Überzieher , der ihm um die Schulter hing , enger um sich schlug . » Ist Ihr Quintett fertig ? « » Mein Quintett ? « wiederholte Georg verwundert . » Hab ' ich Ihnen denn von meinem Quintett gesprochen ? « » Nein , nicht Sie ; aber Fräulein Else sagte mir , daß Sie an einem Quintett arbeiten . « » Ach so , Fräulein Else . Nein , ich bin nicht viel weiter gekommen . Ich war nicht gerade in der Stimmung , wie Sie sich denken können . « » Ach ja « , sagte Heinrich und schwieg eine Weile . » Und Ihr Herr Vater war noch so jung « , fügte er langsam hinzu . Georg nickte wortlos . » Wie geht ' s Ihrem Bruder ? « fragte Heinrich plötzlich . » Danke recht gut « , erwiderte Georg etwas befremdet . Heinrich warf seine Zigarre über die Brüstung und zündete sich gleich wieder eine neue an . Dann sagte er : » Sie werden sich wundern , daß ich mich nach Ihrem Bruder erkundige , den ich kaum jemals gesprochen habe . Er interessiert mich aber . Er stellt für mich einen in seiner Art geradezu vollendeten Typus dar , und ich halte ihn für einen der glücklichsten Menschen , die es gibt . « » Das mag wohl sein « , erwiderte Georg zögernd . » Aber wie kommen Sie eigentlich zu der Ansicht , da Sie ihn kaum kennen ? « » Erstens heißt er Felician Freiherr von Wergenthin-Recco « , sagte Heinrich sehr ernst und blies den Rauch in die Luft . Georg horchte mit einigem Erstaunen auf . » Sie heißen wohl auch Wergenthin-Recco « , fuhr Heinrich fort , » aber nur Georg und das ist lang nicht dasselbe , nicht wahr ? Ferner ist Ihr Bruder sehr schön . Sie schauen allerdings auch nicht übel aus . Aber Leute , deren hauptsächliche Eigenschaft es ist , schön zu sein , sind doch eigentlich viel besser dran als andre , deren hauptsächliche Eigenschaft es ist , begabt zu sein . Wenn man nämlich schön ist , so ist man es immer , während die Begabten doch mindestens neun Zehntel ihrer Existenz ohne jede Spur von Talent verbringen . Ja , gewiß ist es so . Die Linie des Lebens ist sozusagen reiner , wenn man schön als wenn man ein Genie ist . Übrigens ließe sich das alles besser ausdrücken . « Was hat er denn , dachte Georg unangenehm berührt . Sollte er vielleicht auf Felician eifersüchtig sein ... wegen Else Ehrenberg ? Auf dem Praterstern stiegen sie aus . Der große Strom der Sonntagsmenge flutete ihnen entgegen . Sie nahmen den Weg in die Hauptallee , wo es nicht mehr belebt war , und gingen langsam weiter . Es war kühl geworden . Georg machte Bemerkungen über die herbstliche Abendstimmung , über die Leute , die in den Wirtshäusern saßen , über die Militärkapellen , die in den Kiosken spielten . Heinrich entgegnete anfangs obenhin , später gar nicht und schien endlich kaum zuzuhören , was Georg ungezogen fand . Er bereute es beinahe , sich Heinrich angeschlossen zu haben , umsomehr , als es sonst gar nicht seine Art war , flüchtigen Aufforderungen ohne weiteres zu folgen ; und er entschuldigte sich vor sich selbst , daß er es diesmal nur aus Zerstreutheit getan hätte . Heinrich ging neben ihm her , oder auch ein paar Schritte voraus , als hätte er Georgs Anwesenheit vollkommen vergessen . Noch immer hielt er den umgehängten Überzieher mit beiden Händen fest , trug den weichen , dunkelgrauen Hut in die Stirn gedrückt und sah , was Georg plötzlich empfindlich zu