das Bächlein herabgefahren , aber ganz klein wie ein Kind , und nicht mehr krank , sondern frisch und fröhlich , jung und lieblich ; im Vorüberfahren pflückte sie links und rechts Blumen vom Uferrand . » Guten Tag , Urgroßmutter « , grüßte er . Da spritzte sie ihm mit der Hand Wasser in die Augen . Und wie er die Augen wieder auftun konnte , war es nicht die Urgroßmutter gewesen , sondern Gesima , welche sich neckisch nach ihm umkehrte und ihn auslachte . Der tückische Postwagen Als Morgenlied pfiff ein Knecht eine Polka , gegenüber im Tenn des Heupalastes , von dessen Dache die Täuberiche gurrten . Dann geschah vom Stalle her ein Poltern und Wiehern , begleitet von melodischem Schellengeläute . Immer neue Glockenspiele stampften heran , in allen musikalischen Farben , bald mit geschüttelten Akkorden , bald mit leise bewegten Einzelgesängen . Und all das Klingeln erzählte Reisemärchen von blauen Bergen und abenteuerlichen Dörfern , in mutiger Schnellfahrt zurückgelegt unter wettsegelnden Wölklein . » Was ist für Wetter ? « erkundigte sich Hansli gähnend . Gerold schlug argwöhnisch die Augen auf . Die Fensterläden waren geschlossen , so daß es ziemlich dunkel um ihn herum war . Aber oben , hart unter der Zimmerdecke , kreuzte eine Schar Fliegen in scharfen Wendungen aneinander vorbei , und in den Winkeln des Zimmers war es nicht düsterer als in der Mitte , das waren verheißende Zeichen . Als er vollends den schmalen Lichtstrahl zwischen den Fensterläden nicht weiß , sondern gelb sah , verkündete er kühn und bestimmt : » Schönes Wetter . « » Falsch ! « verbesserte Hansli , » ich höre , wie es regnet . « » Das ist der Brunnen « , urteilte Gerold . Hansli sprang aus dem Bett und öffnete die Läden . Ein Schwall goldenen Lichtes stürzte durchs Fenster , und gegenüber auf den Ziegeln der Scheune lag ein steifer , rechteckiger Sonnenschein , das Dach halbierend . Aber etwas noch viel Schöneres lag auf ihren Nachttischlein : Schokolade . Woher die kam , hätten sie leicht erraten , wenn sie gewollt hätten ; allein sie wollten nicht raten , aus Besorgnis , der Stolz möchte ihnen sonst verbieten , das Geschenk anzunehmen . Deshalb begnügten sie sich lieber mit der Tatsache und aßens anonym . Derweilen blieben sie liegen , in den Sonnenschein auf dem Scheunendache starrend ; der Sonnenschein starrte ihnen ebenfalls entgegen , darüber ermüdeten ihre Augen und schützten sich mit den Lidern . Bis die fröhliche Tonleiter der Kaffeelöffel auf den Untertassen tänzelte , da sprangen sie hops aus den Betten . Man hatte den drei Kameraden ein besonderes schmuckes Tischlein im Herrenzimmer gerüstet . Auf diesem prangte in einem geblümten Napfe blonder , sandkörniger , in Zöpfen geflochtener Honig ; daneben , in feuchte Weinrebenblätter gehüllt , ein künstlich gestempelter Butterbarren , einen Bären schildernd , der auf einem schrägen Blumenstengel lechzend berganschritt . Während sie sittig um den Tisch herumsaßen , als hätten sie miteinander einen Ferienaufsatz zu ergrübeln , erlitt Hansli einen Rückfall ins Examinatorische . Ob man Brot mit einem d oder einem t schreibe , prüfte er das Mädchen . Sie besann sich ein Weilchen und antwortete dann , solange das Brot frisch und weich sei , schreibe man es mit einem d , wenn es aber alt und hart werde , mit einem t. » Das ist eine ebenso unehrerbietige wie ungenügende Antwort « , rügte Hansli , » Gesima , du erhältst ein schwach in der Orthographie . « Während dessen guckte ihr Gerold schelmisch in die Augen , da er sich erinnerte , daß sie ihm im Traume eine Woge Wasser ins Gesicht gespritzt hatte . Als das so fortdauerte , klopfte sie ihm mit dem Löffel auf die Finger . » Trink ! « mahnte sie . Da trank er geschwind die Tasse aus . Aber jetzt fiel ihm wieder ein , wie er sie gestern abend beim Schopf gepackt hatte , und aus Wehmut darüber schaute er ihr abermals in die Augen , um zu erfahren , ob sie es ihm wohl nachtrage . » Iß ! « rief sie , und stahl ihm sein Butterbrot . Die Türen standen offen zum Empfang der Morgenluft , welche von weitem herkam und würzige Grüße aus fremden Gauen mitbrachte . Drüben in der Bauernstube zog ein Trüpplein Knechte und Mägde ein ; ihre heißen Körper und frohen Gesichter zeugten von rüstiger Früharbeit , nüchternen Mutes auf freiem Felde vollbracht . Wie sie so einer um den andern mit roten Backen , glänzenden Stirnen und schweißglitzernden Armen bedächtig in die kühle , schattige Stube traten , war es anzusehen , als ob jeder von ihnen sechs Quadratfuß Sonnenschein und ein paar Eimer Luftessenz um sich hätte . Zuhinterst , um einen halben Kopf größer als die übrigen , rückte Therese an , aufrecht und zufrieden , in den langen , blaßblonden Zöpfen blaue Bänder , in den Augen Siegesleuchten , in den Scheitelhaaren ein paar Flocken Heu : man spürte es ihr an , daß sie die Lerchen hatte jubeln hören . Sie kam zu den Kindern ins Gastzimmer . Zunächst wünschte sie ihnen einen guten Tag und erkundigte sich , ob sie wohl geruht und gefrühstückt hätten , und ob ihnen nichts mangle . Dann entschuldigte sie die Abwesenheit ihres Vaters ; er habe nach Sentisbrugg fahren müssen , schon in der Frühe , vor sechs Uhr ; er lasse sie aber herzlich grüßen und ihnen eine glückliche Reise wünschen . Hierauf sah sie ins Leere und ließ endlich einen langen eigentümlichen Blick auf den Buben ruhen . » Es hat eine Änderung in Sentisbrugg gegeben « , sagte sie in gedämpftem , fast ehrerbietigem Tone zu ihnen , als ob sie zu Erwachsenen redete , » habt ihrs erfahren ? « Und auch Gesima schaute die Knaben scheu an . » Was für eine Änderung ? « fragten diese . Therese blickte auf den Boden