aufzeichnen , dachte er . Dann hatte er ja auch gar nichts bei sich dergleichen . Er mußte geradezu laut auflachen . » Ich würde sonst nicht zu ihnen finden , mich einfach verträumen , wie dort verschlafen ! so ein Dummkopf wie ich ! « dachte er vor sich hin . Dann hörte er eine Stimme vom Walde her . Noch einmal . Der Frieden der Nacht trug sie herüber . Das machte ihn heiter auffahren , daß er große Bissen aß , unterdessen er schon dem Walde zulief . Die Feuer waren nahe , wie gelbe Wunderblumen in dem blauen Tiefdunkel der nächtigen Waldschatten . Als wenn große Blütenblätter , nur aus Schein gewoben , hastig eilten und flüsterten , dann und wann goldne Funken himmelan wehend . Einhart schlich am Waldsaume im Grase hin . Leise kam es von den träumenden Nachtwipfeln wie Atemzüge und fernes Verrauschen . Dann stand er ganz nahe und konnte den jungen , schönen Zigeuner betrachten , der gestern im Taumel der ärgste war . Hingelümmelt , in einem Strauchschatten halb geborgen und das Gesicht von Lichttupfen sanft überflackert , schien er vor sich zu träumen . Oder er hatte die Augen ganz zugetan ? Einhart traute sich nicht heran . Alle schienen zu schlafen . Ein schwarzer Topf hing über dem Feuer . Die Kinder waren wohl in den Wagen geblieben . Oder nein ! - Einhart schlich , daß der Waldgrund kaum knisterte , näher . Man lag wie Dunkelflecken herum . Um die Ecke am zweiten Feuer lagen zwei Männer , die im Scheine mit Karten schlugen und nicht sprachen , nur dann und wann murrten . Das Feuer brannte ihnen helle Farben an , daß die Köpfe aus der Dunkelnacht glüh herausragten , sinngebunden und achtlos . Die beiden Zigeunerdirnen schritten behutsam aus einer Schattenecke . Oh ! es war nur Franziska , die Ältere , und ihr Luftbild , das vom Feuerschein geweckt in den nächtigen Wiesennebeln mitging . » Du ! « sagte sie ganz leise und zärtlich , » ach , du ! « - » Nein - nein - nein ! « sagte sie ganz verhalten , offenbar von dem Wunsche getrieben , dem rätselhaften Nachtgetümmel der Träume um Stamm und in den Kronen , in den Silberflächen der weiten Nachtfluren und Felder , in dem bleichblauen Sternengrund und dem schlafenden Lager rings nichts zu rauben . Und sie drängte Einhart ohne Hast , ganz kindlich gelaunt , tiefer in den Wald hinein . Einhart begann das Herz lauter zu schlagen . Er hatte noch nie ein fremdes Mädchen so nahe gefühlt . » Da mußt du nur nicht dich rühren ! « sagte sie . » Ganz nur stille sein , du kleiner Herr ! « sagte sie eilfertig und mußte lachen . Aber niemand im weiten Walde hörte ihr Lachen , als nur der Silberschein , der ihnen zu Füßen in das Nachtgras glitt . Einhart sah das dunkle Mädchengesicht , das jetzt auch ganz silbern umflossen war , nahe vor sich . Er fühlte den weichen , schmiegsamen Leib ganz nahe , daß ihm das Herz bis zum Springen schlug , rätselhaft und froh . Die lachende Dirne hing an seinem Halse und preßte ihn . Sie küßte ihn leise auf den Mund . Sie atmete nicht . Wie zu einem unbegreiflichen Zauber sog sie sich lieblich und zärtlich nur immer fester und fester an seine Lippen . Einhart hatte nie begriffen , was küssen ist . Niemals hätte er seine Schwestern küssen mögen . Da hätte er einfach lachen gemußt . Er hatte höchstens einmal die Backe drollig hingehalten , wie wenn er rasiert werden sollte , daß dann Frau Selle der Backe einen Klaps und einen Kuß zusammen darauf gab . Nun erregte es ihn unglaublich froh , wie sich die kleine Lacherin inniger und inniger ansog . Es schmeckte wie Walderde und Harz . Und wie er stumm lächelte , sog auch er . Daß er den Atem nicht atmete . Daß er das Leben nicht lebte . Daß die Stunden der Nacht ungehört und unbegreiflich gingen . Ein Geschrei störte sie . Einhart war , als die Lippen auseinander sich lösten , eine kleine Böschung erschreckt hinabgeglitten , gerade als der Schrei sich neu wiederholte . Das Mädchen sprang fort . Die Alte hatte nach ihr gerufen . Dann lag Einhart einsam die Nacht in einem Leben und in einem Lieben ohne Ende , und flog in Träumen , und sah , wenn er die Augen rätselhaft auftat , die Sterne im Räume schweben und hörte nicht Menschenlaut rings , nur die Tannenkronen ziehen und leise raunen , und eine fremde Nachtstimme schrillen , gleich neu aufgesogen , weil ein Sturmstoß in den Wipfeln sich verfangen und wer weiß welchen Vogel geweckt hatte , der sich aufhob . Am Waldrande verglühten die Feuer kaum noch in der Asche . Die Pferde lagen hingestreckt . Die Menschen lagen hingestreckt . Alles schlief . 9 Einhart war nicht zur Salzsäule bestimmt . Zurückblicken war gar nicht seine Sache . Er war wie ein Kind vor reichen Tafeln . So lange er Augen und Sinne reichlich voll hatte all der schönen Dinge , wenn braune Zigeunermänner verächtlich und hart aus den Wagenkellen und unter den halberhobenen Planen der Wagen schreiend sich streiten , und die kleinen bissigen Pferde nach Fliegen oder sonst um sich schlagen , die halbnackten , verwahrlosten Weiber gleichgültig geschäftig und die lumpigen Dirnen sanft ohne Maß neben einem schlendern mit Ziegen am Stricke , da war Einhart heimlich zum Jauchzen sogar , zum in die Lüfte springen zu Mute , und er gab seiner Laune auch durch allerlei Drolligkeiten Ausdruck . Schon daß er noch viel toller wahrsagen konnte , wie die Dirnen , nicht nur aus den schwieligen , dünnen Händen , aus den Wärzchen am Halse , aus den knisternden Haarsträhnen , in denen Strohhalme hingen , und aus den langen Zehen von Lisa