blieb Sylvia nicht im Salon . Gleich nach dem Diner , bei dem sie die Schüsseln beinahe unberührt vorübergehen ließ , zog sie sich , heftigen Kopfschmerz vorschützend , auf ihr Zimmer zurück . Sie wollte beichten . Zuerst ihr Gewissen erforschen und dann Beichte ablegen - sich selber . Und sich wahrscheinlich eine Buße diktieren - denn die Sünde , die sie in der bevorstehenden Gewissenserforschung zu finden fürchtete , verdiente nicht - ohneweiteres - die eigene Absolution . Bei Tische hatte die Unterhaltung einmal einen höheren Ton angeschlagen als gewöhnlich . Rudolf und Hugo , die einander gegenüber saßen , waren in ein Wortgefecht geraten , das bald so lebhaft wurde , daß alle anderen Gespräche verstummten und die ganze Gesellschaft den beiden jungen Männern lauschte : » - - Und ich sage , lieber Bresser , das höchste ist die Tat . « » Ich bleibe dabei , Graf Rudi , als Höchstes thront der Gedanke , schon deshalb , weil er einsam sein kann - in Gletscherhöhen schweben . Ich weiß in der Geschichte keine sogenannte Tat , durch die die Menschheit bereichert und geadelt worden wäre - das ist immer nur das Werk großer Gedanken gewesen . « » Die erste Stufe kann doch nicht höher stehen , als die nächste . Zuerst denkt - dann handelt man . Das Wort muß Fleisch werden , die Idee muß eine Form beseelen . Das Gedachte muß sich bejahen , durchsetzen , muß geschehen , muß - mit einem Wort - getan werden ; entschlossen , kräftig , wuchtig getan . « » Diese Worte passen auf Faustschläge , auf Gewaltakte überhaupt . Es wundert mich , daß gerade Sie , der Friedensanwalt , so sprechen . « » Eben weil ich Anwalt einer Idee bin , lechze ich darnach , daß sie sich in Taten umsetze , in Institutionen verkörpere . « » Das geschieht von selber , wenn die Idee erst mächtig genug geworden . Eine Institution ist nicht lebensfähig , wenn sie vorzeitig erzwungen wird ... Was verstehen Sie übrigens unter Institutionen ? Gesetze ? Verfassungen ? Politische Formen ? Anstalten und Körperschaften ? Wie ist das alles so nebensächlich , so unwichtig gegen das Reich des Geistes ... des täglich wachsenden , immer lichtere Höhen erklimmenden Menschengeistes ... « » In wie wenig Köpfen ! « ... » Die vielen folgen langsam nach . « » Die folgen nur dem sichtbar - also dem tatgewordenen Gedanken - « » Übrigens : - noch wertvoller als Handeln und als Denken ist das Gefühl . Gefühl ist der Gipfelpunkt des Lebens ... Ist auch der Regulator , all der sogenannten Institutionen : Das Gefühl , nicht das besonnene Urteil der Massen , kann als Gradmesser der Kultur gelten . Nur im Bereiche des Gefühls entfalten sich die reichsten Blüten der Seele : das Mitleid , die Begeisterung , die Andacht , und die Krone alles Seins - die Liebe . Aus dem Gefühle strömt die Schöpferkraft des Künstlers und flammt die Lust des Kunstgenießens ... Auch des Naturgenusses ; nicht was wir an der Rose riechen ist , was uns entzückt , sondern was wir beim Einatmen ihres Duftes mit allerlei verketteten Vorstellungen und Erinnerungen fühlen ; was wir an Akkorden und Tonfolgen hören , ist Lärm , erst was wir daraus fühlen , ist Musik - - « » Was der für geschwollenes Zeug redet , « flüsterte Delnitzky seiner Braut zu . » Paß nicht auf , reden wir lieber von - « Sylvia machte eine abwehrende Handbewegung , kehrte sich noch mehr von ihrem Nachbar weg und blickte mit gespannter Miene auf den Sprecher . Dieser fuhr fort : » Durch das Gefühlte - Inspiration , Ahnung , Leidenschaft - wächst man über sich selbst hinaus . Augenblicke , in denen der Mensch zum Gotte wird - es sind nur Augenblicke , nicht Tage , nicht einmal Stunden - sind Augenblicke überströmenden Gefühls ... ... Der Dichter , der Seher , der Liebende weiß , was solche Augenblicke sind . ... Wer sie erlebt hat , ist geweiht - der gäbe die Erinnerung daran nicht um schwere Schätze her ... Einer solchen Erinnerung - « Hugo nahm sein Glas zur Hand und stand auf - » ich besitze sie erst seit heute - trinke ich nun zu , und wer einen Augenblick erlebt hat , der ihn über alles Irdische erhoben , stoße mit mir an ! « » Mit anderen Worten , « sagte Oberst von Schrauffen , der neben Hugo saß und Bescheid tat , » unsere schönen Erinnerungen hoch ! « Damit war der etwas überspannte Ausfall des jungen Schriftstellers auf ein allgemein verständliches Niveau gebracht und die Gläser klirrten : » Unsere Erinnerungen hoch ! « hieß es um die ganze Tafelrunde . Delnitzky fand ein für einen Bräutigam glückliches Wort : » Höher noch unsere schönen Erwartungen ! « Sylvia hatte Hugo zugetrunken - auf den Toast Antons gab sie nicht Bescheid . Als sie in den Salon gingen , fragte Delnitzky seine Braut , die er am Arm führte : » Warum hast Du vorhin nicht mit mir angestoßen ? « » Laß mich , « antwortete Sylvia in nervösem Tone , - » ich habe Kopfweh . « Und dieses Kopfweh ward ihr zum Vorwand , sich ohne Verzug zurückzuziehen . In ihrem Zimmer angelangt , war ihr erstes , die Fenster aufzureißen . Vorsichtshalber war von der Dienerschaft , als das Gewitter losging , alles verschlossen worden , aber jetzt war das Unwetter vorbei und Sylvia lechzte nach Luft . Die Sonne war schon untergegangen , aber noch war es Tag . Abgekühlt , regenfeucht , schwer duftend strömte die Luft herein . Von den Bäumen und Büschen tropfte es noch herab ; am Horizont , bald hier , bald dort , flammte es wetterleuchtend auf - ein förmliches Lichtgeknatter ... Sylvia ließ sich ein paar Minuten von den fächelnden Lüften die heiße Stirne