ihm übrigens , trotzdem sie entschieden die hübschere von beiden war , nicht halb so gefiel als die sanfte , ätherische Lotte . Dann war die Hut-Angelegenheit als erste Programmnummer gefolgt . Sie war sehr glücklich abgelaufen . Frau Wohlgebrecht hatte dem Entwurf ehrliches Lob zollen können . Nachdem man belegte Butterbrode verspeist und dazu Thee und helles Moabiter Bier getrunken hatte , war es ans Vorlesen gegangen . Von diesem Augenblicke an hatte die Missstimmung begonnen . Zunächst hatte Schmittlein noch im letzten Augenblick , als er grade beginnen wollte , das vor ihm liegende Manuskript gegen ein anderes vertauscht . Was er für Lotte allein ausgewählt - die gute Tante kam dabei nicht in Betracht - wollte er der fremden Schwester nicht preisgeben . Sie sah ihm ganz danach aus , als ob sie an seinen Werken nicht nur kein Gefallen finden würde , sondern sich auch nicht genieren würde , ungeschminkte Kritik daran zu üben . Kaum hatte er dann mit dem Lesen begonnen , so war die Ladenklingel in Bewegung gesetzt worden . Dieser Zwischenfall , der sonst kurz vor acht Uhr überhaupt nur selten noch einzutreten pflegte , wiederholte sich vier bis fünfmal . Lotte empfand dieses ewige Kommen und Gehen in einer so weihevollen Stunde wie eine persönliche Bosheit gegen den Dichter , und Schmittlein selbst schien nicht weit von dieser Ansicht entfernt . Wenigstens warf er , als die Klingel kurz vor halb neun Uhr noch einmal anschlug , das Manuskript heftig bei Seite und verschwor sich , während seiner Kulischaft - keine der drei Damen ahnte , was er damit meinte , - weder Tinte noch Feder mehr anzurühren . Endlich , nach Ladenschluss , war es ruhiger geworden . Aber mit der Stimmung war es doch vorbei . Als Schmittlein überdies bemerkte , dass seine Arbeit keinen sonderlichen Eindruck machte , unterbrach er sich und legte das Heft missmutig bei Seite . Auf allseitiges Drängen , hauptsächlich aber auf einen bittenden Augenaufschlag Lottes hin , nahm er dann noch ein anderes Heft zur Hand , eine Gedichtsammlung : » Lieder eines Missvergnügten « betitelt . Ob diese galligen Gedichte von ihm selbst oder einem seiner Freunde stammten , erfuhr niemand von den Anwesenden . Ehrlich gestanden gelüstete auch keinen nach einem näheren Aufschluss , denn diese Verse mit ihrer schwarzgrauen Lebensweisheit gefielen nicht einmal Lotte . Sie waren noch schlimmer als das Gedicht von dem sterbenden Mädchen und dem garstigen Elend der Armut . So war nach ein paar unerquicklichen Stunden im Grunde jeder froh , als der Abend zu Ende ging . Nachdem die Schwestern das Haus verlassen hatten , überhäufte Gerhart in seinem nervösen Unmut die unschuldige Frau Wohlgebrecht mit Vorwürfen für den Missgriff , Lena mit eingeladen zu haben . Dieser Umstand sei einzig an dem verfehlten Abend schuld . Da ihr Lena selbst nicht sehr sympathisch erschienen war , und ihr die Enttäuschung des armen Jungen leid that , wusste sie nicht allzu viel zu ihrer Entschuldigung vorzubringen . Dagegen vertröstete sie gutmütig auf ein anderes , gemütlicheres Beisammensein mit Lotte . Aber Gerhart war nicht so leicht zu beruhigen ; sein einziger geheimer Trost blieb der , dass er hoffte , Lotte dazu zu vermögen , unter vier Augen mit ihm zusammen zu kommen . Lena rächte sich indessen instinktiv für das hinter ihrem Rücken über sie gefällte Urteil , indem sie ihrerseits über alles spöttelte , was sie bei Frau Wohlgebrecht gefunden hatte . Ueber die » spiessige « Einrichtung des einzigen Wohnzimmers , über den kleinbürgerlichen Ton der Frau und ihr breites , behäbiges Wesen , über den engen , kleinlichen Zuschnitt des Geschäfts , vor allem aber über Herrn Schmittleins famose Dichtungen . Nein wahrhaftig , wenn der Talent hatte , so hatte sie es auch . Lotte verlor zu Anfang den Kopf und weinte bittere Thränen über Lenas herzlose Auffassung und ihren schnöden Undank für die gebotene Gastfreundschaft . Dann raffte sie sich auf und verteidigte ihre neugewonnenen Freunde . Ja , sie scheute sich nicht , Lena heftige Vorwürfe über das spöttische Wesen zu machen , das sie den ganzen Abend über zur Schau getragen hatte . Die Verstimmung auf Lottes Seite sass so tief , dass sie ganz gegen des Mädchens Gewohnheit mehrere Tage lang anhielt . Vielleicht hätte man sich auch dann noch nicht ganz verständigt , wenn nicht etwas dazwischen gekommen wäre , das bis auf weiteres alles andere in den Hintergrund drängte - Lenas Anstellung . Freilich bat Lotte vergebens , Lena möchte Frau Wohlgebrecht , die so warmes Interesse für das bevorstehende Ereignis gezeigt hatte , Mitteilung von ihrer Anstellung machen . Lena wehrte sich energisch . Nein , sie wollte nichts mehr mit diesen Leuten zu thun haben . Von Berlin erwartete sie sich denn doch einen anderen Umgang , als den Verkehr mit einer kleinen Ladenbesitzerin und einem eingebildeten Dichter . Lotte würde bald sehen , dass sie den nicht nötig hätte . Heut könne sie noch nichts verraten , aber bald würde es sich offenbaren und dann würde Lotte Augen machen . Lotte machte schon jetzt Augen , aber betrübte , über Lenas Eigensinn . Bald aber trat die lichte Seite des Ereignisses gänzlich in den Vordergrund . Lena würde von nun ab ein erhebliches zu dem Hausstand beisteuern können , und wenn der Weihnachtsmonat für Lotte lohnende Arbeit brachte , konnte man der nächsten Zukunft wieder ein wenig ruhiger ins Auge sehen . Und wirklich trat dieser glückliche Umstand ein , nicht zuletzt durch die gütige und angelegentliche Empfehlung der Frau Wohlgebrecht . Hätte Lotte nur gewusst , wie sie der prächtigen Frau ihren Dank abtragen sollte ! Als eines Nachmittags gar die junge Frau eines Kommunallehrers erschien und sich auf Frau Wohlgebrecht berufend , drei Hüte für ihre drei kleinen Mädchen zum Fest bestellte , da fühlte Lotte das unabweisbare Bedürfnis , ihrer Wohlthäterin , trotzdem Frau Wohlgebrecht nichts davon wissen wollte , zum mindesten einen besonderen Dankbesuch abzustatten . Als