verschiedensten Städten durchgestöbert . Hingegen brächte sie einige alte Königinnen von Gottes Gnaden mit , bei denen sich allerdings leider nachweisen ließ , daß ihre besten Regierungsformen ihnen von ihren männlichen Beratern eingeflößt waren . Sie können sich die Entrüstung Frau von Kranbüchlers und unserer aller vorstellen . « » Aber ich versteh nicht « meinte Hildegard lächelnd , » hätte denn die junge Dame selbst Erfinderin werden sollen ? « » Nein , aber besser suchen hätt sie sollen . Ich bitte Sie . Denken Sie zum Beispiel nur an die alte Wäscherin Jambe . Was wären die klassischen Dramendichter ohne sie ? oder Arachne , die das Sticken erfunden hat , und - « » Guten Abend . « Ein blondes Mädchen , hoch und lang wie der Arm eines Ziehbrunnens in der Pußta , neigte sich zu Elvira . » Was macht die kleine Millern ? Hat sie die Diphteritis gut überstanden ? « » Fräulein Frett - Frau Wallner « stellte Elvira vor . » Ja , die kleine Millern hat die Diphteritis gut überstanden . Und wie gehts Ihrer Langenweile ? Führen Sie die noch in Gesellschaften spazieren ? « » Ah , Sie sind aber bös , nein wirklich . Was soll die gnädige Frau von mir denken ? « » O , die denkt gar nichts « sagte Elvira burschikos ; dann stieß sie Hildegard leise an . » Wollen Sie uns nicht ein wenig Gesellschaft leisten , Fräulein Frett ? « Die lange Dame ließ sich zögernd nieder . » Ich sollte eigentlich Frau von Werdern begrüßen ; ich fand noch nicht Gelegenheit , sie diesen Abend zu sprechen . Ich komme geradeswegs von der Gemäldeausstellung hierher . « » Ah « rief Elvira , » ich hatte noch keine Zeit hinzugehen ; giebts etwas Schönes dort ? « » Schönes ? « Fräulein Frett spitzte die Lippen und sah in ihren Schooß . » Schönes grade nicht , aber Anzügliches . « Elvira wiegte den Kopf . Ei , ei , schau , schau , was Sie alles entdecken ! Was ist denn so Anzügliches dort ? « » Ach Gott , so . Adam und Eva .... « » Na hören Sie mal , damals hats noch keine Wollwebereien gegeben . « » Badende Knaben - aber das Stärkste , nein ! « » Na was denn ? « » Eine junge , wenig bekleidete Mutter , die eine Mißgeburt an die Brust drückt . « » Eine Mißgeburt ! Pfui Däubchen , das muß ich sagen ! So etwas gehört in Präuschers Museum , aber nicht in eine Gemäldesammlung . Scheußlich ! Was für eine Monstrosität hat denn das Wurm ? « » Ganz spitz zulaufende Ohren , und sag ich Ihnen , zwei Hörner , ja wahrhaftige kleine Hörner . Wahrscheinlich will angedeutet werden , daß die Mutter sich in einen Ziegenbock versehen hat . « » Aber nein « rief Hildegard in lautes Lachen ausbrechend , » das ist ja die Nymphe mit dem Faun , die Sie da schildern . « Elvira rieb sich vor Vergnügen die Hände . » Natürlich , selbstverständlich , ich bitt Sie , Fräulein Frett , wo wird man denn eine solche Abscheulichkeit an die Wände eines Kunstinstituts hängen . « » Nein , wirklich - - « protestierte das Fräulein ; aber Elvira ließ sie nicht zu Worte kommen . » Lehrerin der vierten Klasse einer als ausgezeichnet bekannten Mädchenschule , bravo , bravo ! Was sagen Sie zu dieser Seelenunschuld , Frau Wallner ? « Hildegard drückte das Taschentuch vor die Lippen . Fräulein Frett lächelte geschmeichelt , daß man sich über sie so erregte . » Und es ist doch so « meinte sie gelassen , » es ist eine Mißgeburt und kein Faun . - Übrigens da sehe ich Frau Lindhorst . Sie hat neulich die Adresse meiner Modistin wissen wollen und ich konnte sie ihr nicht genau angeben . Adieu meine Damen . « » Ist sie nicht köstlich ? « fragte Elvira . Hildegard kam sich vor wie in der Nähschule vor zehn Jahren , wo sie ihre Freundinnen und Bekannten mit durchhecheln half . Später brach man auf . » Dienstag Abend auf Wiedersehen « sagte Frau von Werdern , » es soll keine von uns fehlen . « Als Hildegard zu Hause war , setzte sie sich an den Tisch , um an ihren Mann zu schreiben . Aber die Bitte um Geld wollte ihr nicht aus der Feder . Sie schob Briefbogen und Tinte zurück . Nein , lieber Zeitungsausträgerin werden , als das Ansuchen an ihn stellen . Drei , vier Tage kam sie ja noch aus , wenn sie recht sparte . Vielleicht war bis dorthin etwas gefunden . Wenn sie sich früher in eine solche Situation hätte hineindenken sollen ! Wenn Einhart durch sein Verschulden sie dahin gebracht hätte ! Aber für seine Ideale erträgt man auch die Bürde des Schwersten . Ideale ? 8 Der nächste Tag war ein Sonntag . Hildegard schlief lange , setzte sich dann ans Fenster und starrte in den trüben Schacht hinab , aus dessen Tiefe ihr feuchter Modergeruch entgegendrang . Zum Frühstück zu gehen , getraute sie sich nicht , ihrer spärlichen Geldmittel wegen . Später verließ sie das Haus und begab sich auf Umwegen in die Pomona . Fräulein Kampfmann war heute bei Bekannten zu Tisch gebeten und nicht anwesend . Fräulein Glanegg hatte eine ältere , abschreckend häßliche Person neben sich sitzen , mit der sie sich aufs angelegentlichste unterhielt . Hildegard entfernte sich , nachdem sie ihr einfaches Essen eingenommen hatte . Wieder ging sie planlos durch fremde Straßen mit fremden , drängenden , hastigen Menschen . Das Herz war ihr überaus schwer . Dazu war die Luft von dickem gelblichen Nebel angefüllt , der kein freies Aufatmen zuließ . Infolge des Sonntags hatten alle Geschäfte ihre grauen Rollladen herabgelassen und die ganze Stadt sah aus , als habe