seiner Klasse gemäß war , aber in seinen Aufsätzen war eine gewisse Art von Liebe am Ausdruck . Ungemein oft kam bei ihm das Wort Gott vor . Gleichviel , was er zu schildern hatte : Den Bau des Maikäfers , die Schlacht bei Salamis , die Pflicht , fleißig zu sein , die Ferienreise , - immer lief Alles auf Gott hinaus . Gott , das war ihm jetzt , was ihm Miokovitsch gewesen war , das schlechthin Große , Fabelhafte . Den alten Pastor , der ihm den Konfirmandenunterricht erteilte , setzte er in ewige Verlegenheiten . Was ist Gott ? fragte Pastor Schulze . - Ein kolossales Wesen . - Nicht doch , Stilpe . Wie heißt es im Katechismus ? Nun , das wußte er wol auch . Aber das genügte ihm nicht . - Herr Pastor : Ist Gott größer als das Königreich Sachsen ? - Gott ist so groß , daß ihn menschliche Worte nicht ausdrücken können . - Herr Pastor : Kennt mich Gott ? - Freilich , denn er kennt alle Dinge . - Wenn ich bete , hört er mich ? - Freilich , freilich , und er freut sich , wenn Du betest . - Wenn nun aber Rammer auch betet , wem hört er denn da zu , Rammern oder mir ? - Dir und Rammern und Millionen anderen ! - Aber vergißt er denn nicht manchmal was ? - Nie , Stilpe , er weiß jeden Laut und jeden Gedanken , selbst das Summen der Biene versteht er . - Merkt er es auch , wenn ich nicht bete ? - Er merkt es und zürnt . - Warum denn ? - Weil es Christenpflicht ist , zu beten . Erinnere Dich doch , was ich euch über das Beten gesagt habe . - Ja , ja , ich weiß . Aber , wenn er mir nun nicht erfüllt , was ich bete ? - Schweig endlich und frag nicht unnütz . Du hast mir selber ja vorige Stunde ganz genau und gut geantwortet . Bleibe fest bei dem , was ich Dich lehre . Gott liebt die unnützen Frager nicht . Aber Willibald konnte es nicht lassen , wenigstens für sich zu fragen . Zwar glaubte er felsenfest , was er im Katechismus gelernt hatte , denn es gereichte ihm zu großer Genugthuung , daß er durch solchen Glauben fähig werden sollte , in die Gemeinde der Gläubigen , was so viel wie der Erwachsenen hieß , aufgenommen zu werden , aber das war eine Sache für sich , das war etwas Feststehendes wie die Katechismusstunde im Stundenplan , das ging die Fragen eigentlich gar nicht an . Er glaubte , weil es ja eine Schande gewesen wäre , nicht zu glauben , und weil er zudem in der Religion der Erste war . Das Fragen war mehr ein Spiel mit Gott . Es ging ihm keineswegs tief . Es lief nicht auf Zweifel hinaus , wollte nicht etwa dahin kommen , daß plötzlich mal keine Antwort mehr da wäre . Nein , es geschah in der wunderbaren Zuversicht , daß man über Gott das Unmöglichste erfragen dürfe , und es würde doch immer eine Antwort kommen . Überdies war Willibald trotz aller Worte des Pastors davon überzeugt , daß er gerade durch seine Fragen Gott sehr interessant werden müsse , und er fing einen förmlichen Sport damit an , Alles in Beziehung zu Gott zu setzen . - Wenn ich jetzt der Fliege ein Bein ausreiße , so ärgert sich Gott . - Halt ! jetzt werde ich so thun , als wollte ich ihr ein Bein ausreißen ... Was für ein Gesicht wird er da machen ! - Aber nein : Ich lasse sie fliegen . Jetzt freut er sich . - Heute werde ich bei jedem Bissen , den ich in den Mund stecke , inwendig sagen : Ich danke Dir Gott ! Und wenn ichs einmal vergesse , so will ich nicht weiter essen . Aber er führte es nur bei der Suppe durch . Beim Braten vergaß ers bald und aß doch weiter : Die Andern habens ja nicht einmal bei der Suppe gesagt ! Christus interessierte ihn viel weniger , und der Heilige Geist gar nicht , obwohl er im Katechismus über sie ebensogut beschlagen war , wie über Gott . Es wäre ihm nie eingefallen , Christus etwa zum Orakel zu machen , wie ers mit Gott unzählige Male that , dem er die Entscheidung über die geringfügigsten Dinge ließ . - Soll ich meine lateinischen Vocabeln noch einmal durchgehen ? Ich zähle bis zwanzig , und wenn der Inspektor sich auf dem Katheder rührt , sagt Gott : Ja . Aber , wenn sich der Inspektor rührte , so galt dies doch nicht sogleich , denn es mußte ein deutliches Rühren sein , und wenn er etwa bloß eine Hand erhob , so hatte Gott schon Nein ! gesagt , und das Vocabularium wurde zugeklappt . Es gab unter den Zöglingen auch einige Katholiken . Die verachtete Willibald unsäglich . Der Pastor hatte durchaus nicht eigentlichen Anstoß dazu gegeben , aber es genügte schon das Wenige , was er gesagt hatte , um Stilpe mit der Überzeugung zu erfüllen , daß sie mit seinem Gott nichts gemein hatten . Unter den Jungen fehlte es nicht an Schimpfnamen gegen die katholische Minderheit . Die gebrauchte Stilpe selten oder gar nicht . Aber » so ein Katholischer « kam ihm innerlich wie aussätzig vor . Da die meisten Katholiken unter den Schülern Ausländer waren , so erhielt dieses Gefühl der stillen Verachtung noch einen Beiton von Deutschgefühl . Darin war er auch sonst sehr stark . Ein » Bardenlied « von Willibald begann mit den Worten : Wir Germanen schleudern mit Speeren Nach Römern und nach Bären Und trinken Meth ! Unter Meth stellte sich Stilpe etwas ungemein Süßes vor , das aber doch wie Lagerbier wirkte . Alles in Allem