ist jüngst ein Einfall gekommen . Ich will Ernst bestimmen , daß er nette Leute zu uns bringt . Was meinst Du ? Leide ich nicht ebenso wie Du unter dem Einerlei ? Den ganzen Tag fast allein , das traurige Gesicht Mathildens vor mir ... Immer kann man auch nicht lesen . Wir wollen uns ins Leben stürzen , willst Du ? « Johanne lächelte . » Aber wie fängt man das an ? « 5 Eines Tages sagte Herr Wewerka bei Tisch : » Fräulein Johanne , Ende dieser Woche werden wir einige Gäste bei uns sehen . Auch Ihre Freundin Alice mit ihrem Mann . Es ist Ihnen doch nicht unangenehm « . » O ich freu mich darauf « sagte Johanne überrascht ; dann grübelte sie , ob die kleine Frau das so eingefädelt hatte , und warum sie nicht bei sich , wo es doch viel hübscher war , die Gäste empfinge . Sollte etwa Mathildens Gegenwart daran schuld sein ? Schämte Alice sich , die Gäste von ihr bedienen zu lassen ? Der Sonnabend kam heran . Johanne hatte sich auf Frau Wewerkas Rat ein einfaches Kleidchen machen lassen , das ihre schöne , schlanke Gestalt vorteilhafter hervorhob , als die plumpen Nähkünste von Sienenthal es thaten . Frau Wewerka lieh sich aus einer Anstalt das nötige Service aus und bestellte die bekannte Kochfrau . Das unfreundliche Dienstmädchen machte zum erstenmal ein etwas heiteres Gesicht . Sie hoffte auf Trinkgelder . Die ersten Gäste , die eintrafen , waren Schülers . » Frau Borstig hat abgesagt , aber ihr Mann kommt « sagte die Hausfrau . » Sie hat wohl ihr gutes Kleid versetzt « meinte Schüler boshaft . Dann machte er Johanne den Hof . Alice sah reizend aus in ihrem dekolletierten blauen Kleidchen und dem hochfrisierten Haar . Es war nicht zu leugnen , ein wenig kokottenhaft sah sie aus ; aber jede Französin , wenn sie nicht alt und häßlich ist , sieht geputzt so aus . Man saß einige Zeit im Wohnzimmer , wo Frau Wewerka zum erstenmal Johanne empfangen hatte . In der Abendbeleuchtung machte es sich ganz elegant . Die Nippessachen aus dem Fünfzig-Pfennigbazar , die auf Konsolen und Schränken umherstanden , verloren an Wertlosigkeit unter dem verklärenden Licht der rotbeschirmten Lampen . Man erwartete zehn Gäste . Frau Borstig hatte abgesagt , also kamen nur Herren . Kurz nach der anberaumten Stunde stellten sich die Geladenen ein . Herr Borstig und Herr Berner , Herr Doctor Lang und noch andere Namen klangen an Johannes Ohren . Sie war verlegen und hielt sich beharrlich an Alices Seite . Man redete zu ihr , sie antwortete zerstreut ; endlich trat ein Herr zu ihr und bat um die Ehre , sie zu Tisch führen zu dürfen . Johanne sah ihn ratlos an . Ob er sich ihrer Verlegenheit erbarmen würde ? Er that es . » Gnädiges Fräulein sind wohl erst kurze Zeit hier , ich hatte noch nirgends das Vergnügen , Ihnen zu begegnen « . Er war ein hochaufgeschossener junger Mensch mit einem Durchschnittsgesicht und einem faden Lächeln um den süßlichen Frauenmund . Johanne sah ihn heimlich an und bemühte sich , aus seinem Aeußern zu erkennen , welchen Standes oder wes Geistes Kind er sei . » Ja , ich bin noch nicht lange hier « sagte sie unbeholfen . » Und gefällt es Ihnen bei uns ? « » Mit jedem Tage weniger « gestand sie . » Warum ? « fragte er ein wenig interessiert . » Es ist sehr öde in dieser Stadt « . » Oede « lachte er , » eher alles , als das . Vielleicht leben Sie nicht , wie man in einer solchen Stadt leben muß , um sie kennen und lieben zu lernen « . » Ich wüßte nicht , wie ich anders leben sollte . Ich studiere hier « . » Ah ! Gehen Sie auch in Gesellschaften , Theater ? « Sie schüttelte den Kopf . » Dieses ist die erste Gesellschaft , die ich mitmache « . Ein geringschätziges Lächeln zuckte um seinen Mund . » Wewerkas führen ein sehr zurückgezogenes Leben . Früher traf man öfters mit ihnen zusammen « . » Sind Sie befreundet mit ihnen ? « » Gewiß « . Er sah sie ironisch an . » Wir sind alle befreundet hier « . In diesem Augenblick gab die Hausfrau ein Zeichen . Es entstand ein fröhlicher Tumult . Da die Damen in der Minderheit vorhanden waren , faßten sich etliche der Herren scherzend unter den Arm und führten einander zu Tische . Plötzlich hörte sie hinter sich flüstern : » Machen Sie mir das Kind nicht verrückt « . Sie sah sich um und blickte in Schülers lächelndes Gesicht . Bei Tisch saß ihr gegenüber Alice , deren Nachbar Johannes Begleiter verständnisvolle Blicke zuwarf . Während die Andern durcheinander schwatzten und schrieen , sagte Johanne leise : » Ich habe Ihren Namen vergessen , entschuldigen Sie « . Ihr Nebenmann lachte . » Das zeigt mir , wie wenig berühmt ich noch bin , sonst hätten Sie ihn im Gedächtnis gehabt , noch bevor Sie mich persönlich kannten . Ich heiße Babinsky « . Sie sah ihn fragend an . » Sind Sie Künstler , weil Sie vom Berühmtsein sprechen ? « » Ach , gnädiges Fräulein « - » O bitte , lassen Sie das : gnädig , ich bin ein einfaches Mädchen « . » Ich bin Schriftsteller ; ob ichs schon zum Künstler gebracht habe , weiß ich nicht . Die Welt behauptet es « . Er schluckte ein großes Stück Fleisch hinab . » Aber ich - ich bin natürlich unzufrieden mit mir , wie es alle bedeutenden Geister mit sich sind . Haben Sie auch von meinem Freund Mink noch nichts gehört ? « Er deutete auf Alicens Tischnachbar hinüber . » Was ist er ? « Sie schämte sich innerlich über ihre Unwissenheit