Er lächelte , seltsam verträumt . » Ich bin der Meinung , daß meine Jugend erst begonnen hätte . « Kitty lachte gezwungen . » Das ist riesig komisch ! Jugend hat Rosengeruch . Du riechst nach Akten . Armer Tas ! Na , gute Nacht ! « Sie wollte gehen ; der Bruder faßte ihre Hand und hielt sie fest ; seine Augen hatten Glanz , und ein bekennendes Wort schien auf seiner Zunge zu liegen ; doch er lächelte wieder . » Gute Nacht - du Kind ! « Kitty schlich davon , bummelte durch den Flur , an dessen Wänden die wirren Schatten der vielen Geweihe leise zuckten , und stieg über die Treppe hinauf . Seufzend öffnete sie die Tür ihres Zimmerchens , tappte in die Finsternis und machte Licht . Der kleine Raum hatte ein freundliches Ansehen , ohne zu verraten , daß hier die Tochter eines Edelmannes wohnte , dessen Besitz nach Millionen zu zählen war . Graf Egge , der auf seinen Jagdreisen und Pirschgängen , wenn es eine seltene Beute zu machen galt , das Nachtlager auf blanker Erde nicht scheute , hatte auch seine Kinder nie verwöhnt ; nur zur Hälfte aus Überzeugung , zur andern Hälfte aus einer Eigenschaft , für welche Sparsamkeit das mildeste Wort ist . Er knauserte in allen Dingen , die nicht die Jagd betrafen ; seine drei Söhne hatten knapp bemessene Apanagen , aber seine Hirsche Winterfutter in Hülle und Fülle : aus Franken ließ er das saftigste Kleeheu kommen , aus Ungarn den besten Mais , aus der Maingegend die fettesten Kastanien . Die billigen Stoffe für Kittys Stübchen , das man im vergangenen Sommer für den flügg gewordenen Klostervogel eingerichtet hatte , waren wohl aus der nächsten Stadt verschrieben ; aber die Möbelgestelle hatte der Boottischler des Seewirtes angefertigt ; und der Zauner-Wastl , der Dorfsattler - der übrigens den Ruf eines Universalgenies genoß und im Schloß Hubertus als eine Art Faktotum verkehrte - hatte die Polsterung übernommen . Die Sache war gar nicht so übel ausgefallen . Der weiße Leinenplüsch mit den mattblauen Streifen machte sich gut zu dem farblos polierten Lindenholz ; dazu die lichte Tapete ; das Stübchen sah aus wie frisch aus der Wäsche gekommen . Die Dielen waren blank , ohne Teppich ; nur vor dem Bett lag eine graue Hirschdecke . Der Tisch , die Kommode , zwei Etageren und alle sonstigen verfügbaren Plätzchen waren dicht angeräumt mit zierlichem Kram , mit Kolonnen von Photographien in blinkenden Rähmchen , über die das größere , mit französischer Widmung beschriebene Bild der Soeur supérieure hinausragte wie die Hirtin über die kleine Herde . Kitty wollte das offene Fenster schließen . Draußen plätscherte die Fontäne , und das steigende Mondlicht fiel schon über die Baumwipfel . Sinnend blickte Kitty hinaus in dieses Gewirr von finsteren Schatten und dämmerigem Licht ; statt das Fenster zu schließen , ließ sie sich auf einen Sessel sinken und lehnte sich mit beiden Armen über das Gesimse . Vor ihren träumenden Augen spann sich der Mondschein immer weiter , die Konturen des Laubwerkes mit einem schleierhaften Dunst überziehend . Die Nähe verschmolz mit der nebeligen Ferne in einen einzigen blaßgrauen Ton , so daß die weite Fläche der Wipfel mit den an den Park sich schließenden Wiesen und Wäldern fast anzusehen war wie eine von mattem Zwielicht überwobene unabsehbare Heide . Vor Kittys Gedanken belebte sich das Bild : verschwommen hob sich aus der Dämmerung ein verschlungener Pfad , rauh von Steinen , umwachsen von niederem Dorngestrüpp ; und zwischen den Dornen lag entkräftet die Gestalt einer Genie , mit schmerzvollen Zügen , in Lumpen gehüllt und mit zerzausten Schwingen . » Wie traurig ! « zitterte es leis von Kittys Lippen . Sie war so tief in diese Erinnerung versunken , daß sie den Schritt nicht hörte , der unter ihrem Fenster langsam über den Kiesgrund ging und in der Ulmenallee verklang . 4 Graf Tassilo verließ den Park und wanderte auf der mondhellen Straße dem Dorf entgegen . Nach einer Viertelstunde erreichte er den See . In weitem Kreise leuchteten die Fenster aller Villen . Auf der von Windlichtern erhellten Terrasse des Wirtshauses waren einige Tische mit Sommergästen besetzt , und am Ufer standen ein paar junge Burschen und Mädchen unter halblautem Geplauder beisammen . Sie verstummten bei Tassilos Ankunft ; einer der Burschen rannte davon , verschwand in der Schiffshütte , und man hörte das Klirren einer Kette und das Gepolter eines Bootes , das aus der schwarzen Hütte tauchte und am mondhellen Ufer anlegte : ein zierlicher Nachen , die Bänke mit Polstern belegt , der Steuersitz von einem geschnitzten Geländer umgeben . Der Knecht stieg aus , und Graf Tassilo übernahm die Ruder . Die weite Seebucht quer durchschneidend , glitt der Nachen einer Villa entgegen , aus deren Garten sich eine weiße Steintreppe zum Wasser senkte . Als der Kahn sich näherte , klang eine leise Stimme : » Tassilo ? Du ? « » Ja , Kind ! « Der Nachen legte an , und Graf Tassilo erhob sich , um die schlanke Gestalt des Mädchens zu umfangen , das ihn auf der Treppe erwartet hatte . » Anna ? « fragte eine andere Frauenstimme von der Villa her . » Willst du nicht den Mantel nehmen ? « » Nein . Die Luft ist so lind und warm wie in der Sonne ! « Von Tassilo gestützt , bestieg das Mädchen den Nachen , ließ sich im Spiegel nieder , schob das Boot von der Mauer ab und faßte die Schnüre des Steuers . Von kräftigen Ruderschlägen getrieben , rauschte der Kahn dem tieferen See entgegen ; im Mondlicht funkelten die Tropfen , die von den Rudern fielen , und hinter dem Steuer verblieb im dunklen Wasser eine leuchtende Furche . Eine Weile schwiegen die beiden ; dann sagte Tassilo : » Verzeih ' mir , daß ich dich warten ließ ! Bist du nicht ungeduldig geworden