zu ihr : » Freud und Leid miteinander tragen . Treu bleiben bis in den Tod . Streng jede Pflicht erfüllen . Stets der Pflicht eingedenk sein . In Wahrheit seine rechte Hand werden . In Frieden wandeln ... « Sie schüttelte sich bei dieser Erinnerung . Ja , ja ! Das hat er alles gesagt , und jetzt wußte sie auch , was das Wort Pflicht heißt . Warum hat ihr damals kein Mensch ihre Pflichten haarklein vorgesagt , vor dem Altare hörte sich die Geschichte wie eine lange schöne Rede an , sie hatte hingehorcht mit halbem Ohr und mit lachendem Herzen , es war ja so lustig , von allen Leuten angeschaut zu werden , schön aufgeputzt zu sein und Hochzeit zu halten . Und was der Leopold alles versprochen hatte , als er beim Altar stand und ihre Hand so fest drückte ! - Was ist aus dem Versprechen geworden ? - Ja , er ist treu geblieben , er hat für sie gesorgt , aber was er zu geben hatte , war wenig genug . Sie mußte es doch besser haben können auf der Welt , sie ist ja schöner als alle Mädchen und Weiber der Vorstadt . Mochte sie es anstellen , wie sie wollte , sie kam immer zu diesem Schlusse . Sie hatte schon ein schmerzhaftes Pochen und Zerren im Genicke , hinter den Schläfen fühlte sie ab und zu ein Krachen , als ob eine Stecknadel hineingestoßen würde , ihre Arme zitterten , so sehr erregte sie das Nachgrübeln über die Vergangenheit und Zukunft , dabei wurde die Arbeit in ihren Händen immer mehr , so widerwillig packte die Lene sie an . Von jenem Tage ab war kein Stäubchen in der Stube zu sehen , kein Knopf fehlte an den Hemden des Leopold , kein Fleck war in der Wäsche , und kam er heim , so dampfte die Suppe schon auf dem Tische . Das junge Weib hatte sich mit schwerfälliger Genauigkeit eingeprägt , was sie zu tun habe , um den Frieden zu erhalten , und von jenem Tage ab durfte der Mann nimmer über sein Hauswesen klagen . Was konnte ihm das helfen , nach kurzer Zeit schon hätte er über jede Nachlässigkeit geschwiegen , wenn ihn ihre roten Lippen mit einem Kuß begrüßt hätten , und selbst wenn er sie halb im Zorn , halb in auflodernder Zärtlichkeit an seine Brust riß , konnte er doch kein liebevolles Wort aus ihr herauspressen . Und das ging Woche um Woche so fort . » Was soll ich denn anfangen mit ihr ? « sagte der Leopold zu dem Laternanzünder , » sie ist jetzt für das Haus ein ganz tüchtiges Weib , sie ist nicht trotzig und keift auch nicht wie die andern , aber man kommt halt zu keiner rechten Freud neben ihr , sie geht um und um , hin und her bei einem , als ob sie ganz allein auf der Welt wär . « » Kauf ihr ein neues Kleid « , sagte der Laternanzünder , nachdem er sich schweigend besonnen hatte ; mit behaglicher Pfiffigkeit setzte er hinzu : » Und wenn sie sich am nächsten Sonntag damit aufdonnert , so führ sie am Arm durch die ganze Vorstadt , das wird sie schon wieder lebendig machen , sie ist halt ein verzogenes Ding , die Rote ! « » Ja freilich ! « seufzte der junge Ehemann , » wir alle miteinander haben sie verzogen , sie hat es viel zu oft gehört , daß sie schön ist « , er kaute an den Schnurrbartenden und wurde rot bis hinter die Ohren . » Hm ! - ja - schon möglich « , knurrte der Laternanzünder , » die Meinige war kein so schönes Frauenzimmer , und es hat aber doch so seine drei- , viermal genützt , wenn sie stützig worden ist , das neue Kleid hat sie gebogen , und in solchen Sachen sind die Weibsleut alleweil gleichgesinnt . « Der Leopold hörte den erfahrenen Ehemann aufmerksam an , er preßte den Kopf in die Hand und schaute mit traurigen Blicken auf die verwitterte Gestalt mit dem verschmierten grünen Kittel . Der hatte sein maulendes Weib zu Paaren getrieben , aber die beiden waren nun alt . Doch er und sein Weib waren jung , hatten das ganze Leben vor sich , konnten noch so glücklich sein , warum all die Reibereien , die Kleinlichkeiten , warum das armselige Bestechen des Weibes , dieses Spekulieren auf ihre Eitelkeit , was half das alles , wenn ihr Herz kalt war ? » Jetzt ist die Meinige alt « , knurrte der Laternanzünder in die schwermütigen Gedanken des Leopold , » jetzt ist sie alleweil gerührt über alles , ich glaub , das hat sie sich von der Christl ihrer Mutter angelernt , jetzt heult sie über jeden Knopf , wenn sie vergessen hat , einen anzunähen . Wenn es aber manchmal , so zum Quartal , einen tüchtigen Sturm im Haus gibt , dann kriegt sie keinen Atem , weil sie halt dick ist - dann schütt ich ihr einen Krug Wasser ins Genick , dann schnappt sie eine Weile wie ein Fisch , hockt sich in einen Winkel und jammert den ganzen Tag , als wenn ich ihr weiß Gott was tät . Neues Kleid aber kriegt sie doch keines ! « Er schleuderte die Arme mit einer großartig verneinenden Bewegung auseinander . Der Leopold war ganz still und weich geworden , er rieb den lackierten Schirm seiner Mütze auf dem Knie und sagte dann recht gedrückt : » Ich dank dir , Laternanzünder , für deinen guten Rat , du bist ja doch ihr Vormund und hast mitzureden . « » Ja ! « erwiderte der alte Dragoner und streckte die Brust würdevoll heraus . » Jetzt kaufe ich gleich das Kleid « , sagte der Leopold entschlossen , als ob es sich um etwas ganz Besonderes handelte