heißen Marsch- oder Schlachttag so recht müde geworden , hat man auch nicht viel Lust zum Schreiben . Ich bin ganz ruhig . Sowohl Ludwig als meine Brüder tragen geweihte Amulette - Mama hat sie ihnen selber umgehängt « ... » Wie stellst Du Dir denn einen Krieg vor , Lori , wo in beiden Heeren jeder Mann ein Amulett trüge ? Wenn da die Kugeln hin und her fliegen , werden sie sich harmlos in die Wolken zurückziehen ? « » Ich versteh ' Dich nicht . Du bist so lau im Glauben . Das klagt mir öfters Deine Tante Marie . « » Warum beantwortest Du meine Frage nicht ? « » Weil in ihr ein Spott auf eine Sache liegt , die mir heilig ist . « » Spott ? Nicht doch ... Einfach eine vernünftige Erwägung . « » Du weißt doch , daß es Sünde ist , der eigenen Vernunft die Kraft zuzutrauen , in Dingen urteilen zu wollen , die über sie erhaben sind . « » Ich schweige schon , Lori . Du kannst recht haben : das Nachdenken und Grübeln taugt nicht ... Seit einiger Zeit steigen mir so allerlei Zweifel an meinen ältesten Überzeugungen auf , und ich empfinde dabei nur Qual . Wenn ich die Überzeugung verlöre , daß es unbedingt notwendig und gut war , diesen Krieg zu beginnen , so könnte ich jenen nicht verzeihen , welche - « » Du meinst Louis Napoleon ? Das ist freilich ein Intrigant . « » Ob dieser oder andere - ich wollte unerschüttert glauben , daß es überhaupt keine Menschen waren , die den Krieg veranlaßt haben , sondern , daß er von selber » ausgebrochen « - ausgebrochen wie das Nervenfieber , wie das Vesuvfeuer - « » Wie Du exaltiert bist , mein Schatz . Laß uns doch vernünftig reden . Also hör ' mich an . In kurzem wird die Campagne ein Ende haben und unsere beiden Männer kommen als Rittmeister zurück ... Ich werde den meinen dann zu bewegen trachten , daß er einen vier- oder sechswöchentlichen Urlaub nehme , um mit mir ins Bad zu reisen . Es wird ihm gut thun nach seinen ausgestandenen Strapazen und auch mir , nach der ausgestandenen Hitze , Langeweile und Bangigkeit . Denn Du mußt nicht glauben , daß ich gar keine Angst habe ... Es könnte doch Gottes Wille sein , daß einer meiner Lieben den Soldatentod finde - und wenn es auch ein schöner , beneidenswerter Tod ist ... auf dem Felde der Ehre ... für Kaiser und Vaterland - « » Du sprichst ja wie der erste beste Armeebefehl . « » Es wäre doch schrecklich ... die arme Mama , wenn Gustav oder Karl etwas zustoßen würde ... Reden wir nicht davon ! Also , um uns von all dem Schreck zu erholen , gilt es , eine amüsante Badesaison durchmachen ... Am liebsten in Karlsbad - dort bin ich einmal als Mädchen gewesen und habe mich göttlich unterhalten . « » Und ich war in Marienbad ... Dort habe ich Arno kennen gelernt ... Aber warum sitzen wir so müßig da ? Hast Du nicht etwas Leinwand zur Hand , daß wir Charpie zupfen ? Ich war heute im patriotischen Hilfsverein und da kam - rate wer ? « Hier wurden wir unterbrochen . Ein Diener brachte einen Brief herein . » Von Gustav ! « rief Lori freudig , indem sie das Siegel brach . Nachdem sie ein paar Zeilen gelesen , stieß sie einen Schrei aus ; das Blatt entfiel ihren Händen und sie warf sich an meinen Hals . » Lori - mein armes Herz , was ist ' s ? « fragte ich , tief ergriffen - » Dein Mann ? ... « » O Gott , o Gott , « stöhnte sie . » Lies selber ... « Ich hob das Blatt vom Boden auf und begann zu lesen . Ich kann den Wortlaut genau wiedergeben , denn in der Folge habe ich den Brief von Lori mir erbeten , um dessen Inhalt in mein Tagebuch zu übertragen . » Lies laut , « bat sie - » ich habe nicht zu Ende kommen können . « Ich that nach ihrem Wunsche ; » Liebste Schwester ! Gestern hatten wir eine heiße Schlacht - das wird eine große Verlustliste geben . Damit Du - damit unsere arme Mutter nicht aus dieser das Unglück erfährt und damit Du sie langsam vorbereiten könnest ( sag ' , er sei schwer verwundet ) schreibe ich Dir lieber gleich , daß zu den für das Vaterland gefallenen Kriegern auch unser tapferer Bruder Karl zählt . « Ich unterbrach mich , um die Freundin zu umarmen . » Bis dahin war ich gekommen , « sagte sie leise . Mit thränenerstickter Stimme las ich weiter . » Dein Mann ist unversehrt und so auch ich . Hätte die feindliche Kugel doch lieber mich getroffen : ich beneide Karl um seinen Heldentod - er fiel zu Anfang der Schlacht , und weiß nicht , daß diese wieder - verloren ist . Das ist gar zu bitter . Ich habe ihn fallen gesehen , denn wir ritten nebeneinander . Ich sprang gleich ab , um ihn aufzuheben - nur noch einen Blick und er war tod . Die Kugel muß ihm durch Herz oder Lunge gedrungen sein ! es war ein schnelles , schmerzloses Ende . Wie viele andere mußten stundenlang leiden und mitten im toben der Schlacht hilflos daliegen , bis sie der Tod erlöste . Das war ein mörderischer Tag - mehr als tausend Leichen - Freund und Feind - bedeckten die Wahlstatt . Ich habe unter den Toten so manches liebe , bekannte Gesicht erkannt - das ist unter anderen auch der arme - ( hier mußte die Seite umgewendet werden ) der arme Arno Dotzky - « Ich fiel ohnmächtig zu Boden . » Jetzt ist alles aus , Martha !