das ist ein Glück , « meinte Fanny freundlich , » da wir nun gleich heimfahren können und keinen Wagen aus Mühlen brauchen . Die arme Adrienne hätte auch vielleicht geglaubt , ihre letzte Stunde sei gekommen , wenn sie auf einem Mühlener Bauernwagen durchschüttelt worden wäre . « Mühlen war ein zu Fannys Gütern gehöriges Dörfchen , welches in unmittelbarer Nähe der Station lag . » Komm , « sprach Fanny , den Arm des jungen Mädchens ergreifend , » meine kleine Kalenderheilige muß erst beichten . - Wir nennen Very manchmal so , weil sie einen so furchtbar nach Weihrauch duftenden Namen hat , « erklärte sie Adrienne . » Besteige Du einstweilen den Wagen und installire Dich mit Baby . - Guten Tag , Christian , « grüßte sie den Kutscher . Da Severina schwieg und neben Fanny mit sichtlichem Zögern einherschritt , so fragte Fanny mit einigem Nachdruck : » Nun ? Was ist geschehen ? « » Magnus ... « » Hat Dummheiten gemacht ! « setzte Fanny bestimmt dem von der andern zögernd ausgesprochenen Namen hinzu . » Leider gleich zwei auf einmal , « sagte Severina finster , » und Mama und Papa geben nun einander schuld ; Jedes behauptet , der andere habe ihn falsch erzogen . « » Nun , « meinte Fanny , » in dieser Behauptung ist das Recht auf Seite des Vaters . Aber was hat denn unser Doktor Magnus Hesselbarth angestiftet ? « » Er hat - gespielt und dann , es mag in der Leidenschaft des Verlierens oder des Weinrausches gewesen sein , dann hat er ein Duell provozirt und ausgefochten , welches seinem Gegner eine Stirnwunde und ihm einen Schuß im linken Arm einbrachte . Nun ist er heimgekommen wie ein Flüchtling . Die Wunde will die Pflege der Mutter schon ausheilen , aber die Spielschuld kann die Cassa des Vaters nicht decken , « berichtete das Mädchen . » O weh , « rief Fanny , » das mag stürmische Zeit bei euch gegeben haben ! « » Ich bin ja da , alles auszubaden , « sagte Severina mit großer Bitterkeit . » Pfui , Very ! « schalt Fanny , über deren Gesicht sich die Schatten sorgenvoller Gedanken gebreitet hatten , » in solchen Tagen sucht der Sorgende sich eben gern einen Blitzableiter für die üble Laune . Das ist menschlich , das solltest Du verzeihen . « » So ? « fragte das Mädchen . » Diese Menschlichkeit passirt doch nicht allen Menschen . Als im vorigen Frühling die Elbe austrat und Ihnen die mühsam kultivirten Fichtenschonungen verschlammte und versandete , Ihnen die Mühe und Kosten von Jahren zerstörend , da hat kein Mensch ein ungeduldiges Wort von Ihnen gehört . Aber freilich , meine Pflegemutter ist auch eine fromme Christin , sie muß in jedem Unglück das Strafgericht Gottes oder die Versuchung Satans beklagen . « » Was die Natur uns zufügt , zwingt uns unsere Ohnmacht , mit Geduld zu tragen . Geduld mit Menschen haben , ist tausendmal schwerer , « sprach Fanny milde . » Aber nun komm , mein Kind , laß meine Schwägerin nichts von irgendwelcher Verstimmung merken . Sie bedarf der Heiterkeit und soll nicht gleich herausfinden , daß wir in Mittelbach so wenig gegen Sorge und Leid versichert sind wie die Menschen anderswo . « Sie schritten beide auf den Wagen zu , in dessen einer Ecke Adrienne schon lag , den aufgespannten Sonnenschirm über sich , die müden Augen auf den fernen Horizont gerichtet , zu dessen blauender Waldlinie eine endlose , pappeleingefaßte Chaussee lief . » Müssen wir bis dahin fahren ? « fragte sie . » Gewiß , meine Welt liegt , wie die Königreiche im Märchen , hinterm Wald . Diese Roggen- und Hafergefilde , welche Dir ohne Zweifel sehr eintönig vorkommen , sind Driesaer Grund und Boden , die Gruppe von Häusern und Baumkronen da rechts am Ende der Sehweite ist Dorf und Schloß Driesa . Mein Mittelbach fängt hinter dem Wald an und geht bis an die Elbeufer . Mein Reich ist nicht klein . Joachim wird zu thun bekommen . « Der Wagen setzte sich in Bewegung ; Adrienne war zu erschöpft , Severina nicht gewohnt zu sprechen ; die Magd surrte ein Schlummerlied mit geschlossenen Lippen und wiegte dabei das Kind im Arm . Lautlos gingen die Räder im Sande ; Lerchen stiegen mit zwitscherndem Gesang in die Höhe . Fanny , die lange still nachdachte , fuhr plötzlich wie erwachend empor , sah Severina an , nickte ihr heiter zu und begann mit dem Kutscher ein Gespräch , welches sich zum Entsetzen Adriennens um das Befinden einer zum Kalben stehenden Kuh und eines krank gewesenen Pferdes drehte . Eine Fahrt von zwei Stunden , davon die letzte halbe Stunde sie durch einen schönen Eichenwald führte , brachte sie nach Mittelbach . Adrienne war noch nie auf dem Lande gewesen , sonst würde ihr die Sauberkeit und Behäbigkeit aufgefallen sein , welche selbst die kleinsten Anwesen hier umgaben . Das Dorf gruppirte sich um eine Kirche , die aus einem von blühendem Hollunder und breitkronigen Linden überschatteten Kirchhof aufragte . Nahe dem Kirchhof befand sich im bunt blühenden Garten das Pastorenhaus . Nur ein weißer Spitz stand hinter der hölzernen Gitterpforte und bellte durch die Trallen den vorüberfahrenden Wagen an . Sonst schien das Haus von Bewohnern verlassen . Neben dem Pastorengarten bog eine tiefschattige Ulmenallee von der Dorfstraße ab und führte geradewegs in fünf Minuten auf das Schloß zu . Das Schloß verdiente im Grunde diesen stolze Baulichkeiten versprechenden Namen keineswegs . Es war ein großes , breites Haus , das über dem Parterre ein Stockwerk und einen zweifensterigen Erker trug . Vor der grün angestrichenen Hausthür befanden sich ein Beischlag , dessen Bänke je von einer Linde überschattet waren , die wie zwei Schildwachen rechts und links vor der grau getünchten Hausmauer standen . » Schön ist er nicht , der alte Kasten