ein Ausdruck mißvergnügter Unruhe über seine Züge gehuscht . Dann zuckte seine Lippe , seine Augen zwinkerten und er hob unbewußt die Hand nach der Schläfe , wie um etwas fortzuscheuchen , das ihn mit grauen Fledermausflügeln umflatterte . Auch wollten ihm Verschiedene angesehen haben , wenn ein Seufzer es unwillkürlich verrieth , daß er irgend eine unglückliche Liebe oder eine verrückte Leidenschaft mit sich herumschleppe . Denn Gewissensbisse konnte man doch kaum vermuthen . Ein großer Genremaler erinnerte sich noch , daß Rother nervös und verlegen geworden sei , als man ihn gefragt habe , woher der famose Studienkopf stamme , den ein Illustrirtes Blatt kürzlich von ihm veröffentlichte ; ob dies Prachtexemplar des weiblichen Kraftadels , » Motiv aus Karl Stielers Hochlandsliedern « einem lebenden Modell abgelauscht sei . Einem andern Collegen , mit welchem er an den Ufern des Starnberger Sees entlang gepirscht und weiterhin zu einer Sennhütte emporgeklommen war , hatte er einmal , als sie so hoch über allem Thälerqualm im Angesicht der Felskuppen und der Abendröthe den Wein ihrer Feldflaschen schlürften , in weinerlicher Wehmuth zugerufen : » Sollte man nicht denken , daß hier Alles , Alles unter Einem bergtief versunken wäre , was an kleinlichen Begierden und dummen Sentimentalitäten uns in der ungesunden Hitze und Hetze der Großstädte gequält hat ! Aber nein - da ! Das quält mich noch hier ! « Damit hielt er seinem erstaunten Freunde eine Photographie unter die Nase , welche eine weibliche Gestalt in einfachem dunkelm Gewande darstellte . » Sakra ! Ist die aber hübsch ! Gratulire zu Deinem Geschmack ! « Da Rother aber in seiner gewöhnlichen süffisanten Manier jeder hübschen Larve die Cour geschnitten und den Schwerenöther gespielt hatte , so war Niemandem auch nur der Gedanke gekommen , daß diesen lebenseifrigen burschikosen Kunstjüngling bei seinen altbairischen Volksstudien zu seinem neuen Bilde » Die Sendlinger Schlacht « ein innerer Ahasver begleite , der ihn nimmer losließ und all seine Gedanken nur einem einzigen Drehpunkte zuschob . Nur sein intimster Münchener Freund , der geniale Landschaftsmaler Knorrer , war in einer vertrauten Stunde dem Modellgeheimniß des weiblichen Studienkopfes nahegerückt . Und so hatte er ihm denn noch beim Abschied auf dem Bahnhof nachgerufen : » Du ! Daß Du mir Deine Berliner Kaltblütigkeit behältst ! Manchmal muß man rücksichtslos gegen Andere sein - sei ' s diesmal gegen Dich selbst ! Willst ? Daß Du mir Dein Motiv nicht wieder aufsuchst ! Ich rath ' s Dir ! Such ' ein andres Modell ! Schäme Dich ! Ein solcher Kerl und dies ewige Selbstgequäle ! Laß fahren dahin ! Sie war die erste nicht - und Du bist nicht der erste . « - - Berlin ! Das mächtige Räderwerk der heimathlichen Weltstadt sanfte und surrte wieder verwirrend um ihn her . Das unverdauliche Kümmelbrot , mit Schmalz beschmiert und mit Schinken belegt , das er eilig als Frühstück hinunterschlang , in der Kutscherkneipe des Anhalter Bahnhofs , die ihm am nächsten lag , weil seine Droschke dort grade hielt - muthete ihn so heimathlich berlinisch an ! Billig und schlecht und nur märkischen Mägen verdaubar . Kaum in seinem Atelier wieder eingebürgert - er bewohnte eine behaglich eingerichtete Junggesellen-Wohnung am Lützowplatz , wenn auch nur aus Atelier und Schlafzimmer bestehend , natürlich dritte Etage - , fühlte Rother den dämonischen Zwang , unverzüglich seiner Schwäche nachzugeben und erröthend den Spuren seiner Liebe zu folgen . Ja , er mußte sich vor sich selber schämen , er war sich seiner Thorheit bewußt , und doch ! Von Erfolgen begünstigt , in äußerlich befriedigenden Verhältnissen , fühlte er sich rastlos von der rasenden Leidenschaft verzehrt , die in ihm gährte und gegen die er vergeblich anzukämpfen suchte . Er mußte sie wiedersehn . Ja , sie , das Modell seines neuen Bildes . Oh dies neue Bild ! Er musterte es nochmals . In München auf der Reise war es vollendet . Halb scheu , halb entzückt betrachtete er jetzt sein Werk , als er die Leinwand aus der Verkappung enthülst und auf die Staffelei gestellt hatte . Es stellte eine Baierische Bäuerin im halben Naturzustande vor ; soeben hat sie ihr Mieder abgeworfen und blickt schwerathmend zum halboffenen Fenster hinaus , als ob sie etwas erwarte . Und sieh ' , dort ragt auch schon ein männlicher Kopf über das Fensterbrett empor - gleich wird ihr Liebster nächtlicherweile in ihre Arme fliegen . Dieser männliche Kopf trug die Züge Rothers selbst . Die Bäuerin aber , ein üppigschönes junges Weib mit klassischen Zügen - - er verglich jene Photographie mit ihr , die er stets auf dem Herzen mit sich trug : Ja , sie war erschreckend ähnlich ! Aus dem bairischen Hochland auf der Reise hatte er an sie geschrieben und ihr versichert : Wenn die ganze Welt sie verleumde und ihr ' was nachsage , er glaube fest an sie . Darauf hatte sie ihm sofort in einem reizenden Brief geantwortet , aus welchen er ihr unverzüglich nochmals geschrieben und ihr seine Münchener Adresse angegeben . Kaum dort angelangt , fand er bereits einen neuen Brief von ihr vor . Sie hatte also ihren Maler nicht vergessen , der sie zuerst als Modell aufgespürt , als sie , eben nach Berlin gelangt , einige Wochen als Buffetière eines Wiener Cafés fungirt hatte . Zuerst hatte sie diesen neuen Beruf mit Eifer erfaßt . Freilich » saß « sie nur zu Kopf und Händen . Gegen alle und jede » Aktstudien « wehrte sie sich energisch . Und endlich erklärte sie , daß das Modellstehen zwar einträglich , aber nicht anständig sei , weil sie ewig von den Herrn Malern , ob jung ob alt , mit zudringlichen Anträgen bestürmt werde . Da ziehe sie es denn doch vor , wieder als Zahlkellnerin in einem Wiener Café ihr Brot zu verdienen , wo sie vor derlei sicher sei . Kurz vor Rothers Abreise hatte sie diesen Vorsatz auch ausgeführt und in einem belebten