Streben und Bangen . Was war es gewesen , das ihn so frühzeitig hatte reifen lassen ? Ob die Hilfsbedürftigkeit der einsamen Mutter , die ihn so bald in all ihre Kümmernisse eingeweiht hatte ? Ob der grübelnde , strebende , in die Zukunft hinausschauende Geist , der ihm eigen war ? Gar oft , wenn er sinnend dasaß , die Ellbogen auf den Tisch gestützt - auch in seinen Gebärden war er wie ein Erwachsener - strich die Mutter ihm mit ihrer harten , ausgearbeiteten Hand über Stirn und Wangen und sagte : » Mach ein freundliches Gesicht , mein Junge - sei froh , daß du noch keine Sorgen hast ! « O , er hatte deren genug ! Die Sorgen gehörten zu ihm wie sein Fleisch und Blut ! - Ob das Huhn , das heute abhanden gekommen , sich morgen wiederfinden , wie dem Falben die Spatsalbe bekommen werde , die der Vater gestern aus der Stadt mitgebracht hatte ? Ob das Heu auch schon trocken genug gewesen sei , ehe es umgewendet wurde , und wie die Stare unter dem Dachfirst ihre Jungen großziehen würden , ohne daß die Katze dazu käme ? Über alles machte er sich Gedanken . Das Sorgen war ihm angeboren , nur für sich selber sorgte er nie . Je älter und verständiger er wurde , desto tiefer wurde auch sein Einblick in die Mißwirtschaft , die sein Vater hatte einreißen lassen , und wiederum rang sich gar oft der Seufzer aus seiner Brust : » O , wär ' ich erst groß ! « Die Furcht vor des Vaters Zornausbrüchen ließ , wie natürlich , seine Bedenken nicht laut werden , und wenn er jemals wagte , sie der Mutter gegenüber auszusprechen , so schaute sie sich mit verängstigten Augen im Zimmer um und rief beklommen : » Schweig still ! « Und dennoch merkte der Vater gar wohl , wohin der Sinn seines Sohnes gerichtet war . Er hatte ihm den Spitznamen » Topfgucker « gegeben und foppte ihn damit , sobald er ihn zu Gesicht bekam . In seinen guten Stunden , wie sich von selber versteht : in seinen bösen - prügelte er ihn , mit der Elle , mit dem Peitschenstiel , mit dem Geschirrriemen - was er gerade in die Hand bekam . Am meisten Furcht aber hatte Paul vor dieser Hand selber , deren Schläge weher taten als alle Stöcke der Welt . Der Vater hatte eine eigentümliche Manier zu ohrfeigen . Er schlenkerte die Hand ins Gesicht mit den Knebeln nach außen , so daß Nägel und Gelenke blutunterlaufene Male auf den Wangen zurückließen . Diese Art Ohrfeigen nannte er seine » Backentröster , « und wenn er die Absicht hatte , Paul zu prügeln , so rief er ihm in freundlichstem Tone entgegen : » Komm her , mein Sohn , ich will dich trösten . « Hatte dieser seine Schläge empfangen , so pflegte er zitternd vor Scham und Schmerz auf die Heide hinaus zu laufen , und während er , um die Tränen zu verbeißen , Gesichter schnitt und mit den Fäusten trommelte , pfiff er sich eins . Im Pfeifen tat er , wie all seine Sehnsucht , sein kindliches Träumen , auch seinen Zorn , seine Entrüstung kund . Die Empfindungen , für die sein ungelenker Geist keinen Ausdruck fand , für die ihm Worte , selbst Gedanken fehlten , die ließ er im Pfeifen kühn und unaufhaltsam in die Einsamkeit hinausströmen . So wußte seine gedrückte , schüchterne Seele sich Luft zu machen . Ganze Symphonien führte er auf - schrill und schreiend zum Beginn , sanfter und sanfter werdend und endlich dahinschmelzend in Wehmut und Entsagung . Niemand ahnte , welche Kunst er einsam pflegte und wieviel Trost und Erhebung er ihr zu danken hatte , selbst die Mutter nicht . Seit er sie einmal an einem Winterabend , als er , ohne ihrer zu achten , leise vor sich hinpfiff , hatte in Tränen ausbrechen sehen , seitdem unterließ er es , sobald sie in der Nähe war . Er glaubte , es täte ihr wehe ; welche Macht ihm in diesen Tönen gegeben war , davon ahnte er nichts . Nur stolz war er bisweilen , wenn er nach dem » weißen Hause « hinüberschaute , daß er das Pfeifen doch noch gelernt habe , und wenn ihm irgendeine Phantasie insbesondere gelungen schien , so dachte er bei sich : » Wer weiß , ob ihr mich auslachtet , wenn ihr das hören würdet ! « Aber nie wieder war er einem von ihnen begegnet . 6 Seit einiger Zeit trug sich Herr Meyhöfer mit großen Plänen . Er hatte entdeckt , daß das Torfmoor , welches das Heidegehöft in weitem Bogen umspannte , einen sicheren Verdienst zu geben imstande war . Schon zwei- oder dreimal , wenn ihm das Messer an der Kehle gesessen , hatte er als äußersten Notbehelf Torf stechen lassen und je fünf einspännige Fuhren nach der Stadt geschickt . Heimlich , ganz heimlich - denn er war zu stolz , um für einen » ganz gewöhnlichen Torfbauern « gehalten zu werden . Seine Leute hatten dann jedesmal zwanzig bis fünfundzwanzig Mark Barerlös heimgebracht und erzählt , daß noch weit mehr auf diese Art zu gewinnen wäre , weil schwarzer , fester Torf auf dem Markte ein sehr begehrter Artikel sei . Doch Meyhöfer war nicht zu bewegen , das Moor in dieser Weise auszunutzen . » Ich hab ' mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben , « sagte er , » ich will lieber im Großen zu Grunde gehen als im Kleinen gewinnen « - und dabei warf er sich in die Brust wie ein Held . Aber das Moor ließ ihm keine Ruhe . - Es war im September nach einer ausnahmsweise günstigen Ernte , als Löb Levy , der gefällige Freund aller verschuldeten Gutsbesitzer , wöchentlich zwei- , dreimal auf dem Hofe erschien und viel mit dem