» Das Klopstock-Haus ? « wiederholte Cécile . » Sagten Sie nicht , es stände ... Wie hieß es doch ? « » Im Brühl . Ja , meine gnädigste Frau . Aber da läuft eine kleine Verwechslung mit unter . Was im Brühl steht , das ist das Klopstock-Tempelchen mit der Klopstock-Büste . Dies hier ist das eigentliche Klopstock-Haus , das Haus , darin er geboren wurde . Wie gefällt es Ihnen ? « » Es ist so grün . « Rosa lachte lauter und herzlicher , als die Schicklichkeit gestattete , sofort aber wahrnehmend , daß Cécile sich verfärbte , lenkte sie wieder ein und sagte : » Pardon , aber Sie haben mir so ganz aus der Seele gesprochen , meine gnädigste Frau . Wirklich , es ist zu grün . Und nun excelsior ! Immer höher hinauf . Sind es noch viele Stufen ? « Unter solchem Gespräch erstiegen alle das noch verbleibende Stück Weges , eine gepflasterte Treppe , deren Seitenwände dicht genug standen , um gegen die Sonne Schutz zu geben . Und nun war man oben und freute sich , aufatmend , der Brise , die ging . Der Platz , den man erreicht hatte , war ein mäßig breiter , Schloß und Abteikirche voneinander scheidender Hof , der , außer den auf ihm lagernden Schatten und Lichtern , nichts als zwei Männer zeigte , die , wie Besuch erwartende Gastwirte , vor ihren zwei Lokalen standen . Wirklich , es waren Kastellan und Küster , die zwar nicht mit haßentstellten , aber doch immerhin mit unruhigen Gesichtern abwarteten , nach welcher Seite hin die Schale sich neigen würde , worüber in der Tat selbst bei denen , die die Entscheidung hatten , immer noch ein Zweifel waltete . Besichtigung von Schloß und Kirche , so lautete das Programm , das stand fest , und daran war nicht zu rütteln . Aber was noch schwebte , war die Prioritätsfrage . Gordon und St. Arnaud sahen sich also fragend an . Endlich entschied der Oberst mit einem Anfluge von Ironie dahin , daß Herrendienst vor Gottesdienst gehe , welchem Entscheide Gordon in gleichem Tone hinzusetzte : » Preußen-Moral ! Aber wir sind ja Preußen . « Und so wandte man sich denn rasch entschlossen dem Kastellan zu , freilich nicht ohne sein Vis-à-vis , den nach links hin stehenden Küster , mit einem hoffnunggebenden Gruße gestreift zu haben . Er verneigte sich denn auch in Erwiderung darauf verbindlich lächelnd und schien alles in allem nicht unzufrieden über diesen Gang der Dinge . Denn unten in der Stadtkirche läuteten eben die Mittagsglocken , und etwas Bratwurstartiges , das von der Küche her durch die Luft zog , ließ das » In die zweite Linie gestellt werden « fast als einen Vorzug erscheinen . Unter diesen Vorgängen , die nur von Rosa scharf beobachtet und mit Künstlerauge gewürdigt worden waren , waren alle vier in den Schloßflur eingetreten , an dem respektvoll die Honneurs machenden Kastellan vorüber . Dieser , ein freundlicher und angenehmer Mann , nahm durch seine Freundlichkeit sofort für sich ein , fiel aber andererseits durch ein unsichres und fast ein schlechtes Gewissen verratendes Auftreten einigermaßen auf , ganz wie jemand , der Lotterielose feilbietet , von denen er weiß , daß es Nieten sind . Und wirklich , sein Schloß konnte , durch alle Räume hin , als eine wahre Musterniete gelten . Was es vordem an Kostbarkeiten besessen hatte , war längst fort , und so lag ihm , dem Hüter ehemaliger Herrlichkeit , nur ob , über Dinge zu sprechen , die nicht mehr da waren . Eine nicht leichte Pflicht . Er unterzog sich derselben aber mit vielem Geschick , indem er den herkömmlichen , an vorhandene Sehenswürdigkeiten anknüpfenden Kastellans-Vortrag in einen umgekehrt sich mit dem Verschwundenen beschäftigenden Geschichts-Vortrag umwandelte . Voll richtigen Instinkts ersah er hierbei den Wert der historischen Anekdote , die denn auch beständig aus der Verlegenheit helfen mußte . Rosa , deren Wißbegier auf ganze Säle voll Rubens ' und Snyders ' , voll Wouvermans und Potters rechnete , hielt sich selbstverständlich unausgesetzt in der Nähe des Kastellans und mühte sich , durch allerlei klug gestellte Fragen seine besondre Teilnahme zu wecken . » Und in diesen Räumen also haben die Quedlinburger Äbtissinnen residiert ? « begann sie mit erheucheltem Interesse , denn es lag ihr ungleich mehr an Bärenhatz und Sechzehnendern als an Porträts mit Pompadourfrisuren . » In diesen Räumen also ... « » Ja , meine gnädigste Frau « , antwortete der Kastellan , der unsre Freundin um ihres muntern Wesens und vielleicht auch um ihres Embonpoints willen für eine glücklich verheiratete Dame nahm . » Ja , meine gnädigste Frau , wirklich residiert , das heißt mit Hofstaat und Krone . Denn die Quedlinburger Äbtissinnen waren nicht gewöhnliche Kloster-Äbtissinnen , sondern Fürst-Abbatissinnen und saßen von Mechtildis , Schwester Ottos des Großen , an bei den Reichsversammlungen auf der Fürstenbank . Und hier im Schlosse war auch der Thronsaal . Es ist der Saal nebenan , in welchem ich die gnädige Frau vorweg bitten möchte , die roten Damasttapeten beachten zu wollen . Es ist Damast von Arras . « Und damit traten alle , von einem kleinen , bis dahin besichtigten Vorzimmer her , in den großen Thronsaal ein , in welchem , neben der so ruhmvoll erwähnten Damasttapete , nur noch der getäfelte Fußboden an die frühere Herrlichkeit erinnerte . Rosa sah sich verlegen um , was dem Führer nicht entging , weshalb er seinen Vortrag rasch wieder aufnahm , um durch Erzählungskunst den absoluten Mangel an Sehenswürdigkeiten auszugleichen . » Also , der Thronsaal , gnädige Frau « , hob er an . » Und hier , wo die Tapete fehlt , genau hier stand der Thron selbst , der Thron der Fürst-Abbatissinnen , ebenfalls rot , aber von rotem Samt und mit Hermelin verbrämt . Und mit dem zuständigen Wappen : Zwei Kelche mit einem Pokal . «